
Die Vermessung der Einsamkeit
Donja Noormofidi in FALTER 12/2026 vom 18.03.2026 (S. 37)
insamkeit ist wie Hunger: ein Warnsignal, wenn unsere sozialen Bedürfnisse nicht ausreichend erfüllt sind. Sie treibt uns dazu, den Kontakt zu anderen Menschen zu suchen. Denn schon unsere Vorfahren konnten nur in der Gruppe erfolgreich jagen, den Nachwuchs aufziehen und sich vor Feinden schützen. „Es ist also gut und wichtig, dass wir in der Lage sind, Einsamkeit zu empfinden!“, schreibt Luhmann.
Einsamkeitsexpertin Maike Luhmann, Jahrgang 1981, ist Professorin für Psychologische Methodenlehre an der Ruhr-Universität in Bochum und forscht seit 15 Jahren zum Thema. Mittlerweile sei oft von einer dramatischen Einsamkeitsepidemie die Rede, an der gerne ausschließlich die sozialen Medien schuld seien, so die Autorin. Aber stimmt das? Ist Einsamkeit verbreiteter als früher? Und wie bricht man aus der Einsamkeitsspirale aus?
Schnell wird klar: Die Datenlage ist oft dünn, Studien sind widersprüchlich. Für die These, dass sich Einsamkeit immer weiter ausbreite, fand die Autorin zumindest bis 2020 keinen Beleg. Dann kam die Covid-19-Pandemie und mit ihr stieg die Einsamkeit in Deutschland stark an, um kurz danach, noch während der Pandemie, wieder stark abzusinken – außer bei den Jungen: „Diese Altersgruppe war im Jahr 2021 einsamer als alle anderen, inklusive der Hochaltrigen. Einsamkeit betrifft nicht mehr nur ältere Menschen, sondern Menschen jeden Alters – und junge Menschen aktuell offenbar ganz besonders.“ Sind daran Handys oder Social Media schuld? Nicht nur, es komme auf die Nutzung an, erklärt die Autorin. Wer nur scrollt und Social Media passiv nutzt, ist tendenziell einsamer.
Die Fülle an zitierten Studien und das fast 50-seitige Literaturverzeichnis lassen vermuten: Luhmann weiß, was es über Einsamkeit zu wissen gibt. In ihrem neuen Buch fasst sie den Stand der Wissenschaft zusammen, leicht lesbar und kurzweilig. Für jene, die sich gern vertiefen, gibt es „Nerd-Boxen“, in denen die Autorin etwa Studienergebnisse detaillierter erklärt. Am Ende der Kapitel stehen Kurzzusammenfassungen, so merkt man sich die Grundaussagen.
Zum Beispiel, dass chronische Einsamkeit krank macht: Einsame Menschen leiden öfter unter starken Schmerzen, erkälten sich schneller, haben ein erhöhtes Risiko für Demenz. Die Folge: „Chronisch einsame Menschen sterben früher.“ Eine spanische Studie schätzte die auf Einsamkeit zurückzuführenden gesundheitlichen Kosten auf 6,1 Milliarden Euro pro Jahr.
Umgekehrt haben etwa chronisch kranke oder von Armut betroffene Menschen ein höheres Risiko, einsam zu sein. Wer ins Kaffeehaus gehen will, braucht Geld. Wer chronisch krank ist und zum Beispiel das Fatigue-Syndrom ME/CFS hat, kann oft nicht unter Leute gehen. Hier sieht Luhmann die Politik in der Pflicht, indem sie etwa Armut bekämpft und Begegnungsorte ohne Konsumzwang schafft.
Einsame Menschen nehmen in sozialen Situationen potenzielle Bedrohungen sensibler wahr, fühlen sich schneller ausgeschlossen und glauben eher, dass andere sie nicht mögen. „So verstärkt sich ihre Isolation und ihre Einsamkeit.“
Doch wie entkommt man dieser Einsamkeitsspirale? Luhmann rät, sich für die „Reisegruppe“ Zeit zu nehmen, also Menschen, die uns im täglichen Leben begleiten: Freunde und Familienmitglieder, aber auch Arbeitskolleginnen, Nachbarn und Bekannte und für viele auch ein Haustier. Wir können auch bei Lebensentscheidungen unsere sozialen Beziehungen mitdenken: Ziehe ich aufs Land oder bleibe ich in der Stadt bei meiner Clique? Wähle ich einen Job mit genügend Freizeit? Und die Autorin rät: „Lassen Sie das Handy in der Tasche, wenn Sie mit anderen Menschen zusammen sind. Sprechen Sie die fremde Person an, die neben Ihnen im Bus sitzt.“ Denn auch diese „weak ties“, schwache Verbindungen wie die Plauderei in der Bäckerei, schützen gegen Einsamkeit.


