Memoiren als Kampfansage für das Weiße Haus
Tessa Szyszkowitz in FALTER 9/2026 vom 25.02.2026 (S. 18)
Es ist keine große Überraschung, dass Gavin Newsom gerade jetzt eine Autobiografie vorlegt. Der Gouverneur von Kalifornien ist einer der wenigen Politiker der demokratischen Partei, die es bei den US-Präsidentschaftswahlen 2028 mit Donald Trump und seinen designierten potenziellen Nachfolgern JD Vance und Marco Rubio aufnehmen können.
Newsom ist so groß wie Donald Trump. Auch von seinem Ego her.
"Mein Leben für die Demokratie", so der Titel, ist eine Kampfansage. "Meine Zeit als Gouverneur wurde von der Corona-Pandemie und dem Klimawandel, der Trockenheit und den Waldbränden überschattet", schreibt Newsom, "außerdem vom Erstarken autoritärer Kräfte, deren Demokratieverachtung auch eine Art Feuer ist." Das Original der Lebenserinnerungen des 58-jährigen Politikers erscheint am 25. Februar zeitgleich mit der deutschen Übersetzung unter dem etwas schmissigeren Titel "Young Man in a Hurry".
Newsom hat sich in seiner Karriere tatsächlich nicht viel Zeit gelassen. Mit 36 war er schon Bürgermeister von San Francisco. Davor hatte er eine illustre und erfolgreiche Karriere als Gründer der PlumpJack-Gruppe mit Weinbars, Restaurants und Hotels in Kalifornien hingelegt.
Als Bürgermeister führte er 2004 sofort die gleichgeschlechtliche Ehe in seiner Stadt ein. Das ging auch seiner Mentorin Nancy Pelosi zu weit. Nachdem 4000 gleichgeschlechtliche Paare in den ersten Monaten in der City Hall Hochzeit gefeiert hatten, erklärte Kaliforniens Supreme Court Newsoms Schritt für falsch. Doch Newsom war seiner Zeit nur voraus gewesen. 2008 legalisierte erst Kalifornien, 2015 dann ganz Amerika die Lesben-und Schwulenehe. Seit 2019 ist er Gouverneur von Kalifornien und damit einer der mächtigsten Politiker der USA. Newsom hat sich auch mit progressiver Politik in Sachen Klimaschutz, Waffenkontrolle und Immigration einen Namen gemacht. Den Goldrausch in Kalifornien in der Mitte des 19. Jahrhunderts, die Ankunft der europäischen Siedler in einem Gebiet, in dem hundert Stämme der indigenen Bevölkerung lebten, beschreibt er so: "Hundert Jahre vor dem Goldfund wurde damit begonnen, die Ureinwohner Kaliforniens auszurotten. Es war zwar kein geplanter Prozess, aber das Ergebnis war eindeutig: Kalifornien ist aus einem Genozid entstanden."
Seine Eltern waren nicht betucht, er wächst aber im Umfeld der Gettys auf, einer der reichsten Familien der Welt. Newsom beschreibt sein Kalifornien als Spielwiese von liberalen, innovativen Demokraten. Fast schon nostalgisch erzählt er, wie Steve Jobs ihm 2007 das erste iPhone zeigt. Und wie er mit dem ersten E-Auto auf den Hügeln von San Francisco hängen bleibt.
Auch seine Niederlagen beschreibt er. Den Kampf mit seiner Legasthenie. Und er zeigt sich als Sohn, Vater und Ehemann, der mit seinen Unzulänglichkeiten ringt. Die erste Ehe mit Staatsanwältin Kimberly Guilfoyle scheitert, sie ist längst ins Trump-Lager gewechselt. Seine zweite Ehe schließt er mit Filmemacherin Jennifer Siebel Newsom, mit der er vier Kinder hat.
Ist die Inszenierung als sensibler, progressiver Herausforderer von Donald Trump Kalkül oder echtes Gefühl? Vermutlich beides. Um auch außerhalb Kaliforniens für die breite Mehrheit Amerikas wählbar zu sein, zeigt er sich in letzter Zeit ideologisch flexibel. Die scharfen Attacken auf den derzeitigen Präsidenten aber bleiben. Sie sind Teil der Strategie, ihn zu beerben. So wie seine Memoiren, die eine Alternative zu Trump aufzeigen.


