Der verbotene Bericht

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Kurzbeschreibung des Verlags:

Das Jahr 1527: Als der marokkanische Sklave, von seinem Besitzer Estebanico genannt, gemeinsam mit der spanischen Flotte in Florida ankommt, kann er nur staunen, mit welcher Selbstverständlichkeit sich seine spanischen Herren ein Land nehmen, das offensichtlich anderen gehört – und zwar nur, indem sie diese Tatsache aussprechen, ganz egal, ob die Eingeborenen dies nun hören oder nicht. Nach dieser ersten, vermeintlich einfachen Eroberung stehen der spanischen Flotte jedoch Krankheit, Widerstand und Hunger bevor – und nur vier der Männer schaffen es, das Abenteuer zu überleben und darüber zu berichten. Einer von ihnen ist Estebanico. Denn warum sollten die spanischen Herren die Einzigen sein, die berichten dürfen? Als freier Mann und rückblickend setzt sich Estebanico an seinen eigenen Bericht und schildert die Begebenheiten der legendären Narvaez-Expedition im Jahr 1527 so, wie sie waren – oder zumindest so, wie er sich daran erinnern kann.

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FALTER-Rezension

Gold Rush am Golf von Mexico

Am 17. Juni 1527 stach der Konquistador Pánfilo de Narváez in See. Er hatte eine Rechnung zu begleichen mit Hernán Cortés, dem Herrscher von Mexiko, und der spanische König unterstützte ihn dabei gerne, wenn er sich außerdem bereiterklärte, Florida und die Gebiete nördlich des Golfs von Mexiko bis hinüber zum Rio Grande für die spanische Krone zu sichern.

Im April 1528 landete die Flotte in Florida. Es dauerte nur ein paar Tage, bis eine Standarte in den Boden gerammt war und ein mitgereister Notar das Land zum Besitz des spanischen Königs erklärt hatte. Nun konnte man sich auf den Weg nach Mexiko machen, wobei der Konflikt mit Cortés nur als Vorwand diente. Viel stärker trieb die Gier nach Gold. Unglaubliche Mengen davon, so wussten es Gerüchte, seien hier zu holen.

Mit dabei war ein Offizier, der in Spanien viel Geld verloren hatte und nun hoffte, sich als Gefolgsmann von Narváez wieder sanieren zu können. Standesgemäß hatte er auf die Reise einen Sklaven mitgenommen, Estevanico aus Nordafrika. Die kommenden acht Jahre – der Weg nach Mexiko entwickelte sich zum veritablen Horrortrip − hätte er ohne ihn kaum durchgestanden. In einem offiziellen Bericht an Kaiser Karl V. wird er nur einmal als einer von vier Überlebenden genannt: Estevanico, es negro alárabe, natural de Azamor – Estevanico, ein arabischer Neger aus Azemmour.

Laila Lalami, 1968 in Rabat geboren, seit 1992 in Los Angeles und in den USA eine vielfach preisgekrönte Autorin, erteilt nun ihm das Wort in einem Roman, der sich als verspätete, postkoloniale Erwiderung auf den Bericht an Karl V. versteht. Estevanico erzählt die Geschichte der kläglich gescheiterten Expedition aus seiner Perspektive – der Perspektive eines Mannes, der, selbst Opfer der Kolonialisierung Nordafrikas, unfreiwillig an der Kolonialisierung Mittelamerikas mitwirkt. Wäre seine Figur nicht historisch verbürgt als der erste Afrikaner auf amerikanischem Boden, als ein Mensch, der sich der indigenen Bevölkerung gegenüber ungewöhnlich offen und verständnisvoll zeigte: Man würde ihn wohl einfach als postkoloniale Kopfgeburt abtun.

Der Estevanico, wie ihn sich Lalami ausgedacht hat, ist eine widersprüchliche Figur. Seine marokkanische Heimat musste er verlassen, weil er sich leichtsinnig um sein Geld gebracht hatte. Am Ende beteiligte er sich selbst am Sklavenhandel, doch das rettete ihn nicht vor dem Bankrott, durch den er dann selbst in die Sklaverei gezwungen wurde.

Die Europäer beobachtet er mit großem Erstaunen. Durch den schieren Akt der Benennung machen sie sich die Welt untertan. Das beginnt mit der Zwangstaufe in Sevilla, bei der eine einzige Geste genügt, ihn, den seine frommen Eltern Mustafa ibn Muhammad ibn Abdussalam al-Zamor nannten, in den Katholiken Esteban zu verwandeln und den sein späterer Herr Estevanico rufen wird. Das setzt sich fort in der Gewohnheit der Kolonisatoren, Länder, Flüsse, Berge und Städte neu zu benennen und sie damit der indigenen Kultur zu entreißen. Die einheimische Bevölkerung sieht Estevanico auf der feindlichen Seite der europäischen Invasoren, von denen er sich allerdings durch die Farbe seiner Haut unterscheidet – ein Europäer, der aber kein Europäer ist.

Opfer und Täter zugleich, dazu wohl außerordentlich intelligent und sozial hoch begabt, ist Estevanico die Rolle des Vermittlers auf den Leib geschrieben. Verblüffend schnell lernt er die Sprachen der Einheimischen und ist bald der Einzige unter den Invasoren, dem diese Vertrauen entgegenbringen. Ungewollt und eher zufällig gerät er auch noch in die Rolle eines Medizinmanns – fortan zieht er mit großem Gefolge von Dorf zu Dorf, um die Menschen von allen möglichen Krankheiten zu heilen, mit Methoden übrigens, die er nicht aus Europa mitgebracht, sondern sich vor Ort angeeignet hat.

Doch damit ist schon fast das Ende der Handlung erreicht, von der bis jetzt nur in Andeutungen die Rede war. Von Florida also bricht die Expedition Richtung Rio Grande auf, anfangs noch mit Schiffen entlang der nördlichen Ufer des Golfs von Mexiko, später, als diese verloren und unzählige Männer umgekommen sind, zu Fuß durch Urwälder, Sümpfe und reißende Flüsse. Irgendwann geht es nur noch ums blanke Überleben.

Lalami lässt Estevanico im Stil eher konventioneller Abenteuerromane erzählen, wie man sie vor ungefähr fünfzig Jahren jungen Menschen zu Weihnachten geschenkt hat. Eine verschämte Notiz im Impressum weist darauf hin, dass der Sprachgebrauch dem historischen Kontext des Inhalts folgt, womit wohl gemeint ist, dass Indianer hier immer noch Indianer heißen. Sie liefern sich mit den Invasoren grausame Schlachten, zwischenzeitlich müssen sich die Spanier bei ihnen mit harter Arbeit ihr Essen verdienen.

Diese Verschiebung der Machtverhältnisse, die zunächst schleichende, dann unaufhaltsame Niederlage der Europäer, die – man darf es wohl so nennen – Resilienz der Einheimischen, schließlich die Soft Power, mit der sich Estevanico durch alle Konflikte hindurch manövriert, ohne dabei immer frei von Schuld zu bleiben: Das sind die großen Bögen, die diesen Roman souverän zusammenhalten.

Dass er in einer großen, transkulturellen Vision endet, entspricht der Logik des Genres: ein Breitwandepos, wie es eigentlich Werner Herzog gefallen müsste, das menschliche Tragödien genauso kunstfertig entwickelt, wie es in eindrucksvollen Naturschilderungen schwelgt, das pittoreske Kulissen mit quirligem Leben füllt und für die geschichtliche Gerechtigkeit Partei ergreift: Mit Laila Lalami ist der Historienroman nun auch in der postkolonialen Gegenwart angekommen.

Tobias Heyl in Falter 42/2022 vom 21.10.2022 (S. 7)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783036958880
Ausgabe 1. Auflage
Erscheinungsdatum 13.10.2022
Umfang 496 Seiten
Genre Belletristik/Historische Romane, Erzählungen
Format Hardcover
Verlag Kein & Aber
Übersetzung Michaela Grabinger