Von der Liebesmüh auf der Couch
Tessa Szyszkowitz in FALTER 1-3/2026 vom 14.01.2026 (S. 30)
Kommen Sie herein, Sie brauchen doch nicht auf der Straße zu warten", sagt Stephen Grosz, er hat den Besuch durchs Fenster erspäht und öffnet die Tür zu seinem Townhouse im Nordlondoner Bezirk Hampstead.
Drinnen in seiner Praxis ist es behaglich. Eine Bücherwand mit aktueller Literatur und Sachbüchern zu Psychotherapie und Politik. Ein Schreibtisch, eine Couch für die Patienten, dahinter ein Lehnstuhl für den Therapeuten. Die Couch steht an einem großen Fenster, durch das man direkt auf die Straße blickt. Für die Praxis eines Psychoanalytikers wirkt das ungewöhnlich offen. Aber so ist auch der Therapeut selbst. Grosz ist Amerikaner, seit über 30 Jahren praktiziert er in London.
Er veröffentlicht gerne - mit Einverständnis seiner Patienten -die Krankengeschichten aus seiner Praxis. So wie sein großes Vorbild Sigmund Freud. Anna Pappenheims Krankenakte war die Grundlage zu Freuds "Studien über Hysterie". Grosz geht es populärwissenschaftlicher an als der Urvater der Psychoanalyse. Mit Erfolg. Sein erstes Buch, "Die Frau, die nicht lieben wollte", war 2013 ein Bestseller. Das Buch wurde in 25 Sprachen übersetzt. Jetzt hat er gerade "Die unbewusste Sprache der Liebe" veröffentlicht. Der Guardian vergleicht seine Fallstudien mit Grimms Märchen: Sie seien "dunkel und allegorisch".
Handbücher zu Liebe, Beziehungen und wie sich das alles managen lässt, sind keine Seltenheit. Der britische Neurologe Oliver Sacks hat die Fallstudien seiner Patienten in "Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte" verarbeitet. "Die Schopenhauer-Kur" von Irvin D. Yalom war auch ein Bestseller. Die belgisch-amerikanische Paartherapeutin Esther Perel hat es mit ihrer erfolgreichen Podcastserie "Where Should We Begin?" und Büchern wie "Was Liebe aushält" zu Weltruhm gebracht.
Stephen Grosz' Stories wurden von der New York Times als "Kombination von Tschechow und Oliver Sacks" gelobt. Inhaltlich widmet er sich mit Hingabe der "Liebesmüh". Leider hat der S. Fischer Verlag nicht die logische Übersetzung des Originaltitels "Love's Labour" gewählt. Das Buch heißt auf Deutsch etwas langwierig "Die unbewusste Sprache der Liebe. Wie wir uns binden und selbst verstehen können". Wieder berichtet Grosz direkt von der Couch. Genauer gesagt: von dahinter. Ein Patient bildet sich ein, seine Frau habe eine Affäre. Grosz führt ihn näher an die Wahrheit: Der Patient hat Schwierigkeiten, sich zu binden. Eine Patientin schafft es nicht, ihre Hochzeitseinladungen abzuschicken -Grosz arbeitet mit ihr daran, zu erkennen, dass sie sich noch nicht von den Eltern gelöst hat.
Stephen Grosz bringt den Schmerz als produktive Kategorie in seine Therapien ein. "Als junger Mann dachte ich, Schmerz sei das Schlimmste, was einem in der Liebe passieren kann." Aber: "Schmerz ist ein guter Gradmesser. In der Liebe hat Verlust eine zentrale Bedeutung. Um eine Liebesbeziehung einzugehen, müssen Menschen etwas anderes loslassen." Schmerz ist das "beste Werkzeug" und das "feinste Instrument" des Analytikers.
Auch bei Freud ging es schon um Liebeskummer. Der Gründer der Psychoanalyse aber sah als Triebkraft für Beziehungen eher sexuelle Lust und Kränkung. Freud lebte nur einen Steinwurf entfernt hier in Hampstead, er verbrachte ab Juni 1938 sein letztes Lebensjahr in London, nachdem er vor den Nazis in Wien geflohen war.
Ob ihm Freud heute nicht zu altmodisch ist?"Ich möchte mich nicht von Freud befreien", sagt Grosz. "Mit Freud geht es mir wie Physikern mit Newton. Die Grundlagen sind gut, aber so auch die Entwicklungen, die seither stattgefunden haben."
Mit seiner gepflegten Erscheinung wirkt Grosz ein bisschen wie der Dandy unter den Psychoanalytikern. Auf dem Schreibtisch in seiner Praxis stehen zwei Uhren. Die eine misst die Zeit, die andere den Sauerstoffgehalt im Raum. Eine gute Therapie, sagt er, sei nicht nur vom Analytiker abhängig. Sie braucht auch frische Luft.
Obwohl er schon seit Jahrzehnten praktiziert, überraschen ihn die Patientengeschichten immer noch, sagt der 73-jährige Grosz. Der Sinn einer Therapie sei für ihn: "Die Erkenntnis, dass Liebe ein Akt der Selbstbeobachtung ist." Wie so oft bei Studien über die Liebe klingt vieles banal und regt doch zum Nachdenken an. Der Autor-Analytiker schreibt präzise, packend, einleuchtend. Es sei wichtig, auf die eigene Stimme zu hören. Und zu entscheiden, ob sie freundlich oder wütend sein soll: "Denn die eigene Stimme im Kopf ist die letzte Stimme, die jeder Mensch im Leben hört."


