Alles für Allah
Wie der politische Islam unsere Gesellschaft verändert

von Nina Scholz, Heiko Heinisch

€ 20,00
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: Molden Verlag in Verlagsgruppe Styria GmbH & Co. KG
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Gesellschaft
Umfang: 176 Seiten
Erscheinungsdatum: 20.03.2019


Rezension aus FALTER 17/2019

Eine Kampfschrift, kein Sachbuch

Die Publizisten Nina Scholz und Heiko Heinisch beschreiben die Gefahren des politischen Islam – und vereinfachen die Lage

Die Politikwissenschaftlerin Nina Scholz und der Historiker Heiko Heinisch haben nach einer Streitschrift über die bedrohte Meinungsfreiheit („Charlie vs. Mohammed“, Passagen-Verlag) nun ein neues Buch über die totalitäre Bedrohung des politischen Islam vorgelegt. Es ist im Molden Verlag erschienen und heißt „Alles für Allah“. Es versammelt eine Menge wissenswerter Fakten über den politischen Islam, das ist die gute Nachricht. Die schlechte Nachricht: Scholz und Heinisch blenden viele Tatsachen aus, die ihre eingängige Erzählung der Gefährdung der offenen Gesellschaft durch den politischen Islam stören.

Ambivalenzen gibt es aber in der Szene des politischen Islam sehr viele, ebenso Konflikte und Spaltungen zwischen verschiedenen Strömungen. Statt diese Spannungen sichtbar zu machen, wird ein kohärentes Bild eines monolithischen „politischen Islam“ gezeichnet, in dessen Mittelpunkt die 1928 in Ägypten gegründete Muslimbruderschaft (MB) steht.

Andere Strömungen des politischen Islam, die sich in vielem signifikant von der Muslimbruderschaft unterscheiden und mit dieser oft kaum Berührungspunkte haben, werden von Scholz und Heinisch zu Vorfeldorganisationen der MB herabgeschrieben.

Bereits zu Beginn ihres Buches stellen die beiden Experten klar, dass wir uns in einem „Kulturkampf“ befinden, der den „westlichen Gesellschaften“ von „islamistischen Organisationen, Islam-Lobbyisten und -Lobbyistinnen“ (S. 7) aufgezwungen worden sei. Dementsprechend kulturkämpferisch wirkt auch das Buch. Hier schreiben sich zwei selbsternannte Vertreter „westlicher Kultur“ ihre Ängste vor dem „politischen Islam“ von der Seele, und genau diese Getriebenheit ist es, die ihnen offenbar sehr oft den Blick für Details, Ambivalenzen und Veränderungen verstellt.

Ein Kulturkampf?

Dabei haben die Autoren in vielem, was sie schreiben, durchaus recht. Doch durch das Ausblenden der Ambivalenzen wird ihr Buch zu einer etwas eindimensionalen Kampfschrift.

So bemängeln Scholz und Heinisch durchaus zu Recht, dass es Gruppen gibt, die „jede kritische Debatte über islamische Vorstellungen und die in Europa tätigen Islamverbände zu unterbinden und als rassistisch und ‚islamophob‘ zu diskreditieren“ versuchen. Sie verschweigen aber, dass es innerhalb einiger Islamverbände in den letzten Jahren durchaus Veränderungen gegeben hat, die zwar noch nicht zu einer Bereitschaft für öffentliche Kritik geführt hat, sehr wohl aber darauf hindeuten, dass sachliche Kritik, die Muslime nicht per se unter Extremismusverdacht stellt, durchaus auch von manchen jüngeren Funktionären aufgegriffen wird.

Ein verschleiertes Netzwerk?

Die Geschichte des politischen Islam erzählen Scholz und Heinisch sehr eindimensional aus der Muslimbruderschaft heraus. Sie blenden dabei davon weitgehend unabhängig entstandene politisch-islamische Bewegungen, etwa in Süd-, Zentral- und Südostasien, aus oder subsumieren diese – wie im Fall der türkischen Bewegungen – unter der Muslimbruderschaft.

Dass Letztere als Gegenbewegungen zum Kemalismus, mit seiner autoritären Verstaatlichung des Islam, einen anderen Ursprung haben und mit der arabischen Muslimbruderschaft zwar ideologisch Gemeinsamkeiten, aber organisatorisch kaum Überschneidungen aufweisen, wird nicht erzählt.

Es wird zwar zur Kenntnis genommen, dass sich der Dschihadismus in den Methoden von den legalistischen Strömungen des politischen Islam unterscheide, allerdings postuliert – und leider nicht belegt –, dass sich diese „nicht so sehr in den Grundzügen ihrer Ideologie“ (S. 19) unterscheiden würden. Ausführlich wird diese Ideologie als antisemitisch, frauen- und minderheitenfeindlich beschrieben.

Einen wichtigen Teil des Buches stellt der Versuch dar, ein vor der Öffentlichkeit verschleiertes internationales Netzwerk der Muslimbruderschaft aufzudecken, das auch in Europa über großen Einfluss verfügen soll und dem auch die Organisationen des türkischen politischen Islam zugerechnet werden.

Die tatsächlich aufgrund des jahrzehntelangen Verfolgungsdrucks in den Herkunftsländern klandestinen Strukturen der Muslimbruderschaft machen es den Autoren leicht, ein solches geheimes Netzwerk zu konstruieren, das teilweise existiert, dem aber auch Organisationen zugerechnet werden, die nicht im engeren Umfeld der Muslimbruderschaft anzusiedeln sind.

Im Wesentlichen wird dabei mit der sogenannten „Kontaktschuld“ gearbeitet: Jeder, der Kontakte zu Strukturen der Muslimbruderschaft hat, könnte Teil ihres Netzwerkes sein und gilt daher als verdächtig.

Dementsprechend geraten nicht nur islamische Organisationen in den Fokus der Kritik der beiden Autoren, sondern auch das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (DÖW), das 2018 mit der Muslimischen Jugend Österreichs (MJÖ) das Projekt „MuslimInnen gegen Antisemitismus“ initiiert hat oder die in Fachkreisen als sehr erfolgreich bekannte Berliner Deradikalisierungsstelle Hayat.

Sie hatte mit einem gewaltfreien salafitischen Imam zusammengearbeitet, der 2014 bis 2016 gerade aufgrund seiner salafitischen Grundpositionen dschihadistische Jugendliche sehr gut davon abhalten konnte, sich dem IS oder anderen terroristischen Gruppen anzuschließen.

Als Beleg für ihre Kritik wird angeführt, dass dieser Imam 2017 in Spanien mit dem Vorwurf in Untersuchungshaft genommen wurde, für den IS zu rekrutieren. Dass noch kein Urteil gesprochen wurde und die umfangreichen Recherchen des zum Thema sehr renommierten Journalisten und Schriftstellers Yassin Musharbash dafür sprechen, dass der Imam zu Unrecht verhaftet wurde, wird leider ausgeblendet.

Das Buch ist damit mehr ein politisches Manifest geblieben denn ein fundiertes Sachbuch. Es ist eine Kampfschrift im Kulturkampf, den nicht nur die kritisierten Islamisten einem aufzwingen wollen.

Thomas Schmidinger in FALTER 17/2019 vom 26.04.2019 (S. 19)


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