Das Virus in uns

Motor der Evolution
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Es liegt in unserer Hand. Endlich der Perspektivenwechsel!
Fünf vor zwölf oder schon Schlag zwölf? Die Politik ist angesichts der steigenden Covid-19-Zahlen mehr denn je uneinig und streitet – und sie überhäuft uns mit Verboten.
Bestsellerautor der Wissenschaftsjournalist Kurt Langbein kritisiert das scharf, nach dem Verbot kommt die überschießende Unvernunft und alles wird nur schlimmer. Er setzt in seinem neuen Buch auf Information und Motivation: Nur so können wir lernen und begreifen, dass wir die Lösung selbst in der Hand haben. Verbote und Lockdown bringen zu massive Kollateralschäden in der Gesellschaft sind er seine Co-Autorin Elisabeth Tschachler überzeugt.
In dieser packenden Reportage zeichnen die beiden Autoren den Weg von SARS-CoV-2 und seiner Ankunft in Europa akribisch nach und zeigen, was wir aus den Fehlern im Umgang mit Corona für die Zukunft lernen können und wie Mensch und Natur sich neu arrangieren können.
Ergänzt mit den neuesten Erkenntnissen der noch relativ jungen Virenforschung – Viren standen womöglich am Anfang allen Lebens – ist dieses Buch ein Wissenschaftskrimi fernab jeder Panikmache.

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FALTER-Rezension

Als wir ins Corona-Chaos schlitterten

Die Covid-Krise erobert auch den Buchmarkt. Kurt Langbein, Falter-Autor, renommierter Medizin-Journalist und Filmemacher legt am 24.9.2020 gemeinsam mit Elisabeth Tschachler eine Analyse der Covid-Krise und der Bedeutung von Viren für alles Leben im Molden-Verlag vor. Der Kritiker der Regierungspolitik führt darin aus, wie die Politik aus Fehlern lernen kann. Ein Vorabdruck.

***

Es gibt eine Vielzahl von Berichten dar­über, dass das neue Sars-CoV-2-Virus schon früher die Runde machte, und zwar genau in den Regionen, die dann zu Hotspots mit vielen Toten wurden. Im August 2019, so die Vermutung eines Forscherteams in Boston, habe es in Wuhan „Hinweise auf eine massive Krankheitsaktivität“ gegeben.

Hinter der Studie steht die Erkenntnis, dass Krankheiten zu bestimmten Verhaltensweisen breiter Kreise der Bevölkerung führen: Man googelt die Symptome und fährt im Krankheitsfall mit dem Auto zur Behandlung ins Krankenhaus. Die Forscher um John Brownstein vom Boston Children’s Hospital sahen unüblich starke Pkw-Bewegungen in Satellitenaufnahmen von sechs Krankenhäusern in Wuhan und eine deutliche Anhäufung von Anfragen zu Krankheitssymptomen wie „Husten“ oder „Durchfall“ auf der chinesischen Suchmaschine Baidu ab Ende August 2019.

Im Oktober 2019 fanden in Wuhan die Militärweltspiele statt. Fast 10.000 Athleten aus mehr als 140 Ländern waren dabei, und nach ihrer Rückkehr berichteten zahlreiche Sportler aus Norditalien, Frankreich, Spanien, Schweden und New York, sie seien an einer merkwürdig schweren Grippe erkrankt und hätten Verwandte angesteckt.

Ein weiteres Indiz: Eine Londoner ­Forschergruppe hat die Mutationen des neuen Virus analysiert. Die Ergebnisse der Gen­analyse zeigen, dass alle untersuchten Viren auf den verschiedenen Kontinenten ab Herbst 2019 einen gemeinsamen Vorfahren haben.

Was lange Zeit als plausible Hypothese gehandelt wurde, erhielt durch die von den italienischen Gesundheitsbehörden vorgenommenen nachträglichen Analysen routinemäßig gezogener Abwasserproben Gewissheit. Sie ergaben, dass das Virus schon Ende 2019 in der Lombardei die Runde machte: „Die Ergebnisse, die in den beiden verschiedenen Labors mit zwei verschiedenen Methoden bestätigt wurden, zeigten das Vorhandensein von Sars-CoV-2-RNA in Proben, die in Mailand und Turin am 18.12.2019 und in Bologna am 29.1.2020 entnommen wurden.“

Auch in Frankreich entdeckten die Mediziner im April und Mai 2020, dass es schon bedeutend früher Fälle von Sars-CoV-2-Infektionen gegeben hat. Bei der Analyse von Krankenakten stießen Intensivmediziner auf jene des 42-jährigen Fischhändlers Amirouche Hammar, der Ende Dezember auf der Intensivstation in einem Krankenhaus nördlich von Paris wegen einer Lungenentzündung behandelt worden war.

Da die Symptome ganz ähnlich denen einer Corona-Infektion gewesen und andere Krankheitserreger ausgeschlossen worden waren, testeten die Ärzte Anfang April tiefgekühlte Speichelproben des Mannes auf das Coronavirus – mit positivem Resultat.

„Sie haben uns in den Tod geschickt“, sagt Michelle, Hilfskrankenschwester im Altersheim La Rosemontoise in Belfort, 50 Kilometer südwestlich von Mulhouse, am 9. April der Le Monde.

Bis zu diesem Zeitpunkt sind 17 der 115 Bewohner von La Rosemontoise an Covid-19 gestorben, bei 40 weiteren besteht der Verdacht auf die Infektion. Michelle selbst wurde drei Wochen zuvor Corona-positiv getestet und fühlt sich wieder halbwegs gut. Ihr Mann, den sie angesteckt hat, hat die Infektion nicht überlebt.

Das Altersheim in Belfort ist das erste in Frankreich, von dem bekannt wird, dass das ohnehin knappe und ständig unter Zeitdruck stehende Personal ohne jeden Schutz arbeitet, dass es keinerlei Vorsichtsmaßnahmen gibt, das Virus draußen zu halten.

Einige Pflegepersonen sind krank und sind deshalb ausgefallen, das erhöht den Druck auf die anderen zusätzlich. Tausende alte Menschen sterben im Laufe des März und April in den Heimen – nicht nur dort, wo auch die Krankenhäuser überlastet sind, sondern in ganz Frankreich.

Auch in der Lombardei werden Altersheime zur Todesfalle. Mit dem Erlass Nr. XI/2906 vom 8. März 2020 ordnet Giulio Gallera, lombardischer Landesrat für Gesundheit, an, dass Covid-19-Patienten mit leichten Symptomen von den Krankenhäusern in die Altenheime überstellt werden. Die Spitäler sollen auf diese Weise entlastet werden. „Als hätte man ein brennendes Zündholz in den Heuhaufen fallen lassen“, kommentiert knapp einen Monat später Luca Degani, Präsident der Vereinigung lombardischer Pflegeheime, die Auswirkungen.

Am 30. März untersagt ein weiterer Erlass der lombardischen Regionalregierung die Einlieferung von Covid-19-Patienten aus Pflegeheimen in die Krankenhäuser, unabhängig davon, wie schwer der Krankheitsverlauf ist. Für viele Heimbewohner, denen dadurch eine angemessene Behandlung untersagt wird, kommt dieser Erlass einem Todesurteil gleich. Die hohe Sterberate in Italien erklärt sich zum Großteil durch die starke Ausbreitung der Infektion in den Altenheimen.

Eine Studie der London School of Economics hat Daten aus verschiedenen Ländern zusammengetragen und einen Trend festgestellt: Je höher der Anteil der Infektionen und Covid-19-Toten in den Heimen, desto höher ist meistens auch die Covid-19-Sterberate in der Gesamtbevölkerung in den jeweiligen Ländern.

Je schlechter die Pflegeheime, deren Bewohner und Personal geschützt sind, desto tödlicher ist also das Virus.

Am Samstag, den 7. März reisten mehr als 100.000 Urlauber aus den Tiroler Wintersportorten ab, ebenso viele kamen an. Busse und Sammeltaxis brachten wieder 10.000 nach Ischgl. Informationen über Infektionsgefahren gab es nirgends, erzählen die Touristen. Das Partywochenende in ­Ischgl, in Sölden, am Arlberg und im Salzburger Land konnte wie geplant starten. Alle Skilifte, Hütten und Bars waren offen. In den Bars mussten sich die Kellner weiter mit Trillerpfeifen den Weg durch die Menge bahnen. „Wir haben getanzt, geschmust und aus denselben Gläsern getrunken“, erzählt ein deutscher Urlauber, dessen Freund inzwischen an Covid-19 gestorben ist. Mitarbeiter einiger Hotels berichten, dass sie die Anweisung erhalten hatten, bei Grippesymptomen ausschließlich den Gemeindearzt Andreas Walser aufzusuchen.

Am 8. März entsendet die Tiroler Landessanitätsdirektion Ärzte nach Ischgl, um dort zu testen – allerdings nur ausgewählte Personen. Immer noch geben die Behörden Entwarnung. „Eine Übertragung des Coronavirus auf Gäste der Bar ist aus medizinischer Sicht eher unwahrscheinlich“, informiert die Landessanitätsdirektion Tirol.

In Norwegen registriert man unterdessen bereits 500 Corona-Fälle, bei denen die Ansteckung in Österreich erfolgt sein musste. Die große Mehrheit davon in Ischgl. 57 Prozent der in Österreich aufgetretenen Corona-Fälle lassen sich auf Ischgl zurückführen, mehr als zwei Drittel der im Ausland infizierten Deutschen haben sich in Österreich angesteckt, 90 Prozent davon in Tirol.

Mathematische Modelle spiegeln nur die Zahlen wider, die den getroffenen Annahmen entsprechen. Im Fall des neuen Coronavirus waren es zunächst erste Zahlen aus China über die Geschwindigkeit der Verbreitung und die Sterblichkeit. Da diese Zahlen aber weit überhöht waren, weil das Virus sich in Wahrheit schon Monate unbemerkt hatte verbreiten können, bevor es bemerkt wurde, waren auch die Prognosen falsch. Darüber hinaus gehen diese Modellrechnungen von einer gleichmäßigen Verbreitung der Infektionen aus. Doch Sars-CoV-2 verbreitet sich keineswegs gleichförmig.

„Wir gehen davon aus, dass zehn Prozent der Infizierten für 80 Prozent der Infektionen verantwortlich sind“, fasst der Virologe Hendrik Streeck die Erkenntnisse zusammen. „Superspread“-Ereignisse wie in Ischgl, praktisch immer in geschlossenen Räumen, verbunden mit kühler, feuchter Luft und durch Lärm verursachtem Schreien oder Singen, seien für den Großteil der Verbreitung verantwortlich, während etwa zehn Prozent der Infizierten einige und 80 Prozent kaum jemanden anstecken.

So zeigt sich bereits Ende Februar, dass die reale Verbreitung des Virus anders verläuft als vorhergesagt. „Wir haben bisher keinen einzigen Fall gesehen, der sich in der U-Bahn oder im Bus oder Einkaufszentrum angesteckt hat, auch Supermarktverkäuferinnen wurden nie von Kunden infiziert“, weist der Infektiologe der Gesundheitsbehörde Ages, Franz Allerberger, auf das geringe Übertragungsrisiko bei Kurzkontakten hin. Die Infektionen habe es immer in Clustern gegeben, und sie seien von „Superspreadern“ ausgegangen.

Etwa im Cluster A, den Ages-Mitarbeiter für den Zeitraum 24.2. bis 12.3., also vor dem Lockdown, recherchierten. Ein Mann kommt von Mailand nach Wien, mit grippeähnlichen Symptomen geht er noch zu einem Abend­essen mit Bekannten. Während die infizierte Ehefrau und sein Kind das Virus nicht weiterverbreiten, steckt die infizierte Bekannte, eine Trainerin im Fitnesscenter 14 Sportbegeisterte an. Allerberger: „Unter Spinning versteht man Gruppentrainingsprogramme mit Standfahrrädern. Ideal, in einem geschlossenen Raum, bei lauter Musik, deshalb muss sie schreien. Die anderen sitzen ihr gegenüber.“

Dass dies praktisch die einzigen Übertragungswege sind, ist inzwischen auch durch DNA-Fingerprinting belegt. Das Virus wandelt sich ständig ein wenig, deshalb kann man mit Genanalyse seinen Weg exakt nachzeichnen. Die so entstehenden, exakt nachverfolgten „Cluster“ zeigen, dass keineswegs jeder Covid-19-Patient 3,6 andere ansteckt.

Elisabeth Tschachler in Falter 39/2020 vom 25.09.2020 (S. 18)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783222150630
Erscheinungsdatum 21.09.2020
Umfang 224 Seiten
Genre Sachbücher/Natur, Technik/Natur, Gesellschaft
Format Hardcover
Verlag Molden Verlag in Verlagsgruppe Styria GmbH & Co. KG
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