
„Wer plündert, wird erschossen“
Georg Renöckl in FALTER 12/2026 vom 18.03.2026 (S. 26)
f it looks like a duck, swims like a duck, and quacks like a duck, then it probably is a duck.“ Der sogenannte Ententest ermutigt dazu, Offensichtliches beim Namen zu nennen. Man kann auch Abduktion dazu sagen.
Mit dem Faschismus ist es schon schwieriger. Freilich sieht Gregory Bovino, der zum Gesicht der berüchtigten US-Grenzschutzbehörde ICE wurde, in seinem Gestapomantel aus wie ein Faschist. Doch bezeichnet der Begriff „Faschismus“ nicht konkrete rechtsextreme Bewegungen der Vergangenheit, die noch dazu gar nicht so leicht unter einen gemeinsamen definitorischen Hut zu bringen sind? Und ist der Vergleich nicht automatisch eine Verharmlosung?
„Man muss überhaupt erstmal benennen können, worüber man nachdenken will“, stellt hingegen die streitbare deutsche Philosophin Eva von Redecker fest. Sie macht sich auf die Suche nach einem Begriff des Faschismus, der nicht vom historischen Kontext abhängig ist, und findet ihn auf einem Flohmarkt. Dort liegt neben Nazi-Krempel eine Tafel aus der Endphase des Zweiten Weltkriegs herum. Darauf steht: „Wer plündert, wird erschossen.“
In der Legitimation exzessiver Selbstverteidigung in einer Extremsituation erkennt Redecker Wesensmerkmale des Faschismus, die auch in anderen Kontexten gültig sind. Faschismus kann als Verteidigung eines vermeintlichen Besitzes gegen vermeintliche Plünderer definiert werden, bei der alle Mittel erlaubt sind. Dieser „Phantombesitz“ kann die traditionelle Familie sein, die reproduktionsfreudige Frau, die reine Sprache oder auch der Verbrennermotor. Die zu erschießenden „Plünderer“ sind je nach Kontext Migranten, Muslime, Grüne, Feministinnen. „Der Faschismus agiert im Modus der Selbstverteidigung, und weil er kein echtes Eigentum, sondern Phantombesitz verteidigt, kann er sich so leicht einreden, dass die Plünderung in vollem Gange sei.“ Der behauptete Ausnahmezustand erklärt das erstaunliche Verständnis der Mitläufer dafür, dass die Versprechen faschistischer Politiker nicht eingelöst werden: Wer Phantombesitz verteidigt, fühlt sich als Eigentümer, auch wenn er nichts davon hat. Dafür kann er sich mit einem Punk-Slogan selbst erhöhen: „Mein Leben, meine Regeln“. Peng.
Faschismus als exzessive Verteidigung von Eigentum bedeutet auch, mit dem Eigentum machen zu dürfen, was man will. Das Volk soll halt untergehen, wenn es doch nicht so würdig ist wie gedacht. Die Frau kann ruhig an Schwangerschaftskomplikationen sterben, Hauptsache, sie hat nicht abgetrieben. „Einen Begriff des Faschismus zu haben, bedeutet nicht einfach, etwas sehr Schreckliches klar ins Auge zu fassen. Es heißt auch, die Schrecken der Gegenwart ohne Hang zur Übertreibung und Vereinseitigung ausloten zu können.“
Für diese Gegenwart gilt freilich auch: „Derweil ist ein Faschist ins Weiße Haus eingezogen.“
Ausführlich widmet sich die Philosophin dem Endzeitwahn, dem etwa der kürzlich in Wien weilende Vordenker des „Dark Enlightenment“ Curtis Yarvin anhängt, der wiederum den Tech-Milliardär Peter Thiel und US-Vizepräsident J. D. Vance maßgeblich beeinflusst. Yarvin stellt Überlegungen über einen „ethischen Genozid“ an unproduktiven Gesellschaftsschichten an, etwa an Menschen mit niedrigem IQ. Das oberste Prinzip dieses „Formalismus“ genannten Gedankengebäudes ist das verabsolutierte Eigentum. „Wer in der Lage ist, das Ding erfolgreich zu verteidigen, soll es lieber gleich bekommen.“ Hat jemand „Grönland“ gesagt?
„Nicht, dass der Faschismus je gelegen käme. Aber dass er in dem Moment die Zukunft verstellt, in dem es gerade noch möglich wäre, das in die Erdgeschichte übertragene Vernichtungspotenzial des Klimawandels abzumildern, können wir vermutlich in seiner Tragweite noch kaum fassen“, schreibt Redecker. Der neue Faschismus kommt zu einer Unzeit, die sie als „Zeit voller Verwerfungen“ definiert, „in der man verhindert ist und nicht zu reagieren vermag, die Zeit, in der etliche geopolitische Spannungen aufbrechen und in offene Kriege übergehen“.
Zum Faszinierenden an Eva von Redeckers Buch zählt auch, dass sich seine Thesen und Prognosen, naturgemäß vor einigen Monaten niedergeschrieben, noch während der Lektüre bewahrheiten. Vielleicht befinden wir uns ja tatsächlich in einer apokalyptischen Phase des Liberalismus. Sich darüber zu wundern ist für die Autorin jedoch ein Fehler, da man durch Staunen unterstellt, das Geschehene sei nicht zu erwarten gewesen. „Das Staunen läuft Gefahr, sich immer wieder einen Reim auf Einzelfälle zu machen, anstatt ein grundlegendes Muster zu erfassen, ein Muster, das in Auffanglagern, in Besatzungszonen, in Gefängnissen für manche Menschen schon lange Alltag ist.“
Dass unsere liberalen Demokratien nicht vor dem Faschismus gefeit sind, muss uns klar sein, dafür sorgt laut Redecker die Verwurzelung des Faschismus im Liberalismus, der die Welt in Eigentum einteilt und in Dinge verwandelt, und im Neoliberalismus, der mittlerweile die Zukunft kolonisiert. Auf die Spitze getrieben werde diese Entwicklung durch Techfirmen, die nicht mehr um Marktanteile kämpfen, sondern selbst zum Markt werden wollen, aus dem es kein Entrinnen mehr gibt.
Der allgemeinen KI-Verehrung hält sie ein Plädoyer für die Mündigkeit entgegen: „,Mündigkeit‘, das kommt von ,Mund‘ und ist ganz intim mit dem Selbst-Sprechen verbunden.“ In Chatbots sieht sie „Spanplattenpressen des Diskurses“, deren unersättlicher Energiebedarf nebenher dabei mithilft, den Planeten zu zerstören. Das Kapitel, in dem Redecker darüber nachdenkt, was Techinvestoren mit unserer Sprachfähigkeit machen, heißt „Techfaschismus als Geschäft mit der Gedankenlosigkeit“. Man würde sich wünschen, dass es jemand dem österreichischen Bildungsminister aufs Nachtkästchen legt


