Böhmen ist der Ozean

von Rhea Krčmářová

€ 19,90
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Verlag: Kremayr & Scheriau
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 208 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.02.2018

Rezension aus FALTER 11/2018

Böhmen bleibt ein Meer

Bianca Bellová und Rhea Krčmářová tauchen tief in die Metaphernströme ihrer tschechischen Heimat ein

Zwei Bücher mit Migrationshintergrund laufen in den Hafen dieses Literaturfrühlings ein und spielen das Element Wasser metaphorisch auf mehreren Ebenen durch. Beide Autorinnen wurden noch vor dem Fall des Eisernen Vorhangs in Prag geboren. Ihre Bücher kreisen um Herkunft und Zugehörigkeit, es geht um Unterdrückung und Ausbruch, um die Folgen des Kommunismus auch über dessen Ende hinaus.
Bianca Bellová hat mit „Am See“ ihren vierten Roman geschrieben, der in Tschechien bereits bei seinem Erscheinen im Jahr 2016 gefeiert und mit Auszeichnungen bedacht wurde. Die Coming-of-Age-Story geht ob ihrer in allen Farben der Traurigkeit gezeichneten Figuren an die Nieren. Zwischen Hafenindustrie, russischer Besatzung und schamanistischen Seegeist-Ritualen entwickelt sich einzig Nami, die Hauptfigur, dessen Geschichte hier exemplarisch für all jene Menschen steht, die ihr Leben unter den ungünstigsten Voraussetzungen meistern müssen.
Seinen Vater hat Nami nie kennengelernt und von der Mutter weggegeben wächst Nami in Boros, einer fiktiven Kleinstadt an einem namenlosen See, bei seinen Großeltern auf. Nach deren gewaltsamem Tod bricht er die Schule ab, schläft im Hühnerstall einer Kolchose, verliebt sich in Zaza und haut, als diese von russischen Besatzern vor seinen Augen vergewaltigt wird, in die Hauptstadt ab. Dort bekommt Nami Arbeit als Hilfsasphaltierer in einer Schwefelfabrik und begibt sich, nun 17-jährig, auf die schwierige Suche nach seiner Mutter, die er in einem Bordell vermutet.

Vier Kapitel, die bedeutsam mit „Ei“, „Larve“, „Puppe“ und „Imago“ überschrieben sind, umreißen Namis Lebensweg. Wasserklar und eindringlich sind Bellovás Sätze, changierend zwischen derb-sexuellen Ausdrücken und starken Bildern. Die erzählerische Kunst der Autorin besteht nicht zuletzt darin, dass sie in dieser trostlosen Welt, die „mehr für Idiotentum übrig (hat) als für Heldentum“, Nami lieben und hoffen lässt.
Bianca Bellová verwirrt ihre Leser, indem sie auf konkrete Orts- und Zeitangaben verzichtet. Greifbar werden die bei den Einheimischen verhassten Russen. Aber wer steckt hinter dem „an sich friedfertigen Volk“ der Uruborer? Und warum pflegen sie islamische Bräuche?
„Am See“ bezieht sich auf das archetypische Symbol der Kreisschlange, des Uroboros. Die Schlange beißt sich selbst in den Schwanz, im ewigen Zyklus gebiert und verschlingt sie sich selbst. Die Gegensätze sind eins, Namis Charakter ist selbstzerstörerisch und schöpferisch zugleich. Durchgehend im Präsens geschrieben und ohne Rückblenden bezieht sich der Roman auf Gegensätze wie Gestern und Heute, Ost und West, Orient und Okzident und löst diese zugleich auf.
Und der See? Dieser spendet zunächst Leben, doch die Sommer sind heiß und das Gewässer schrumpft, wodurch den Menschen die Lebensgrundlage entzogen wird. Nur der Seegeist, der die Schuldigen holt, bleibt als gefürchtete Gottheit erhalten.

Sagen und Mythen spielen auch in Rhea Krčmářovás Erzählband „Böhmen ist der Ozean“ eine wichtige Rolle. In der Eröffnungsgeschichte „Inselhüpfen“ erfahren wir, dass der Vodnik, der Wassermann, die Seelen der Ertrunkenen in irdenen Töpfen aufbewahrt. So auch die Seele der Großmutter der Ich-Erzählerin, die als Alter Ego der Autorin die ozeanischen Tiefen ihrer Familie ausleuchtet.
Krčmářová emigrierte mit ihrer Familie aus der ČSSR nach Österreich. Die Erzählerin stellt sich das Böhmen und Mähren ihrer Kindheit als einen einzigen Ozean mit ein paar Inseln vor. Es ist schwer für sie, sich darin zurechtzufinden. Ihr Vater ist „ein Fisch außerhalb des Wassers“, also ein Widerständler gegen das sowjetische System. Schließlich gelangt sie „ins Trockene“, nach Österreich, das aber eine „Niemandsinsel“ bleibt. Die Autorin selbst – der Klappentext hilft mit der Transliteration „Krtsch-mar-scho-wa“ bei der richtigen Aussprache – war fünf Jahre staatenlos, lebt heute in Wien und schreibt auf Deutsch.
Für die sprachlich vielfältige Erzählsammlung leistet das Leitmotiv Wasser gute metaphorische Dienste. In der beklemmenden Erzählung „Lebensstriche“ werden Handlinien zu Wasserläufen; in „Anežkas Reise“ wird zum letzten Mal eine Schiffsfahrkarte gekauft. Mitunter tritt der Erzählfluss über die Ufer, wie in „Übergänge“, dem inneren Monolog einer Exilierten.

Überzeugender geraten ist „Mündungen“, eine klug komponierte Wassermusik. Ein an der Wasserscheide in Nordösterreich lebendes Mädchen weiß wie besessen eine Vielzahl an Gewässer aufzusagen und ist sichtlich fasziniert von der Aussicht, dass die Strobnitz einmal Teil der Nordsee sein wird: „Bei ihr im Wald (…) wurde der Bruchteil eines Ozeans geboren.“ Verlor das Kind zunächst den Bachlauf hinter dem Stacheldraht der Staatsgrenze aus den Augen, konnte es nach der politischen Wende dem Wasser ins unbekannte Land folgen.
Prächtig wie ein Springbrunnen entwickelt sich die Erzählung „Husáks Stille“ zu einem Höhepunkt des Bandes. Angelegt als touristischer Stadtrundgang, der ins gespenstische Prag mitsamt seiner Dissidentenszene um Václav Havel führt, findet ein ständiger Wechsel zwischen Kaltem Krieg und Jetztzeit statt. Wenn die Ich-Erzählerin von ihrer Freundin Milena berichtet, die sich ob der politischen Zustände zwei Jahrzehnte nach der Wende als wütende Ministertochter an ein Amtsgebäude kettet, zeigt sich Krčmářovás heiter-melancholisches Erzählgemüt. Und Böhmen bleibt ein „Rhea’scher Ozean“.

Sebastian Gilli in FALTER 11/2018 vom 16.03.2018 (S. 18)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Am See (Bianca Bellová, Mirko Kraetsch)

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