Die Akademie der bildenden Künste Wien im Nationalsozialismus

Lehrende, Studierende und Verwaltungspersonal
€ 24
Lieferung in 2-5 Werktagen
-
+
Kurzbeschreibung des Verlags:

Die Akademie der bildenden Künste Wien war 1938 eine der kleinsten Hochschulen Österreichs. Ihre Studierenden waren älter und es studierten deutlich mehr Frauen als an anderen Universitäten. Der Anteil der Studierenden, die nach den Nürnberger Gesetzen als Juden galten, war hingegen geringer. Erstmals liegt mit dieser Studie eine Gesamterhebung der Studierenden des Studienjahres 1937/1938 sowie der Beschäftigten an der Akademie während der NS-Zeit vor. Sie zeigt, wer nach dem „Anschluss“ bleiben durfte und wer gehen musste, erläutert die Maßnahmen des Jahres 1938 sowie der Entnazifizierung nach dem Krieg und spannt einen Bogen vom dienstenthobenen Professor über die in die Emigration gezwungene Studentin bis zu dem von KZ-Haft bedrohten ukrainischen Heizer.

weiterlesen
FALTER-Rezension

Fräulein Marias Gau-Stipendium

Ein Buch über die NS-Jahre der Kunstakademie zeigt: Die Malerin Maria Lassnig war kein Opfer der Nazis

Die Malerin Maria Lassnig (1919–2014) ist ein Mythos. Als eine der wenigen Frauen in einem von Männern dominierten Kunstbetrieb wurde sie ein Star. Bereits der Beginn ihrer künstlerischen Laufbahn bot Stoff für Legenden. Das Mädel vom Kärntner Land fuhr mit dem Fahrrad nach Wien, um die Aufnahmeprüfung an der Akademie der bildenden Künste zu machen. Lassnig bestand den Test, musste die Meisterklasse aber bald wieder verlassen, weil ihre Kunst als „entartet“ galt. Heißt es.
Als Lassnig 2014 starb, verwiesen die meisten Nachrufe auf diesen Bruch in ihrem Frühwerk. Eine neue, von der Akademie der bildenden Künste Wien in Auftrag gegebene Studie untersucht die Verstrickung der Institution in die Verbrechen der NS-Zeit. Die Studienautorin Verena Pawlowsky stieß dabei auch auf bisher unbekannte Dokumente, die das Bild von Lassnig als malender Partisanin korrigieren. Obwohl der Fall Lassnig nur eine Fußnote ist, zeigt er doch, dass das Verhalten der Menschen in der NS-Zeit einer differenzierten Betrachtung bedarf.
Als die Künstlerin im Wintersemester 1940/41 an die Kunstschule kam, hatte die Gleichschaltung längst stattgefunden. Schon am 12. März 1938, einem Tag vor dem offiziellen „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich, stand die Akademie unter der kommissarischen Führung von drei Nationalsozialisten, darunter Lassnigs späterem Lehrer Wilhelm Dachauer. Deren erste Amtshandlung war die Dienstenthebung von Beamten.
Unter den 13 Betroffenen befanden sich der Architekt Clemens Holzmeister, einer der Baukünstler des katholisch-autoritären Ständestaates, und dessen Assistent Erich Boltenstern, der als „jüdisch versippt“ und „Trabant Holzmeisters“ eingestuft wurde. Beiden wurde ihr Naheverhältnis zum Austrofaschismus zum Verhängnis.
„Im Vergleich mit der Universität Wien war die Zahl der Enthobenen gering“, erklärt Verena Pawlowsky. Aus dem Lehrkörper der juridischen Fakultät mussten 50 Prozent, bei den Medizinern gar 67 Prozent ausscheiden, auf der Akademie waren es nur 20 Prozent.

Die Frauenquote der Nazis
Über die Gründe dafür, dass die Akademie relativ glimpflich davonkam, kann nur spekuliert werden. Manche vermuten, dass das ideologische Klima in der Institution die Gleichschaltung bereits vor dem „Anschluss“ vorbereitet hätte. Jüdische Studenten gingen eher auf die fortschrittliche Kunstgewerbeschule (heute Angewandte) als auf die großdeutsch-konservativ gesinnte Akademie am Schillerplatz. So gab es gar nicht viel zu säubern, als das braune Reinemachen begann.
Pawlowskys Forschungsaufgabe war es, die genaue Zahl der Opfer und Täter zu erheben. Dabei machte sie einige überraschende Entdeckungen, etwa des bereits vor 1938 hohen Frauenanteils unter den Studierenden. Als Lassnig nach einer Ausbildung zur Volksschullehrerin im Alter von 21 Jahren das Studium aufnahm, wurden dann immer mehr Studenten in die Wehrmacht einberufen. Die regulären Hörer waren bald nur noch Frauen; im Sommersemester 1944 gab es unter den 271 Studierenden ganze drei Männer. Auch im Lehrkörper bröckelte die Männerfront. Von 1941 bis 1944 wurden die ersten sechs Frauen, die an der Akademie lehrten, eingestellt. Das Geschlecht stand Lassnigs Karriere also nicht im Wege. Eckte sie mit ihrer provokanten Malweise an?

Angeblicher Rausschmiss
„Ich hab mich schon damals mit reinen Farben beschäftigt. Da war es nicht weit zum Kubismus“, erklärte Maria Lassnig in einem Profil-Interview den angeblichen Rausschmiss aus der Meisterklasse von Wilhelm Dachauer. Der Kubismus gehörte zu jenen Stilrichtungen, die von den NS-Ideologen als „entartet“ bezeichnet wurde. Die Kunst der Avantgarde wurde als „krankhafte Phantasie geisteskranker Nichtskönner“ verfemt und teilweise auch zerstört.
Im Archiv fanden sich keine Beweise für Lassnigs Diskriminierung. Als die Künstlerin 1945 ihre Ausbildung abschloss, konnte sie mehrere Auszeichnungen und Stipendien vorweisen. 1943 erhielt sie zweimal das Kärtner Gau-Stipendium, 1944 neuerlich das Gau-Stipendium und 1945 das Staats-Reisestipendium.
Pawlowskys Fazit: „Die Darstellung, dass Lassnig die Akademie 1943 habe verlassen müssen, kann durch die vorliegenden Quellen nicht belegt werden. Die zuerkannten Stipendien zeigen im Gegenteil, dass die Künstlerin sogar gefördert wurde.“
Lassnig war keine Nazikünstlerin, sondern eine ehrgeizige Studentin, die nach Anerkennung strebte. Farbstudien à la Cezanne zeigen sie als Schülerin ihres moderat modernen Professors Herbert Boeckl, der selbst Mitglied der NSDAP war. Was man der Künstlerin vorwerfen kann, ist die Tatsache, dass sie der von Journalisten und Kunsthistorikern verbreiteten Mär der verfemten Künstlerin nicht entschiedener widersprach.
Bei ihren Recherchen stieß Verena Pawlowsky schließlich doch noch auf ein politisches Verbrechen. Alfred Ortenberg studierte im Wintersemester 1943/44 Bühnenbildnerei. Im April 1944, eine Woche vor seinem 18. Geburtstag, rückte er in Berlin freiwillig bei der Leibstandarte SS Adolf Hitler ein. Später desertierte er und wurde, nachdem er wieder gefasst war, zum Tod verurteilt. Am 15. April 1945 trat Ortenberg in der Strafanstalt Krems/Stein vor das Hinrichtungskommando.
Wunderliche Historie: Das einzige identifizierbare Todesopfer der Akademie war ein SS-Mann.

Matthias Dusini in Falter 50/2015 vom 11.12.2015 (S. 35)

weiterlesen
Produktdetails
Mehr Informationen
ReiheKontexte. Veröffentlichungen der Akademie der bildenden Künste Wien
ISBN 9783205202912
Erscheinungsdatum 03.12.2015
Umfang 123 Seiten
Genre Geschichte
Format Hardcover
Verlag Böhlau Wien