
Weg des Fleisches und des Gesteins
Jutta Person in FALTER 12/2026 vom 18.03.2026 (S. 18)
Vielleicht fängt alles mit dem Ficus an, der allmählich seine Blätter fallen lässt. Eine Schriftstellerin sitzt an ihrem Schreibtisch und beobachtet den Blattverlust des Baums. Könnte „Calcium Plus“ helfen, ein Flüssigdünger, oder „Calcium Kick“, ein Granulat? Die Betrachtung der Zimmerpflanze vermischt sich mit einer ganz anderen Unruhe, denn draußen, nicht allzu weit entfernt, stirbt ein Familienmitglied: Der schwer kranke Onkel Per wird ins Kantonsspital verlegt, und die Icherzählerin hofft, ihn noch einmal besuchen zu können.
Per war nicht nur ein geliebter Onkel, sondern auch ein Ersatz für den richtigen Vater namens Klas, der aus ihrem Leben verschwunden war. Per und Klas, die einsilbigen Brüder, haben das Mädchen auf denkbar unterschiedliche Weise geprägt. Per nimmt sie mit zum Wandern in den Bergen, Klas folgt einer Erleuchtung, die ihn dazu bringt, jeden Kontakt radikal zu verweigern. Der Onkel ist schon gestorben, als seine Nichte im Krankenhaus ankommt: An seinem Totenbett hält sie all die Mikromomente der Schockstarre und Ratlosigkeit fest, die die anwesenden Verwandten miteinander verbinden.
Auf Pers Tod folgt ein Ablösungsprozess, der schon viel früher begonnen hatte. Jahrelang war die Protagonistin an den Bruchkanten eines Verlusts entlanggewandert, dem sie jetzt eine so ungewöhnliche wie bildstarke Trauerarbeit folgen lässt: Sie beschäftigt sich mit Steinen, genauer gesagt, mit Kalk. Vom Kalzium in unseren Knochen bis zu den Geröllfeldern aus Kalkstein, zurück zur Entstehung der Alpen und zum Tethysmeer.
„Da ist eine Landschaft, ein Riff. Korallen in allen möglichen Formen und Farben, verzweigt, verästelt“ – so stellt sie sich das einmal vor. Übrig bleiben Sedimente, die wiederum in die Familiengeschichte zurückführen, zu den Großeltern und darüber hinaus zur Frage, was uns alle eigentlich ausmacht. Alina – der Name fällt erst spät, in einer Email an ein Mineraliengeschäft –, Alina also belegt den Workshop „Fossilien selber präparieren!“ und interessiert sich zunehmend für die verschiedenen Verarbeitungsstufen des Kalks, vom Brennen bis zum Löschen.
Etwas Karges und Lakonisches, gleichzeitig auch Feinfühliges und Freundliches zeichnet die Sprache dieses Romans aus, in dem die Gesteinsschichten, Relikte und das Wandern durchs Gebirge eben keine bloßen Metaphern sind. Alina will den „Vaterbrocken“ loswerden, und sie weiß, dass nicht nur der Kopf, sondern auch Hände und Füße beteiligt sind, oder vielmehr der ganze Körper, bis in die kleinsten chemischen Verbindungen.
Laura Vogt, 1989 in der Ostschweiz geboren, hat bereits Romane veröffentlicht, die von Verlassenen und Verschwundenen handeln, kurz, von Familie in ihren verschiedenen Formationen. Alina kommt bis nach Calcara, ein Dorf, in dem Kalk noch auf traditionelle Weise im Kalkofen gebrannt wird – und auf dieser Spur der Steine entsteht tatsächlich etwas Neues. Eine metamorphotische Materialkunde, die lange nachwirkt.


