Handorakel und Kunst der Weltklugheit

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Kurzbeschreibung des Verlags:

Baltasar Graciáns »Handorakel« entstand vor über 350 Jahren in Spaniens »Goldenem Zeitalter«. Scharfsinnige wie pragmatische Ansichten bündelte der Autor in Maximen, die zum Selbstdenken und zur Selbstüberprüfung herausfordern und einen Leitfaden für ein besseres Leben bilden: Wie erlangt man breites Wissen, einen guten Geschmack? Wie geht man klug mit seinem Umfeld und seinen eigenen Leidenschaften um?
Hans Ulrich Gumbrecht hat das Werk zum ersten Mal seit Arthur Schopenhauer (1832) vollständig neu übersetzt und kommentiert.
»Lohnend und nicht selten mitreißend ist neben faszinierenden Einzelbeobachtungen und der eingängigen Schönheit vieler Sentenzen vor allem ein sichtbar werdender Prozess des Denkens.«
(Hans Ulrich Gumbrecht)

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FALTER-Rezension

Eine Schlacht gegen das Schlechte im Menschen

Wichtiger ist es, gerühmt als rühmend zu sein; leicht ist das Reden und schwer das Handeln. Die Taten sind der Stoff des Lebens und die Sentenzen der Schmuck; Größe in den Taten dauert, in den Worten gehen sie vorüber.“ Über die Taten des Baltasar Gracián ist wenig bekannt; berühmt geworden und bis heute geblieben ist er ausschließlich durch seine Worte, sodass für ihn genau das Gegenteil gilt: „Die Sentenzen sind die Substanz.“

In seiner Reflexion über „Glück und Ruhm“ ist Ersteres bestimmt „um zu leben, das Letztere für danach; jenes gegen Neid, dieser gegen das Vergessen“. Wie glücklich das Leben des spanischen Jesuiten auch verlaufen sein mag, das mit dem Ruhm hat jedenfalls geklappt: Gracián zählt – so wie auch Cervantes, Lope de Vega oder Calderón de la Barca – zu den Klassikern des „Goldenen Zeitalters“ und er hat mit dem 1647 erschienenen „Oráculo manual y arte de prudencia“ einen Longseller der Sonderklasse hingelegt.

Die 300 Aphorismen, die angeblich von dessen (real existierendem) Mäzen aus Graciáns gesammelten Werken kompiliert wurden, haben über die Jahrhunderte eine Wirkungsgeschichte entfaltet wie nur wenige Werke der Weltliteratur. Von Arthur Schopenhauer, dessen „Handorakel und Kunst der Weltklugheit“ als „erste und einzige, unmittelbar aus der Ursprache gemachte deutsche Übersetzung“ 1862 erschien, bis Wolfgang Schüssel reicht der Reigen bekennender Gracián-Fans.

Im politisch arg diversen Team „Handorakel“ finden sich der konservative Revolutionär Ernst Jünger und der nationalsozialistische Staatsrechtler Carl Schmitt ebenso wie der Widerstandskämpfer, Romanist und SED-Politiker Werner Krauss oder der Mitbegründer der Situationistischen Internationale Guy Debord. Und vor einigen Jahren ist gar ein, die Sentenz „Sich vor dem Siege über Vorgesetzte hüten“ im Titel führender „Gracián für Manager“ erschienen. Verfasst hat ihn Ulrich Hemel, Professor für Katholische Theologie und Leiter eines Instituts für Sozialstrategie, was gut zu Gracián passt, der seinerseits eine Professur für Moraltheologie innehatte und sich zugleich mit seinem „Hand­orakel“ den Ruf eines „Machiavelli der privaten Moral“ erworben hat.

Aphorismus Nr. 1 liefert einen klassischen Befund der Moderne: Es ist alles sehr kompliziert! „Mehr wird heute von einem Einzigen als früher von sieben Weisen erwartet; und mehr braucht man in diesen Zeiten, um mit einem Menschen zurechtzukommen, als früher mit einem ganzen Volk.“ In der höfischen Gesellschaft des 17. Jahrhunderts – Graciáns Leben fällt in die Regentschaft der Habsburger Phi­lipp III. und Philipp IV. sowie des Dreißigjährigen Kriegs – bewegt man sich auf rutschigem Parkett; nicht umsonst kommt im Drama des Barock dem Intriganten eine zentrale Rolle zu.

„Für jeden die richtigen Daumenschrauben finden“, lautet die wenig zartfühlende Maxime Graciáns, denn: „Alle haben ihre Götzen: manche die Wertschätzung, andere das eigene Interesse und die meisten Vergnügen. Es geht darum, zum Zweck der Bestimmung anderer diese Götzen zu kennen, indem man für jeden den wirksamen Auslöser kennt, dann hat man gleichsam den Schlüssel zum Wollen der anderen.“ Freilich muss, wer die anderen am Schnürchen ihrer Affekte tanzen lassen will, zuallererst die eigenen zu kontrollieren wissen – „Keine größere Herrschaft gibt es als die über sich selbst“ –, und es verwundert nicht, dass sich Gracián wiederholt auf Seneca und die Stoa bezieht.

Der anthropologische Pessimismus eines Thomas Hobbes steckt auch Gracián in den Knochen: „Eine Schlacht ist das Leben des Menschen gegen das Schlechte im Menschen.“ Und in dieser Schlacht ist erlaubt, was zum Sieg führt. Mitunter heiligt der Zweck die Mittel, in jedem Falle aber ist man auf die instrumentelle Vernunft verwiesen, die in Kenntnis der physikalischen und gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse Gebrauch von diesen macht, statt gegen den Strom zu schwimmen oder gegen den Strich zu bürsten: „Die Dinge zu nehmen wissen, nie gegen den Strich […]. Das Beste und das Günstigste schadet, wenn man es an der Schneide anfasst.“

Löst man sie aus ihrem Kontext und nimmt sie beim Wort, dann sind einzelne, insgesamt durchaus auch redundante Sätze Graciáns von Volksweisheiten à la „Zu wenig und zu viel sind dem Narren sein Ziel“ allenfalls um Lesebändchenbreite entfernt. Sie lassen sich als Antidot gegen jene, die Anspruch auf unausgesetztes „Authentischsein“ erheben, ebenso gebrauchen wie als Lektüre für den Coffee Break bei McKinsey.

Der Romanist, Literaturwissenschaftler und Stanford-Professor Hans Ulrich Gumbrecht, der die 300 Aphorismen nach fast 200 Jahren erstmals komplett ins Deutsche übertragen hat, verweist in dem ausführlichen Nachwort seiner auch vorbildlich befußnoteten Ausgabe freilich darauf, dass diese „als Pluraletantum ab[laufen], die wir nicht in einzelnen Merksätzen zusammenfassen können, sondern als Gruppe in immer neuen Sequenzen des Denkens erleben sollten“.

So kann man’s wohl auch sagen. Fest steht, dass sich die Faszination, die seit über 350 Jahren von den mit kühnen Conceeti intarsierten Orakelsprüchen des Baltasar Gracián ausgeht, auch der oszillierenden Vieldeutigkeit und Enigmatik des Werkes verdankt. Wie heißt es im Eintrag Nr. 25 „Gut verstehen“? „Die Wahrheiten, die uns am wichtigsten sind, werden immer nur zur Hälfte ausgesprochen.“ So hat es der Autor des „Handorakels“ wohl auch gehalten.

in Falter 46/2020 vom 13.11.2020 (S. 46)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783150109274
Erscheinungsdatum 25.09.2020
Umfang 302 Seiten
Genre Belletristik/Hauptwerk vor 1945
Format Hardcover
Verlag Reclam, Philipp
Herausgegeben von Hans Ulrich Gumbrecht
Übersetzung Hans Ulrich Gumbrecht
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