
Liebesg’schichten und Heiratssachen
Kirstin Breitenfellner in FALTER 12/2026 vom 18.03.2026 (S. 9)
Sonia studiert an einem College in Vermont und ist Single. Sunny arbeitet als Journalist bei einer Nachrichtenagentur in New York und hat eine amerikanische Freundin, aber davon wissen seine Eltern nichts. Eigentlich wären Sonia und Sunny ein perfektes Match: „zwei in den USA ausgebildete Menschen, einander gleich, die also auf natürliche Weise zueinander gehörten, von der Herkunft her genauso wie von den Lebenszielen“. Als Sonias Eltern Sunnys Familie eine Heirat vorschlagen, zeigt sich diese trotzdem indigniert.
Die indische Kultur scheint besessen vom Thema Heiratsvermittlung. Nicht nur in Form von Filmschmonzetten made in „Bollywood“, sondern auch in der Literatur – etwa in Vikram Seths 2000-Seiten-Wälzer „Eine gute Partie“ von 1993 (2020 respektabel verfilmt für Netflix). In seine Fußstapfen tritt Kiran Desai mit ihrem zweiten Roman „Die Einsamkeit von Sonia und Sunny“. Mit 750 Seiten kommt der vergleichsweise schlank daher, aber er zeichnet sich durch eine ebenso feine Charakterzeichnung aus und liest sich süffig.
20 Jahre hat sich Desai nach ihrem mit dem Booker Prize ausgezeichneten Erstling „Erbin des verlorenen Landes“ (dt.: 2006) dafür Zeit gelassen, ähnlich ihrer Landsfrau Arundhati Roy, die nach „Der Gott der kleinen Dinge“ von 1997 erst 2017 mit dem „Ministerium des äußersten Glücks“ nachlegte. In beiden Fällen hat sich das Warten gelohnt.
Tatsächlich lässt sich „Die Einsamkeit von Sonia und Sunny“ wie eine Fortsetzung von Seths „Eine gute Partie“ lesen. Desai zeigt eine neue Generation, deren Eltern 1947 noch die Teilung Indiens erlebt haben und unter dem Verlust von Heimat leiden. Deren Kinder aber werden bereits ausgeschickt, um stellvertretend die „mächtige weiße Welt“ zu erobern.
Für die titelgebende Einsamkeit haben die Eltern kein Verständnis, denn „sie waren noch nie allein zu Hause gewesen, hatten nie eine Mahlzeit allein eingenommen, nie an einem Ort gelebt, an dem sie Unbekannte waren, waren nie aufgewacht, ohne dass ein Koch ihnen Tee brachte oder ohne mehreren Menschen einen guten Morgen zu wünschen“.
Die Jungen aber sollen im globalen Wettbewerb bestehen. „Erfolg in den USA war ein Weg, es England heimzuzahlen“, kommentiert die Autorin süffisant und entlarvt die Doppelmoral ihrer Figuren, die sich als „Opfer“ des Kolonialismus moralisch überlegen fühlen, selbst wenn sie der (korrupten) heimischen Elite angehören. Ihre Aufstiegsambition birgt die Gefahr, auch wieder tief zu fallen, was Sonia am eigenen Leib erfährt. „Delhi ist heute voll von Mädchen wie ihr. Bekommen mit ihrer ganzen Bildung und ihren modernen Vorstellungen einfach keinen Ehemann“, ätzt ihre Schwiegermutter in spe Babita, Sunnys Mutter.
Als sich Sonia und Sunny nach einem Drittel des Romans begegnen, sind beide bereits vom Leben gezeichnet – und kommen sich dennoch näher. Ob sie sich am Ende auch tatsächlich „bekommen“, soll hier natürlich nicht verraten werden. Der Autorin gelingt es jedenfalls, den Wunsch danach bei den Leserinnen und Lesern aufrechtzuerhalten ebenso wie die Zweifel an dessen Erfüllung zu schüren.
„Das ist das Grundgesetz des Lebens in Amerika: Du bist ein Individuum, also bist du allein“, sagt Sonia einmal zu Babita. Was sie nicht verrät: dass diese Einsamkeit auch der Grund ist, warum Sonia zu Beginn des Romans in eine abhängige Beziehung zu dem wesentlich älteren, narzisstischen Maler Ilan de Toorjen Foss gerät.
„Vielleicht male ich irgendwann ein Bild von dir, das die ganze Welt kennt, und dann wirst du wütend und hast das Gefühl, außerhalb des Gemäldes nicht zu existieren“, sagt Ilan einmal zu Sonia, und er weiß vermutlich selbst noch nicht, dass er damit Recht behalten wird.
Angesiedelt in den Jahren 1996 bis 2001 zwischen Vermont, New York, Allahabad, Delhi, Goa und Mexiko, erzählt der Roman die einschneidenden zeithistorischen Ereignisse mit: von der Zerstörung der Babri-Moschee in Ayodhya 1992 bis zum Terroranschlag von 9/11, den manche Protagonisten auch mit Häme sehen – so stark ist die Hassliebe gegenüber der bewunderten Weltmacht USA.
Desai hat ein Gefühl für Widersprüche und Ambivalenzen, ein erfrischendes Sensorium für tragikomische Momente sowie ein Talent für Naturbeschreibungen und Alltagsminiaturen. Und in der Auseinandersetzung mit der Kunst von Sonias Peiniger Ilan stellt „Die Einsamkeit von Sonia und Sunny“ nicht zuletzt eine hintersinnige Reflexion über die Abgründe des Kunstschaffens dar.


