Wirtschaftswachstum - eine Bedrohung?

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Kurzbeschreibung des Verlags:


Trotz äußerst schwacher Wirtschaftsentwicklung erlebt die grundsätzliche Kritik am Wirtschaftswachstum derzeit einen neuen Höhepunkt. Diese Kritik reicht freilich schon fast 150 Jahre zurück und erreichte 1934 im »Deutschen Sozialismus« Werner Sombarts einen ersten Höhepunkt. Da sich trotzdem an der Einstellung der Bevölkerung zur Wirtschaft nichts geändert hat, scheinen die Verhaltensannahmen der Kritiker nicht zuzutreffen. Die heutigen Autoren lassen es allerdings nicht bei der moralischen Verurteilung bewenden, sondern meinen, man müsse das Wirtschaftswachstum bekämpfen, um den Schadstoffausstoß zu reduzieren. Hier stellt sich jedoch die Frage, ob eine zielgerichtete Umweltpolitik nicht effektiver wäre, als das ständige Starren auf den Ausstoß.

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FALTER-Rezension

Nicht alles, was in der Wirtschaft wächst, ist böse

Wirtschaftshistoriker Felix Butschek seziert die gefällige Kritik am Wirtschaftswachstum – mit einer gehörigen Portion an Empörung

Produktivität, so nennen Ökonomen den Wert der pro Arbeitsstunde geschaffenen Waren und Dienstleistungen – den in Geld ausdrückbaren Wert, wie sich versteht.
Ältere Menschen erinnern sich noch an Raten des Wirtschaftswachstums, der Lohnsteigerung, der Staatsanleihen, Spar- und Kreditzinsen von 6,8 und mehr Prozent. Heute würde derlei als Inflation bekämpft.
Damals, im Goldenen Zeitalter des Nachkriegseuropa – vor der Erdölkrise der 1970er-Jahre und der langsam ansteigenden Staatsverschuldung und Arbeitslosigkeit –, schien eine immense Produktivität steigenden Wohlstand und den Ausbau des Sozialstaates auf unabsehbare Zeit garantieren zu können.
Schon Adam Smith hat von steigender Produktivität neben höherer Unabhängigkeit des einzelnen Arbeiters eine Milderung der Ungleichheit erwartet und noch die heutige Politik ruft unverdrossen nach Wachstum als Kurativ für alles und jedes, Arbeitslosigkeit, Überschuldung, Euro-Krise, Sicherung der Renten und Sozialsysteme.
Die Wirklichkeit aber gibt sich störrisch. Im Jahrzehnt zwischen 2000 und 2010 lag in Deutschland die Rate nicht mehr bei 67, sondern bei 12 Prozent, und das lag nicht nur an den Fehlern der Euro-Politik und der Finanzkrise.
In den OECD-Ländern, selbst in China und den Schwellenländern scheint eine Phase hohen Wachstums an ihr Ende gekommen. Und es wird nie mehr so sein wie früher, glauben heute zunehmend mehr.
Andere glauben, die nachhaltigsten Auswirkungen der Internetrevolution stünden uns noch bevor, Mobilität, Urbanisierung, Medizin, Ökologie und das Welternährungsproblem würden Innovationen großen Stils erfordern und erbringen – und solche sind ihrer Natur nach nicht vorhersagbar.

Wenig gottgefällige Gier
Wertkonservative hatten die Fixierung auf Vermehrung der Güter schon je als Ausdruck wenig gottgefälliger Gier kritisiert.
Werner Sombart erträumte vor bald hundert Jahren einen „Deutschen Sozialismus“, in dem die kapitalistisch verursachte Entwurzelung des Einzelnen rückgängig gemacht und er von Eigensucht und Gier befreit würde. John Stuart Mill erträumte sich einen „stationären Staat“ für eine Zukunft, in der alle grundlegenden Bedürfnisse einmal dank Wirtschaftswachstum gestillt seien.
Seit den 1970er Jahren gesellten sich „Wachstumskritiker“ ökologischer Motivation hinzu und heute ist es in der medial präsenten Kulturelite kommun, gegen den „Wachstumswahn“ zu Felde zu ziehen.
Die „Klimakatastrophe“ ist die neue Zuchtrute, um die Menschen endlich von ihrer Gier und Hingabe an niedrige Konsumwünsche abzubringen, die vom Kapitalismus angeblich nicht befriedigt, sondern umgekehrt vermehrt würden. Dabei sind Abwägungen von Nutzen und Nachteil der klimatischen Veränderungen eine äußerst komplexe, vorerst unlösbare und daher stets von weltanschaulichen Interessen überformte Angelegenheit.
Flottierende Losungen wie die, es könne auf einem endlichen Planeten kein unendliches Wachstum geben, sind so einfältig, dass man sie überhaupt nur als ideologische Realitätsverweigerung verstehen kann.
Ja, sicher, wenn man so weiter gewirtschaftet hätte wie das Römische Reich unter Kaiser Augustus, dann wäre die Welt irgendwann abgeholzt gewesen – solche linearen Projektionen von Verhaltensmustern zu einem Zeitpunkt in die Zukunft sind in komplexen dynamischen Systemen prinzipiell irreführend und methodisch obsolet.

Wichtige Korrekturen
Felix Butschek, lange Jahre am Wifo als Wirtschaftshistoriker mit Sympathien für die Institutionenökonomie tätig, bringt viele wichtige Korrekturen bequemer „Wachstumskritik“ in seiner Streitschrift zusammen.
Er tut es allerdings noch in alter Manier des Weltanschauungskampfes, voller Empörung über die moralistische Bevormundungsneigung und den chronischen Mangel an Faktenwissen vieler Linken ebenso wie die methodische Willkür des „Club of Rome“, den man heute öfters „aktueller denn je“ nennt.
Butschek setzt sich damit dem Verdacht aus, weltanschauliche Rechnungen begleichen zu wollen und zu tun, was zu tun er seinen Feinden ankreidet: als Faktum zu präsentieren, was eigentlich das Ergebnis von Deutungen und weltanschaulichen Präjudizien ist.
Sachfehler finden sich im Buch einige – die Lebenserwartung in Industriegesellschaften ist nicht einfach höher als jemals zuvor, Steinzeitmenschen erreichten bereits ein hohes Lebensalter. Dazu liebt Butschek polemische Pauschalisierungen: Die Aufklärer ausgenommen hätten Intellektuelle schon von jeher das wirtschaftliche Handeln verachtet. Und die ökologische Bewegung habe nie etwas anderes getan, als die nötige Transformation verhindert – so?
Dennoch: Es ist unbedingt wichtig, daran zu erinnern, dass der Traum, der Mensch möge einmal genug haben und aufhören, immer mehr zu wollen, ein alter ist, und ebenso wichtig, daran zu erinnern, dass das, was man (wiederum pauschalisierend) „Kapitalismus“ nennt, keine Wirtschaftsform, sondern eine neue Zivilisation ist: Ohne einen geeigneten Rechtsrahmen, Verwandlung von Wissenschaft in technische Innovationen kann keine Marktwirtschaft produktiv sein. Die Segnungen dieser marktwirtschaftlich gegründeten Lebensform sind für uns so selbstverständlich geworden, dass wir gerne vergessen, woher sie rühren.
Die historischen Kapitel dieser Streitschrift seien jedem, der den in Massenmedien flottierenden Floskeln auf den Grund gehen will, empfohlen. Zumindest als Vorbereitung auf vertiefende Lektüre.

Sebastian Kiefer in Falter 43/2016 vom 28.10.2016 (S. 20)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783205200611
Erscheinungsdatum 03.10.2015
Umfang 148 Seiten
Genre Wirtschaft/Volkswirtschaft
Format Taschenbuch
Verlag Böhlau Verlag
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