Auf Wiedersehen, Kinder!

Ernst Papanek. Revolutionär, Reformpädagoge und Retter jüdischer Kinder
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Der junge Wiener Ernst Papanek ist Vollblut-Sozialist, leidenschaftlicher Pädagoge und unerschütterlicher Optimist. Obwohl er nach dem Februaraufstand 1934 nur knapp den Häschern des Dollfuß-Regimes ins Exil entkommt, ändert das nichts an seinem politischen und sozialen Engagement. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges leitet er vier Kinderheime in Montmorency bei Paris für 283 jüdische Flüchtlingskinder aus Deutschland und Österreich. In wenigen Monaten gelingt es ihm, ein beeindruckendes pädagogisches System aufzubauen, das für seine Zeit geradezu revolutionär ist. Er kann die Kinder später in die USA holen und vor dem Holocaust bewahren. In New York verwendet Papanek dieselben pädagogischen Ansätze und leitet für zehn Jahre eine Schule für straffällige Jugendliche. Bis heute können wir von seinen für die damalige Zeit ungewöhnlichen und revolutionären Methoden im Umgang mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen lernen.
Lilly Maiers große Biografie gibt dem heute beinahe Vergessenen seinen rechtmässigen Platz in der Geschichte zurück.

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FALTER-Rezension

Ein Wiener Streetworker der ersten Stunde

Als der völlig in Vergessenheit geratene Pädagoge Ernst Papanek 1973 verstarb, schloss der Arzt und Autor Richard Berczeller seinen Nachruf mit diesen Worten: „Um das Leben und Wirken Papaneks darzulegen, müsste man ein Buch schreiben.“ Dieses Buch liegt nun vor. Die Historikerin und Journalistin Lilly Maier hat sich auf eine wichtige und hochinteressante Spurensuche begeben.

Wer also war Ernst Papanek? Der spätere Pädagogikprofessor am Queens College in New York entstammte einer kleinbürgerlichen jüdischen Familie in Wien. Schon früh engagierte er sich in der Sozialdemokratie und lernte da auch seine Frau kennen. Als Gymnasiast organisierte er eine Freiwilligenhilfe für verwahrloste Kriegswaisen, die auf Wiens Straßen zu überleben versuchten. Heute würde man seine Tätigkeit Streetwork nennen. Während er sein Medizinstudium vernachlässigte, betätigte er sich in der Partei, wo er mit vielen bedeutenden Vertretern der Sozialdemokratie und des Austromarxismus, wie etwa Otto Bauer, Fritz Adler oder Otto Felix Kanitz, zusammentraf.

Besonders prägend aber waren für ihn die Theorie Alfred Adlers sowie die Arbeit mit Otto Glöckel, dem wohl bedeutendsten Schulreformer, den Österreich je hatte. Wer die Schriften des Unterstaatssekretärs für Unterricht und späteren Wiener Stadtschulratspräsidenten (1922–1934) heute liest, kommt aus dem Staunen kaum heraus – so aktuell sind sie heute noch. Glöckels reformpädagogisches Wirken fand 1934 ein jähes Ende, und nach 1945 wurde leider nie mehr dort angesetzt, wo Glöckel aufgehört hatte. Ernst Papanek jedenfalls sollte die Wiener Schulreform sein Leben lang begleiten.

1934 musste er aus Österreich flüchten und es begann ein Jahrzehnte währendes Exil. Dieses führte ihn auch nach Frankreich, wo er eine Rettungsaktion für jüdische Kinder unternahm. Er betreute sie in französischen Heimen. „Dürfen jüdische Kinder auch in den Park gehen?“, fragte ihn eines von ihnen. Diesen traumatisierten Kindern Heimat und Halt zu geben, sie wieder glücklich zu machen, das war die Herausforderung, der sich Papanek stellte. Sie sollten nicht nur überleben, sondern als gefestigte Persönlichkeiten überleben. Elemente der Reformpädagogik wie Schülermitverwaltung, Erziehung ohne Strafen, projekt­orientiertes Lernen, regelmäßige Berichte über den Lernfortschritt statt Noten sowie Handwerksunterricht waren zentrale Elemente seiner Heime.

Auch im Umgang mit Traumata war er seiner Zeit weit voraus. Den Kindern wurde nichts verheimlicht, sondern klargemacht, dass nichts von dem Schrecklichen, das ihnen widerfahren war, ihre Schuld war. Mithilfe der Bildung sollten sie mit einem Gefühl des Stolzes und als gestärkte Menschen in die Welt zurückgeschickt werden. Obwohl seine Tätigkeit als Direktor von elf Kinderheimen nur von 1938 bis 1940 dauerte, ehe er mit seiner Familie im letzten Augenblick flüchtete, war diese Zeit für seine Schützlinge prägend.

In den USA musste er von vorne anfangen und begann als Tellerwäscher in New York. In der Arbeit in Heimen mit jugendlichen Delinquenten, die er „Flüchtlinge in der eigenen Heimat“ nannte, setzte er sozialpädagogische Maßstäbe. In seinen Methoden war er wieder einmal seiner Zeit weit voraus. Später galt er in den USA als führende Autorität auf dem Gebiet der juvenile delinquency. Im Alter von 60 Jahren promovierte er an der Columbia University – der Titel seiner Dissertation lautete: „The Austrian School Reform“.

Erst in den letzten Jahren wurde der 1973 in seiner Heimatstadt verstorbene Ernst Papanek in der Wissenschaft wiederentdeckt. Seine reformpädagogischen Ansätze wären auch im Jahr 2021 eine wertvolle Bereicherung für das österreichische Schulwesen. Zum Umgang mit unbegleiteten Flüchtlingskindern hätte er uns ebenfalls viel zu sagen. Lilly Maier, die in ihm „eine vergessene Ikone der österreichischen, ja internationalen Pädagogik“ sieht, hat jedenfalls mit dieser Biografie, die vor allem auch Pädagoginnen und Pädagogen ans Herz gelegt sei, einen wertvollen Beitrag zu seiner Wiederentdeckung geleistet.

Heidi Schrodt in Falter 12/2021 vom 26.03.2021 (S. 20)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783222150487
Erscheinungsdatum 19.01.2021
Umfang 304 Seiten
Genre Sachbücher/Geschichte/Biographien, Autobiographien
Format Hardcover
Verlag Molden Verlag in Verlagsgruppe Styria GmbH & Co. KG
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