Unfassbare Wunder
Gespräche mit Holocaust-Überlebenden in Deutschland, Österreich und Israel

von Alexandra Föderl-Schmid, Konrad Rufus Müller

€ 36,00
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Verlag: Böhlau Wien
Format: Hardcover
Genre: Geisteswissenschaften allgemein
Umfang: 184 Seiten
Erscheinungsdatum: 14.01.2019


Rezension aus FALTER 5/2019

Von Wunden und Wundern: Ein Testament in Wort und Bild

Alexandra Föderl-Schmid versammelt intime Lebensresümees von Holocaust-Überlebenden in Deutschland, Österreich und Israel

Marko Feingold legt auch mit 105 Jahren Wert auf elegante Kleidung. Genauso trug er 1939, als er ins KZ eingeliefert wurde, einen Anzug. Der Anzug wanderte mit ihm nach Auschwitz, Neuengamme, Dachau und Buchenwald. 1945 bekam er ihn wieder. „Der Anzug war tipptopp“, meint Feingold schmunzelnd, „es geht nichts über eine gründliche Verwaltung.“

Wobei Feingold in den Anzug erst wieder hineinwachsen musste. Nach der Befreiung wog er knapp 40 Kilo. Er redet nicht lang herum, er sagt: „Die Gedärme hingen mir beim After heraus. Ich hatte Mühe, speziell beim Hinsetzen, da ich mich ja nicht auf meine Gedärme setzen konnte. Die musste ich, brutal gesagt, zuerst hineinschieben.“

Feingold, der später zum Fluchthelfer für tausende Juden wurde, ist der Älteste der Menschen, die für das Buch „Unfassbare Wunder“ ihre Lebensgeschichten erzählt haben. Beim Zutagefördern geholfen hat Alexandra Föderl-Schmid, ehemals Standard-Chefredakteurin, nun die Korrespondentin der Süddeutschen Zeitung in Israel.

Bilder, die bleiben

Man wird dieses Buch nicht mehr vergessen. Die Grausamkeiten sind kaum zu fassen, wenn etwa der inzwischen verstorbene Antifaschismus-Kämpfer Rudolf Gelbard von der Ankunft eines Häftlingstransports erzählt: „Wir haben die Türen aufgemacht, es war schrecklich. Die Hälfte war tot.“ Gelbard musste helfen, Tote und Lebende mit einem Stock zu trennen. Die Lebenden rissen einander dann Brotstücke aus dem Mund. Es sind aber auch Geschichten vom Wunder, nicht zu den sechs Millionen Ermordeten zu gehören: „Eine Sache von Sekunden“ war es bei Rachel Oschitzki. Ein Blickkontakt zwischen ihr und ihrem Bruder, und die Kinder rannten los. So entkamen sie der Deportation, während ihre Mutter und ihr Vater erschossen wurden. Und wir lesen von übermenschlichem Mut und Mitgefühl: Marianna Bergida wurde als Baby von ihrem Kindermädchen aus dem Sammellager geschmuggelt – in einem Essenskorb.

Manche der Interviewten haben ihre Geschichten nie zuvor erzählt. Jetzt, gegen Ende ihres Lebens, wollen sie die Erinnerung doch teilen. Auch wenn der Schmerz nicht kleiner geworden ist: „Das Sprichwort ,Zeit heilt Wunden‘ gilt nicht für Auschwitz“, sagt Eva Umlauf, die als Zweijährige in Auschwitz ihre Häftlingsnummer eintätowiert bekam: „Diese Wunde heilt nicht und wird eigentlich schlimmer, wenn man älter wird.“ Konrad Rufus Müller, der bekannte Fotograf deutscher Kanzler, hat eindringliche Schwarzweißporträts der Protagonisten beigesteuert. „Wir publizieren ein Testament dieser Menschen“, sagt er.

Angstvolle Blicke in die Zukunft

Das Buch geht auch der Frage nach, wie das Erlebte die Lebensverläufe prägte. Die einen erklären, warum sie in Deutschland oder Österreich blieben, die anderen, warum sie nach Palästina wollten. Manfred Rosenbaum wiederum trieb ein Leben lang die Frage um, warum er das Geschehene anfangs nicht glauben konnte. Als ihm im KZ Bergen-Belsen ankommende Häftlinge aus Auschwitz von den Gaskammern berichteten, habe er gerufen: „Das stimmt nicht!“ Noch heute schreit er, wenn er es erzählt.

Eines zieht sich durch: Der pessimistische, teils angstvolle Blick auf aktuelle Verhältnisse. Harry Merl, Gründer des Instituts für Psychotherapie an der Linzer Landesnervenklinik: „Ein Holocaust ist jederzeit wieder möglich. Die, die schreien, sind auch bereit zu töten.“ Horst Selbiger will bei seinen Auftritten als Zeitzeuge an eines erinnern: „Dass die Nazis innerhalb von 100 Tagen aus einer relativ funktionierenden demokratischen Republik ein faschistisches Terrorregime errichtet haben.“

Gerlinde Pölsler in FALTER 5/2019 vom 01.02.2019 (S. 22)


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