Das Habsburgerreich - Inspiration für Europa?

Eine Spurensuche. Aus dem Niederländischen übersetzt von Leopold Decloedt
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Das Habsburgerreich bestand rund 600 Jahre lang und vereinte unter seinem Dach viele Völker, Sprachen und Kulturen. Auch in der Europäischen Union sind verschiedenste Länder vereinigt, die, ähnlich wie in der Habsburgermonarchie, versuchen, Konflikte zu vermeiden, Kompromisse einzugehen und so gut es geht, gemeinsame Entscheidungen zu treffen. Wo sind die Ähnlichkeiten zwischen dem Habsburgerreich und der EU? Kann man diese beiden Konstrukte überhaupt vergleichen? Caroline de Gruyter, die ein paar Jahre in Wien gelebt hat, taucht in die habsburgische Vergangenheit ein und befördert vergessene Geschichten wieder ans Tageslicht. Eines ist sicher: die EU kann so manches vom Habsburgerreich lernen.
Die niederländische Journalistin nimmt uns mit auf ihre Reise durch die Vergangenheit und lässt uns teilhaben an interessanten Gesprächen mit Diplomaten, Politikern, Beamten – oder einfach nur mit ihren eigenen Nachbarn in Wien.

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FALTER-Rezension

Weiterwurschteln als imperiales Prinzip

Eine gewisse Begeisterung für die Gegenwart der Geschichte im imperialen Wien kann man Caroline de Gruyter nicht absprechen. Die niederländische Journalistin mit Schwerpunkt Europa und Internationales berichtete von 2013 bis 2017 aus Wien. Das Kaiserreich und seine Nachfahren, allen voran die Habsburger, schienen sie fast zu verfolgen. Angefangen von der Wohnung in einem Seitentrakt eines adeligen Hauses nahe Schönbrunn, das sie mit ihrer Familie bezog (wunderschöner Innenhof, aber lauter Durchgangszimmer), bis hin zu den traditionsreichen Namen der Diplomaten und Kollegen, die sie hier kennenlernte (Rohans, Coudenhove-Kalergis).

Als sie Karl Habsburg dann bei einem Vortrag im Herbst 2016 persönlich kennenlernte, war sie enttäuscht. Er sollte zum Thema EU und Brexit sprechen, referierte dann aber zum Lieblingsthema der Autorin: Parallelen zwischen dem Habsburgerreich und Europa. Genau darüber hatte de Gruyter kurz zuvor für den renommierten Thinktank Carnegie Europa einen Essay verfasst. Wie sich herausstellte, hatte Habsburg einfach ihren Vortrag kopiert, ohne sie ein einziges Mal zu erwähnen. Als sie ihn darauf ansprach, sagte er: "Ihr Artikel ist fantastisch. Gestern habe ich ihn auch verwendet, bei einem anderen Vortrag."

Immerhin, aus ihrem Essay wurde ein sehr lesenswertes Buch, das bewusst als "Spurensuche" aufgebaut ist. Sie sei keine, die "nach amerikanischer Art eine starke These" durchdekliniere, lieber nähert sie sich in Kreisen der Kernfrage: Was kann die EU vom Habsburgerreich lernen?

Karl Habsburg gab ihr dann auch noch ein Interview zum Thema, das aber eher belanglos war. "Dieser Mann ist ein Gefangener einer Rolle, die ihm gar nicht liegt. Ich beneide ihn nicht", schreibt sie trocken. Es sind persönliche Beobachtungen wie diese, die de Gruyters Buch lebendig und interessant machen.

Exkurse in die Wissenschaft wechseln sich ab mit Begegnungen mit Denkern wie dem Leiter der Diplomatischen Akademie in Wien, Emil Brix, oder dem ehemaligen tschechischen Außenminister Karl Schwarzenberg. Auch verstörende Szenen sind dabei, etwa ein patriotisches Mittagessen mit der ungarischen Botschafterin in Oslo, de Gruyters neuem Dienstort. Oder ein Gartenfest mit weltläufigen Damen aus Wiens besserer Gesellschaft, die sich aber abwenden, nachdem sie sich als Journalistin mit EU-Schwerpunkt vorgestellt hat. "Schön, dass sie das hinter sich haben."

Europa als "Soft Power", die genauso wie das Habsburgerreich die vielfältigen Interessen ihrer "Völker" austarieren muss und deshalb immer eher weiterwurschtelt, auf Zeit spielt, Kompromisse suchen muss, diese Parallelen sind aufgelegt. De Gruyter greift weitere Aspekte auf: Europa und das Habsburgerreich sind "eingeklemmte Mächte" (ein Bild des amerikanischen Außenpolitikexperten A. Wess Mitchell), haben schwache Armeen und brauchen deshalb Pufferzonen an ihren Außengrenzen.

Letztlich zerbrach die Monarchie nicht am Aufstand der nationalistisch erglühten Völker, sondern am Krieg an sich, an der Heimatfront, weil alles, was das Kaiserreich zu bieten hatte, die Versorgungssicherheit, die Ordnung, die Bürokratie, zum Erliegen kam, warnt de Gruyter.

Deshalb muss Europa ein Imperium werden und Machtpolitik betreiben -nicht nur ökonomisch, darin ist es schon ganz gut, sondern auch außenpolitisch. Keine Vetos mehr im Europäischen Rat bei Außenpolitik-Agenden und ein EU-Vizekanzler in jedem Land ohne zusätzliches Portefeuille wären ein Anfang.

Barbara Tóth in Falter 22/2022 vom 03.06.2022 (S. 19)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783205214847
Erscheinungsdatum 23.05.2022
Umfang 214 Seiten
Genre Geschichte/Neuzeit bis 1918
Format Hardcover
Verlag Böhlau Wien
Übersetzung Leopold Decloedt
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