SACHBUCH-BESTENLISTE Juni 2019

Prophet der Vernichtung. Über Volksgeist und Judenhass
Herausgegeben und mit begleitenden Essays von Götz Aly

von Siegfried Lichtenstaedter, Götz Aly

€ 22,70
Lieferung in 2-7 Werktagen

Vorwort: Götz Aly
Verlag: S. FISCHER
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Geschichte/20. Jahrhundert (bis 1945)
Umfang: 288 Seiten
Erscheinungsdatum: 23.01.2019


Rezension aus FALTER 12/2019

Der Prophet des national-sozialistischen Terrors

Antisemitismus: Siegfried Lichtenstaedters hellsichtige Texte über den Judenhass sind nun in Buchform zugänglich

Ein Oberregierungsrat der bayerischen Finanzverwaltung blickt 1903 in die Zukunft: Im Oktober 1939 werde die deutsche Staatsführung erklären, das Maß sei nun voll, und mit dem Slogan „Wer Wind sät, wird Sturm ernten“ im darauffolgenden April in Österreich einmarschieren; 1910 würden italienische Truppen in Tripolis landen.

Die prophetische Schrift „Das neue Weltreich“ erschien unter dem Pseudonym Dr. Mehemed Emin (Hebräisch: wahrheitsliebend) Efendi. Dahinter verbirgt sich Siegfried Lichtenstaedter. 1865 als Sohn eines Talmudforschers in der fränkischen Provinz bei Bayreuth geboren, studierte er Orientalistik und später Jura, um in den Staatsdienst einzutreten.

Die Publikation politischer Texte, auch weniger sarkastischer und polemischer, war daher unmöglich. So blieb bis zur Pensionierung 1926 die Urheberschaft eines in über 50 Jahren entstandenen Werks unter verschiedenen sprechenden Pseudonymen verborgen.

Die Ersten, die diese Schriften sammelten, waren die Nazis, um sie 1938 auf die Liste des „schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ zu setzen. Heute sind große Teile von Lichtenstaedters umfänglicher und vielfältiger Textproduktion in der bayerischen Staatsbibliothek online abrufbar. Das ist verdienstvoll und für Forscher hilfreich.

Für den geschichtlich und literarisch interessierten Laien bildet nun ein von Götz Aly herausgegebenes Lesebuch unter dem Titel „Prophet der Vernichtung. Über Volksgeist und Judenhass“ einen zugänglicheren Weg zu den Leistungen dieses wenig bekannten Autors.

Aly hat dazu weitere Dokumente ausgewertet. In einer gelungenen Verschränkung von Original und Kommentar bietet er in einem begleitenden Essay Einblick in Leben und Werk Lichtenstaedters. Dem Abdruck der einzigen Erzählung Lichtenstaedters folgt ein Überblick über das weitgefächerte essayistische Schaffen.

Im Prosatext „Der jüdische Gerichtsvollzieher“ (1926) geschieht Ungeheuerliches: Der einzige Posten wird mit einem Juden besetzt, die Funktion gerät dadurch zu 100 Prozent in jüdische Hand. Im Wirtshaus Eberlbräu der Residenzstadt Anthropopolis redet sich die Bürgerseele am Stammtisch über Privilegien und Überfremdung in einen Zorn, der auch die Stimmung im Amt belastet.

In der Schilderung dieser Erregung erweist sich der Autor als aufmerksamer Leser der Hetzpresse, das Ohr nahe am Volksmund. Sinn für bayerische Komik verbindet sich mit jüdischem Humor. Es wäre zum Lachen, würden sich nicht aktuelle Assoziationen aufdrängen.

Die Bewunderung des analytischen Witzes, der scharfsichtigen Diagnose und die Beklemmung über ihre Vergeblichkeit bestimmen die Lektüre der von Aly hervorragend montierten und kommentierten Fragmente von Lichtenstaedters theoretischen Texten. In Briefen an den englischen Premier William Ewart Gladstone greift Lichtenstaedter 1896 die Arroganz der Westmächte gegenüber dem ins Wanken geratenen Osmanischen Reich an und erweitert dies zu einer allgemeinen Kolonialismuskritik.

Er konfrontiert das Überlegenheitsgefühl des Westens als Träger universeller Werte mit der jahrhundertelangen Ausbeutung anderer Länder und Kontinente. Erstaunlicherweise wurden diese Briefe anscheinend sogar beantwortet.

Viele Ausführungen haben heute noch Gültigkeit, die Fragen zum jüdischen Schächtungsgebot in der europäischen Gesetzgebung sind aktuell. Die Vorschläge zum großräumigen Bevölkerungsaustausch zwischen Türkei und Griechenland befremden hingegen – und wurden nach gegenseitigen Massakern ab 1923 tatsächlich durchgeführt. Lichtenstaedters ausgewogene Haltung der Türkei gegenüber hindert ihn nicht, die Katastrophe des armenischen Genozids und das Schweigen des Westens darüber als Vorboten eines jüdischen Schicksals zu sehen.

Makaber kontrastiert diese frühe Ahnung mit der harmloseren Zukunftsvision in „Untergang oder Umkehr?“, geschrieben 1938, auf Englisch in Holland publiziert, unmittelbar vor Lichtenstaedters Abtransport nach Theresienstadt, wo er ermordet wurde. „Wird man die Synagogen (...) in den nächsten 20 Jahren nicht verkaufen und einem gänzlich anderen Zwecke zuführen müssen?“ Schärfer dagegen 1926 der Blick in die Zukunft: „Wenn man uns schon vergewaltigen will, so können wir wenigstens verlangen, dass man ehrlich erklärt: ,Wir haben die Macht; Macht geht vor Recht!‘“

Thomas Leitner in FALTER 12/2019 vom 22.03.2019 (S. 40)


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