Hippocampus
Roman

von Gertraud Klemm

€ 22,90
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: Kremayr & Scheriau
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 384 Seiten
Erscheinungsdatum: 09.08.2019


Rezension aus FALTER 33/2019

„Es darf kein Schweinsbraten sein“

Zuletzt fand sich auf Twitter eine geballte Ladung Kommentare gegen Sexismus im Literaturbetrieb. Die Verfasserinnen drehten Klischees amüsant um und blickten in einer Weise auf Autoren, wie bisweilen über Autorinnen geschrieben wird. „Während die beeindruckende Katja Mann erfolgreich die Fabriken ihres Vaters leitete, kümmerte sich Gatte Thomas liebevoll um die Kinder“, hieß es da beispielsweise. „Daneben schrieb er Bücher.“

Die Aktion würde Elvira gefallen: Nach dem Tod einer befreundeten Autorin startet diese Protagonistin in Gertraud Klemms neuem Roman „Hippocampus“ einen aktionistischen Rachefeldzug. Sie will an das marginalisierte Werk der Verstorbenen erinnern und zeigen, wie wenig präsent Künstlerinnen und Frauen an sich im öffentlichen Raum sind. Dafür gestaltet sie Denkmäler genialer Männer um und versieht sie als Erkennungszeichen mit einem Seepferdchen (Hippocampus).

Der Plan zu diesem Roman ist lang gereift, die Umsetzung dauerte fünf Jahre. Ausgangspunkt waren die Biografie der österreichischen Schriftstellerin Brigitte Schwaiger (1949–2010, „Wie kommt das Salz ins Meer“) und der mediale Umgang mit ihrem Tod. Anstatt ihre Arbeit zu würdigen, war in den Nachrufen vor allem von psychischen Problemen die Rede. Klemm lernte eine andere Brigitte Schwaiger kennen, sie hatte einige Zeit regen Briefkontakt mit ihr und wurde von ihr zum literarischen Schreiben ermutigt.

Heute ist es Klemms einziger Job. Davor kontrollierte die studierte Biologin als pragmatisierte Beamtin das Trinkwasser der Stadt Wien. Warum gibt man diese Sicherheit auf? Klemm lacht herzhaft. „Mir ist lieber, ich mache das, was ich wirklich will, als ich bin Senatsrätin.“ Insgesamt fünf Jahre ließ sie sich unbezahlt karenzieren, 2011 kündigte sie. Ihr Zwischenresümee des Lebens als freie Autorin: „Als Beamtin war’s ein bissl ruhiger.“

Es läuft aber gut. Der Roman „Aberland“ stand 2015 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises, mit einem Kapitel daraus gewann die
Autorin 2014 den Publikumspreis
des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs. Als Klagenfurter Stadtschreiberin fiel ihr in der Folge auf, wie versteckt das Denkmal der Autorin in der Stadt ist. Besser sichtbar war der Bachmann-Salat auf so manchen Speisekarten. „Natürlich mit Hühnerbruststreifen, etwas anderes essen Frauen ja nicht“, ärgert sich Klemm. „Es darf kein Schweinsbraten sein.“ Der Salat ist im neuen Roman verewigt.

Den Gegenpol zur 68er-Emanze Elvira bildet Adrian, ein junger Kameramann, der ihre Aktionen begleitet. „Hippocampus“ ist auch ein Generationenroman über wilde Alte und angepasste Junge. Elvira ist freier im Kopf, Adrian wird von seinem Prekariat eingeschränkt. Immerhin macht er im Lauf der Handlung stellvertretend für den Leser einen Lernprozess durch und entwickelt langsam ein Bewusstsein, wie unterrepräsentiert Frauen im öffentlichen Raum sind.

Um den Roman theoretisch zu unterfüttern, hat die Autorin im Vorfeld Zahlen zum Buchmarkt recherchiert. Ihr fiel auf, dass Frauen in der Unterhaltungsliteratur und bei Krimis sogar ziemlich dominant sind. Geht es aber um die sogenannte anspruchsvolle Literatur, sieht das Bild ganz anders aus: „Das Renommee ist männlich.“ Die Vergabe großer Preise bestätigt diesen Befund.

Dennoch ist Gertraud Klemm froh, heute zu schreiben: „Die diversen Rankings und Marketinggags sind zwar brutal, dafür war für Autorinnen früher vieles unmöglich. Ohne männliche Förderer ging es nicht. Heute weiß man, dass das oft Beziehungen waren.“ Das Einzige, was sie zum Schreiben braucht, ist Ruhe. Als Mutter zweier Kinder nutzt sie dafür am liebsten Residencys und Stipendien. In drei, vier Wochen geht dann so viel weiter wie zu Hause in drei, vier Monaten.

Am meisten Kopfzerbrechen haben der Autorin die aus dramaturgischen Gründen notwendigen Sexszenen im Buch bereitet: „Ich habe gemerkt, wie konservativ ich eigentlich bin. Es wird alles so schnell anatomisch-steril. Oder zotenhaft. Das zu schreiben, war eine Gratwanderung.“ Sie ist geglückt. „Hippocampus“ geriet zu einem so bösen wie witzigen und gescheiten Roman. Und die Sexszenen gehen voll in Ordnung.

Sebastian Fasthuber in FALTER 33/2019 vom 16.08.2019 (S. 35)


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