Vorgeschichte des Jazz

Vom Aufbruch der Portugiesen zu Jelly Roll Morton
336 Seiten, Buch
€ 39,90
-
+
Lieferung in 3-10 Werktagen

Bitte haben Sie einen Moment Geduld, wir legen Ihr Produkt in den Warenkorb.

Mehr Informationen
Reihe Beiträge zur Jazzforschung /Studies in Jazz-Research
Themen Kunst Musik Musikwissenschaft und Musiktheorie
ISBN 9783201019002
Sprache Deutsch
Erscheinungsdatum 21.08.2008
Größe 24 x 17 cm
Verlag Akademische Druck- u. Verlagsanstalt
LieferzeitLieferung in 3-10 Werktagen
Unsere Prinzipien
  • ✔ kostenlose Lieferung innerhalb Österreichs ab € 35,–
  • ✔ über 1,5 Mio. Bücher, DVDs & CDs im Angebot
  • ✔ alle FALTER-Produkte und Abos, nur hier!
  • ✔ keine Weitergabe personenbezogener Daten an Dritte
  • ✔ als 100% österreichisches Unternehmen liefern wir innerhalb Österreichs mit der Österreichischen Post
Kurzbeschreibung des Verlags

Die befremdlichen Züge, welche die Musik der Afroamerikaner für Weiße an sich hatte und immer noch hat, führten von Anbeginn zu einem bis heute weiterwirkenden Irrtum: Die afroamerikanische Musik kommt von den Schwarzen – die Schwarzen kommen aus Afrika – daher kommt die afroamerikanische Musik aus Afrika. Die Jazzforscher, die alles, was nicht in der Musikästhetik der westlichen Hochkultur enthalten ist, nach Afrika verlegen wollen, ziehen ein Faktum nicht in Betracht: Der größte Teil der traditionellen afrikanischen Musik wurde zu religiösen und sozialen Anlässen gemacht, an denen Afrika extrem reich war und selbst heute noch immer ist. Afrika oder nicht Afrika … das ist die Frage. Für die Afrikaner, die in die amerikanische Sklaverei gerieten, fielen diese Anlässe weg. Ihnen blieb nichts anderes übrig, als sich jener musikalischen Formen zu bedienen, die sie zunächst bei ihren weißen Besitzern und später auch beim weißen Proletariat zu hören bekamen. Ihre Rezeption dieser Musikformen bildet die Basis, aus der in den Jahrzehnten um 1900 der Jazz erwuchs. Aus dem Inhalt: 1. Einleitung 2. Der Aufbruch der Portugiesen 3. Das Banjo 4. Von der Alten in die Neue Welt 5. Das Kurzphrasenresponsorium 6. Die Musik in Lateinamerika 7. Der Anteil Frankreichs 8. Die Musik in Nordamerika 9. Die Minstrelsy 10. Die ersten Tanzmoden aus den USA 11. Blues 12. Beat contra Clave 13. Klezmer 14. Hin zum Jazz 15. Schluss Bibliographie Diskographie Sachregister Namensregister Summary

Mehr Informationen
Reihe Beiträge zur Jazzforschung /Studies in Jazz-Research
Themen Kunst Musik Musikwissenschaft und Musiktheorie
ISBN 9783201019002
Sprache Deutsch
Erscheinungsdatum 21.08.2008
Größe 24 x 17 cm
Verlag Akademische Druck- u. Verlagsanstalt
LieferzeitLieferung in 3-10 Werktagen
Unsere Prinzipien
  • ✔ kostenlose Lieferung innerhalb Österreichs ab € 35,–
  • ✔ über 1,5 Mio. Bücher, DVDs & CDs im Angebot
  • ✔ alle FALTER-Produkte und Abos, nur hier!
  • ✔ keine Weitergabe personenbezogener Daten an Dritte
  • ✔ als 100% österreichisches Unternehmen liefern wir innerhalb Österreichs mit der Österreichischen Post
FALTER-Rezension

Nina Polaschegg in FALTER 30/2009 vom 22.07.2009 (S. 18)

Die Wurzeln des Jazz liegen in Afrika – so steht's in den einschlägigen Jazzgeschichtsbüchern. Die Wurzeln des Jazz liegen in Europa, so die These des Grazer Ethnologen Maximilian Hendler, die er materialreich belegt. In der Fremde waren die versklavten Schwarzafrikaner ihrer ursprünglichen Riten und Musik beraubt. Sie mussten Neues entwickeln und taten dies, indem sie die Reste eigener kultureller Traditionen mit europäischen Kulten vermengten, die die weißen "Herrscher" und Missionare nach Amerika gebracht hatten. Die nordamerikanischen Haussklaven etwa hatten intensiven Kontakt zu europäischer Musik, die fest in die strenge, puritanische Tradition eingebunden war. Und diese Musik basierte wie der spätere Jazz auf Metren, die sich in gleichbleibendem Takt wiederholen. Auch der Swing wurzelt somit in Europa, denn aus Schwarzafrika sind allein additive, verschiedene metrische Muster kombinierende Rhythmen bekannt.
Auch andere Charakteristika des Jazz – call and response oder die im Jazz als Blues ausgeformten epischen Gesänge – erforscht Hendler, um zu zeigen, dass gerade diese in verschiedensten Ausformungen überall auf der Welt zu finden sind. Fazit: ein Muss für jeden Jazzliebhaber und ein Buch, das afroamerikanische Musik ernst nimmt, indem es mit dem letztlich abwertenden Klischee des "edlen Wilden" aufräumt.

weiterlesen

Afrika! Afrika?

Herwig G. Höller in FALTER 24/2009 vom 10.06.2009 (S. 49)

Musik liege "im Blut" – dieser Gedanke sei selbst bei Intellektuellen nicht selten anzutreffen, schreibt Maximilian Hendler. "Wie sehr sie sich damit im tiefsten Rassismus befinden, machen sich diese Personen nicht klar." Aber auch die derzeit in den USA politisch korrekte Ausdrucksweise "African Americans" prolongiere einen ober- und unterschwelligen Rassismus der Nachfahren europäischer Einwanderer. Denn von einem afrikanischen Standpunkt, so Hendler, seien die "Afroamerikaner" doch längst "Euroamerikaner". Mit Ausnahme von gerade Zugezogenen lebten nur wenige "reine" Afrikaner in den USA.

Der erste schwarze US-Präsident hat die Frage nach afroamerikanischer Identität gar auf eine globale Agenda gesetzt. Insofern könnte Hendlers "Vorgeschichte des Jazz: Vom Aufbruch der Portugiesen zu Jelly Roll Morton", die sich mit einem zentralen kulturhistorischen Kapitel der afroamerikanischen Kultur beschäftigt, kaum aktueller sein. Und das, obwohl der Grazer Wissenschafter, der dieser Tage seinen siebzigsten Geburtstag feierte, gerade auch ein Vertreter jener vermeintlichen Orchideenfächer ist, denen manche Politiker wiederholt die Abschaffung gewünscht haben. In seinem neuen Buch räumt Hendler mit dem Klischee auf, Jazz stamme aus Afrika, und spürt stattdessen seinen europäischen Wurzeln nach.
Hendler ist ein lebhafter Erzähler und zählt unter Geisteswissenschaftern zu einer raren Spezies. Der akademische Betrieb mag in letzter Zeit nicht viele Wissenschafter zu Höchstleistungen angespornt haben. Langfristige Perspektiven an den Universitäten, die es im Zeitalter kurzfristiger Projekt-Engagements nur noch selten gibt, ermöglichten aber auch vielseitig gelehrte Forscherpersönlichkeiten wie Hendler. Dieser hatte nach einer Tischlerlehre in den Sechzigerjahren an der Grazer Uni Byzantinistik und Slawistik studiert: "Als ich zu studieren begann, war das die exotischstmögliche Fächerkombination."

Gleichzeitig begann er sich für bildende Kunst und Musik zu interessieren, stellte Ende der Siebziger im Rahmen des steirischen herbst eigene Gemälde aus, sammelte Ikonen, komponierte in der Freizeit Zwölftonmusik und legte eine umfangreiche Plattensammlung an. Mittlerweile mehr als 9000 Platten, die Ausgangspunkt für musikethnologische Forschungen wurden. Besonders bereichernd, erzählt der emeritierte Professor für slawische Sprachwissenschaft, sei seine Beschäftigung mit dem Balkan gewesen: "Der Balkan ist sehr reich an volksmusikalischen Gattungen." In den frühen Neunzigern veröffentlichte Hendler eine Studie zu altweltlichen Wurzeln des neuweltlichen Banjos, 2001 erschien dazu sein mehrere Hundert Seiten starkes Opus Magnum "Oboe – Metalltuba – Trommel": "Diese drei Instrumente sind die Urform dessen, was wir heute Blasmusik nennen." Nebenbei gestaltete er für den Kölner WDR Radioserien zur Musikhistorie, auch über die Vorgeschichte des Jazz, als Vorarbeit zum vorliegenden Buch.

Woher kommt nun die Musik der Afroamerikaner, die im zwanzigsten Jahrhundert unter anderen im Jazz mündete? Nachdem – so Hendler – der alten afrikanischen Musik durch die Verschleppung in die "Neue Welt" die soziale Grundlage entzogen wurde, kamen die nordamerikanischen Sklaven in den musikalischen Einflussbereich ihrer weißen Herren. Diese anfänglich vor allem religiös motivierten Auswanderer hatten weder Mozart noch Beethoven im Gepäck, sondern vor allem altertümliche Kirchen- und Volksmusik. Das "Afrikanische" der dem Jazz zugrunde liegenden Musikstile sei daher, argumentiert Hendler, das Temperament, mit dem sie von Afroamerikanern gespielt wurden. Denn nach der Sklavenbefreiung und Generationen später begannen sich weiße Meinungsträger mit der Musik der Befreiten zu beschäftigen: "Sie empfanden diese Spielweisen als etwas so unerhört Neues, dass sie keinen anderen Gedanken mehr fassen konnten als ‚Africa!'." Die zugrunde liegende Musik der weißen Ahnen sei bereits nachhaltig vergessen gewesen.
Hendler erklärt dieses Vergessen mit den Auswirkungen der "Zöglingskultur". "Mit der Einführung der allgemeinen Schulpflicht hat sich ein Kulturbegriff durchgesetzt. Er besteht darauf, dass er der einzig Richtige ist, andere Kulturformen dagegen defizitär sind. Was die eigene Musik betrifft, gibt es weder in Afrika noch im Orient eine derartige Ausschließlichkeit." Nicht nur die Rezeption der Jazzvorgeschichte, auch die Verdrängung von Musikinstrumenten in Österreich sei mit dem Vormarsch der "Zöglingskultur" zu begründen: "In den 1770ern wurde die Schulpflicht eingeführt, zwei Generationen später war der zuvor verbreitete Dudelsack in Österreich verschwunden."

weiterlesen