Wer hat meinen Vater umgebracht

von Édouard Louis

€ 16,50
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Übersetzung: Hinrich Schmidt-Henkel
Verlag: S. FISCHER
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 80 Seiten
Erscheinungsdatum: 23.01.2019

Rezension aus FALTER 8/2019

Der poetische Sound des Klassenkampfes

Der französische Schriftsteller Édouard Louis klagt jene an, die aus seinem Vater ein körperliches Wrack gemacht haben

Das neue Buch von Édouard Louis ist eine Mischung aus Autobiografie, Roman und politischem Manifest. „Wer hat meinen Vater umgebracht?“ beschreibt, wie sich die neoliberalen Sparmaßnahmen im
Sozialbereich auf das Leben der Betroffenen auswirken. Der Autor weiß, wovon er spricht, denn er ist selbst ein Kind der Arbeiterklasse.

Édouard Louis wurde 1992 als Eddy Bellegueule geboren, seit 2014 veröffentlicht er unter seinem Künstlernamen. Sein erster Roman, „Das Ende von Eddy“, wurde in Frankreich prompt zum Bestseller. Er erzählt die autobiografische Geschichte eines jungen Homosexuellen, der in der französischen Provinz derart unter Diskriminierung leidet, dass er nach Paris flieht.

Diesmal wählte er die Form eines offenen Briefes an seinen Vater, der zwar kaum über 50 Jahre alt ist, aber durch schwere körperliche Arbeit zu einem Wrack gemacht wurde. Mit großem Einfühlungsvermögen und ebenso großer Schonungslosigkeit erzählt Louis, wie sein Vater wurde, was er ist.

Über Generationen vererbter Alkoholismus, psychische und physische Gewalt, ein Männlichkeitsbild, das auf Härte und Dominanz ausgerichtet ist, bestimmen das Psychogramm. Obwohl der Mann hart arbeitet, schrammt er an der Armutsgrenze entlang. Im Zentrum der Erzählung stehen die Kindheitserlebnisse des Buben. Der Vater verachtet den Sohn, weil der Kleine sich für Tanz und Kitschfilme interessiert.

Wie sich die Ambivalenzen der Vater-Sohn-Beziehung zeigen, hat mitunter groteske Züge. Als sich Eddy zu Weihnachten etwa eine „Titanic“-DVD wünscht, wird er vom Vater verspottet. Unter dem Weihnachtsbaum liegt dann kommentarlos die, gemessen am Haushaltseinkommen, luxuriöse Geschenkboxversion des Hollywoodschinkens.

Eine der großen Leistungen des Textes ist die scharfsinnige Ausleuchtung des psychologischen Spielraums, den die gesellschaftlichen Umstände dem Vater einräumen: „Du tust so, als würdest du das Glück hassen, um dich selbst glauben zu machen, dass dein Leben aus deiner eigenen Entscheidung heraus unglücklich wird.“

Eine weitere Qualität ist der reflexive Umgang mit der Erzählhaltung. Die marxistische Literaturgeschichte maß Texte daran, ob sie in der Lage seien, den Unsichtbaren eine Stimme zu geben. Louis gelingt das in „Wer hat meinen Vater umgebracht?“ mustergültig. Nicht nur das. Der Autor verdeckt nicht die Anmaßung, die es bedeutet, in jemandes anderen Namen zu sprechen: „Dass nur der Sohn spricht, ausschließlich er, ist für beide brutal: Dem Vater blieb verwehrt, seine eigene Lebensgeschichte zu erzählen, und der Sohn ersehnt sich eine Antwort, die er niemals erhalten wird.“

Die letzte Pointe ist schließlich die politische Zuspitzung, die schon im Titel mitschwingt. Das Buch ist eine harsche Anklage jener Politik, die Louis’ Vater versehrt hat. Gestorben ist er nicht, aber „umgebracht“ wurde sein Selbstbild. Übrig bleibt ein viel zu früh verschlissener Mann, dem langsam zu dämmern beginnt, dass seine Feinde nicht Zuwanderer sind, die genauso drangsaliert werden wie er. Zu Unrecht richtete sich sein Hass auch gegen Homosexuelle wie seinen Sohn. Wenn Louis schreibt, dass Politiker wie Nicolas Sarkozy die Mörder seines Vaters seien, weil sie gleichzeitig Vermögenssteuern senken und die Sozialhilfe kürzen, dann mag das eine Zuspitzung sein.

In einem literarischen Text gerinnt diese aber zur poetischen Wahrheit. Das Buch ist auch deshalb so aktuell, weil es die Hintergrundgeschichte zu den Protesten der französischen Gelbwesten liefert.

Florian Baranyi in FALTER 8/2019 vom 22.02.2019 (S. 29)


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