
Leipziger Buchpreis: Ein Goldstrand mit Trauerrand
Klaus Nüchtern in FALTER 13/2026 vom 25.03.2026 (S. 29)
Bereits im August 2025 erschienen, wurde Katerina Poladjans Roman "Goldstrand" beim Deutschen Buchpreis ignoriert, dafür vergangene Woche mit dem Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik bedacht. Wie bereits im Vorjahr hat die Jury wieder den mit Abstand kürzesten Roman prämiert. Auf 160 Seiten bettet die aus Moskau gebürtige Autorin, Jahrgang 1971, die Biografie ihres Protagonisten Eli in rund 100 Jahre Welt-und Familiengeschichte ein.
Die beginnt 1922, als Elis Opa Lew per Schiff aus Odessa Richtung Konstantinopel flieht, wobei seine Tochter Vera spurlos von Bord verschwindet. Knapp vier Jahrzehnte später wird Veras jüngerer Bruder Felix am Sandstrand der bulgarischen Schwarzmeerküste mit einer jungen Italienerin deren Sohn Eli zeugen; der nun wiederum als 60-Jähriger in Rom zweimal die Woche auf der Couch einer "Dottoressa" liegt und Auskunft gibt über seine einst recht erfolgreiche Karriere als Filmregisseur und sein trauriges Scheitern als Ehemann und Vater einer Tochter.
Das deutsche Feuilleton hat "Goldstrand" einigermaßen einhellig abgefeiert -für das Raffinement der Konstruktion, die bildstarke, magische Sprache, die heitere Leichtigkeit der Umsetzung eines gewichtigen Themas. Wahr ist vielmehr, dass der Roman alles unternimmt, um seine mäßig originellen Thesen über die Fragwürdigkeit biografischer Selbstentwürfe auf möglichst umständliche und manierierte Weise an die Leserschaft zu bringen.
In dem wohl witzig gemeinten Setting von analytischen Sitzungen, während deren geraucht, gegessen und reichlich kariert dahergeredet wird (und irgendwann einfach ein Fremder auf der Couch sitzt), zieht die Autorin alle Register, die man bedient, wenn man die Kritik beeindrucken möchte. Filmszenen, Mythen, historische Realien, Zitate bedeutender Dichter und Denker werden virtuos, aber auch recht selbstgefällig durcheinandergewirbelt. Die kaleidoskopische Verve mag beeindrucken - oder aber auch den Satz nahelegen, mit dem Vera reagiert, nachdem sie einen Film ihres Vaters gesehen hat: "Ich weiß nicht, was das soll."


