Das Virus in uns

Motor der Evolution
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Es liegt in unserer Hand. Endlich der Perspektivenwechsel!
Fünf vor zwölf oder schon Schlag zwölf? Die Politik ist angesichts der steigenden Covid-19-Zahlen mehr denn je uneinig und streitet – und sie überhäuft uns mit Verboten.
Bestsellerautor der Wissenschaftsjournalist Kurt Langbein kritisiert das scharf, nach dem Verbot kommt die überschießende Unvernunft und alles wird nur schlimmer. Er setzt in seinem neuen Buch auf Information und Motivation: Nur so können wir lernen und begreifen, dass wir die Lösung selbst in der Hand haben. Verbote und Lockdown bringen zu massive Kollateralschäden in der Gesellschaft sind er seine Co-Autorin Elisabeth Tschachler überzeugt.
In dieser packenden Reportage zeichnen die beiden Autoren den Weg von SARS-CoV-2 und seiner Ankunft in Europa akribisch nach und zeigen, was wir aus den Fehlern im Umgang mit Corona für die Zukunft lernen können und wie Mensch und Natur sich neu arrangieren können.
Ergänzt mit den neuesten Erkenntnissen der noch relativ jungen Virenforschung – Viren standen womöglich am Anfang allen Lebens – ist dieses Buch ein Wissenschaftskrimi fernab jeder Panikmache.

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FALTER-Rezension

Was wir aus der Corona-Krise lernen - und was nicht

Tote, Lockdowns, Glaubenskriege: Zwei Jahre Pandemie haben die Welt und unser Denken verändert. Zeit für eine Bilanz

Viele Forscher haben eine Pandemie wie durch das neue Coronavirus seit Jahren vorausgesagt, trotzdem hat uns SARS-CoV-2 vor zwei Jahren völlig überrascht. Auch in Österreich, wo am 25. Februar 2020 zwei Hotelmitarbeiter in Innsbruck als erste Corona-Fälle positiv getestet wurden.

Hatten bei vorherigen Epidemien wie HIV, Influenza oder multiresistenten Keimen erfahrene, praktizierende Humanmediziner die Schritte bestimmt, übernahmen ab dem Februar 2020 Politiker im Verband mit Physikern und Labormedizinern, die keine Patientenkontakte haben, das Ruder. Sie rückten der Pandemie mit drastischen Reduktionen aller zwischenmenschlichen Kontakte und Freiheitsbeschränkungen zu Leibe. Hinweise, dass Infektionen sich nicht wie ein statistisches Lauffeuer verbreiten, sondern in Netzwerken und Clustern, und dass es auch hilfreich wäre zu verstehen, warum sich etwa die Hälfte der Menschen trotz Kontakt mit dem Virus nicht infizierte, blieben kaum beachtet.

Österreich erlebte mehr Lockdowns als Deutschland, trotzdem haben sich in Österreich in den zwei Pandemiejahren fast doppelt so viele Menschen angesteckt. Österreich ist Test-Weltmeister, und trotzdem gibt es bei uns wesentlich mehr Pandemie-Tote als in Dänemark. Wir ahnen, warum: Viele halten sich nicht an die Regeln und Gebote, die in der Seuchenbekämpfung des 19. Jahrhunderts ihren Ursprung haben und uns in wechselhafter Widersprüchlichkeit befohlen wurden.

Aber wir wissen auch das nicht genau. Es fehlt für jeden Glaubenssatz der Pandemiebekämpfung letztlich die Evidenz. Wir wissen nicht, wie viele von uns bereits durch eine Infektion immunisiert sind oder wie viele der Krankenhauspatienten, die Covid zugeordnet werden, tatsächlich wegen Covid im Spital sind. Ja, selbst zur Sinnhaftigkeit der Klassenschließung, wenn ein Schulkind infiziert ist, gibt es unterschiedliche Aussagen, aber keine seriösen Studien.

Warum wird das alles nicht hinterfragt und untersucht? Am 1. Februar ein erster Schritt. Im renommierten Fachblatt The Lancet entschlüsselt eine Studie, was tatsächlich massiven Einfluss auf die größte Pandemie seit 100 Jahren hatte: Es sind nicht harte Lockdowns, auch nicht populistische Entgleisungen oder die Kapazitäten des Gesundheitssystems, sagt Thomas Bollyky. Der Direktor des "Global Health Program" des privaten US-ThinkTanks Council on Foreign Relations hat mit einem 50-köpfigen Forscherteam die Daten von 177 Ländern für den Zeitraum von Anfang 2020 bis September 2021 analysiert: "Nur zwei Variablen korrelieren signifikant mit den Covid-Infektionsraten und den Todeszahlen", schreibt er: "Das Vertrauen der Menschen untereinander und das Vertrauen, das sie den Regierungen gegenüber haben."

Würden alle Länder ihrer Regierung so vertrauen wie die Dänen, rechnet das Forscherteam vor, gäbe es weltweit um 13 Prozent weniger Covid-Opfer: "Und wenn die Menschen aller Länder einander so vertrauen würden wie die Südkoreaner, gäbe es 40 Prozent weniger Covid-Infizierte."

Auch die bestausgestatteten Medizinsysteme würden nicht ausreichen, so die Forscher, "um Führungsschwäche und schlecht passende Maßnahmen zu kompensieren." Während der Pandemie ist das Vertrauen in die staatlichen Institutionen fast überall gesunken, blieb aber in Dänemark (70 Prozent Vertrauen) und Schweden (55 Prozent) immer noch recht hoch. Österreichs Regierung verzeichnete mit einem Rückgang von 63 auf 36 Prozent den größten Vertrauensverlust. EU-Schlusslicht ist Polen, wo gerade einmal 22 Prozent sagen, den staatlichen Einrichtungen zu trauen.

Unter dem "interpersonalen Vertrauen" wird die Erwartung verstanden, dass andere Menschen verantwortlich handeln, aufrichtig und wohlwollend sind. Es ist eine wichtige Grundvoraussetzung für ein funktionierendes Gemeinwesen. In Befragungen wird es häufig mit der Frage gemessen: "Würden Sie ganz allgemein sagen, dass man den meisten Menschen vertrauen kann, oder kann man da nicht vorsichtig genug sein?" Und größeres Vertrauen schlägt sich auch in höheren Impfquoten nieder.

In den skandinavischen Ländern mit ihrer Orientierung am Gemeinwesen ist dieses Vertrauen mit rund 70 Prozent besonders ausgeprägt, aber auch im konfuzianisch geprägten Südkorea und sogar in China. Österreich liegt wie die Schweiz und Deutschland mit etwa 50 Prozent im unteren Mittelfeld. Auffällig wenig Vertrauen zu ihren Nachbarn haben Menschen aus südosteuropäischen Ländern wie Bulgarien (18 Prozent) und Bosnien und Herzegowina (zwölf Prozent).

Offenbar sind Menschen, die einander vertrauen, auch viel eher bereit, sich bei Infektionsrisiken aus Rücksicht auf die anderen vorsichtig zu verhalten und impfen zu lassen. Wo Misstrauen herrscht und dem politischen System nicht vertraut wird, werden dagegen auch mit Zwang verordnete Maßnahmen zur Kontaktbeschränkung weniger eingehalten.

Dementsprechend sehen auch die Pandemie-Bilanzen der Länder aus. Vor allem die Regierungen Ostasiens wollten die Ausbreitung des Virus möglichst im Ansatz verhindern, der Großteil Europas und Nordamerikas setzte auf radikale Eindämmung durch Lockdowns, Schweden dagegen auf Appelle an die Bevölkerung, Vernunft und Rücksichtnahme.

Regierungen, die mit dem Coronavirus SARS-CoV-1 konkrete Erfahrungen gemacht hatten, das 2003 vor allem in Ostasien zahlreiche Opfer gefordert hatte, handelten rasch und konsequent -in China mit einem gigantischen Lockdown und in Südkorea mit rigidem Contact-Tracing, der Chef der Seuchenbehörde agiert im Rang eines Ministers. Die Contact-Tracer arbeiteten im Dreischichtbetrieb rund um die Uhr. Die Beamten fragten die Handystandortdaten und Kreditkartennutzungen der Infizierten ab und luden alle Personen, die sich ebenfalls länger an denselben Orten aufgehalten hatten, via SMS zum Test ein. Ein Eingriff in den Datenschutz, dafür blieben die anderen Grundrechte unangetastet: Betriebe, Geschäfte, Kultureinrichtungen und Schulen waren die meiste Pandemie-Zeit über offen.

Anders in Europa. Unter dem Eindruck dramatischer Bilder aus Norditalien schränkten am 16. März 2020 zahlreiche EU-Staaten die bürgerlichen Freiheiten in einem nie dagewesenen Ausmaß ein, Deutschland und Großbritannien folgten eine Woche später. Seit knapp zwei Jahren folgen in diesen Ländern Phasen der Entspannung und Öffnung erneute Lockdowns.

Schweden dagegen verzichtete weitgehend auf verordnete Kontaktreduktion und vertraute auf Vernunft und Eigenverantwortung: Die Regierung rief die Schweden ab Februar 2020 lediglich dazu auf, auf vermeidbare Kontakte zu verzichten und sich die Hände zu waschen. Schulen, Restaurants, Geschäfte und Betriebe blieben offen, ebenso die Kinos für bis zu 100 Besucher. Homeoffice wurde empfohlen. Auch in Schweden sank die Zahl der Kontakte zwischen den Menschen um 40 bis 50 Prozent, bei uns waren es anfangs mehr, dann allerdings weniger.

Der Lockdown in den meisten Ländern sei ein weit größeres Experiment als der schwedische Weg, blieb die Antwort des Chefepidemiologen Anders Tegnell auf immer schrillere Anfeindungen, mit dieser Haltung zehntausende Tote zu verursachen. Der schwedische Weg führe zu einer nachhaltigen Reaktion der Menschen, drastische Freiheitsbeschränkungen dagegen provozierten nach ihrem Ende wieder Unvernunft, so Tegnell. Die hohen Todeszahlen in den Altersheimen im Frühjahr 2020 konnte er allerdings so nicht verhindern. Die schwedische Regierung hat sich dafür entschuldigt.

Zeit für eine Bilanz nach zwei Jahren: Mit der "Übersterblichkeit" kann gemessen werden, wie viele Menschen in der Zeit der Pandemie zusätzlich verstorben sind. Diese Zahl ist für die meisten Epidemiologen aussagekräftiger, weil die Zählweise der an Covid Verstorbenen recht unterschiedlich ist. Länder mit rigiden Lockdowns haben nicht besser abgeschnitten als das umstrittene Schweden, Länder, die lediglich auf Contact-Tracing setzten, dagegen am besten. In Polen und Großbritannien sind in den zwei Pandemie-Jahren weit über zehn Prozent mehr Menschen gestorben als es aufgrund der Sterblichkeit der Jahre zuvor zu erwarten gewesen wäre, in Österreich etwa neun Prozent. Die "Übersterblichkeit" wurde zu etwas mehr als der Hälfte durch Covid-19 verursacht, die andere Hälfte dürften der medizinischen Unterversorgung, ausgebliebener Diagnostik und Angst als Folge der Lockdowns zuzuschreiben sein. Die italienische Gesellschaft für Kardiologie etwa hat berechnet, dass sich die Sterblichkeit aufgrund von Herzinfarkten während des Corona-Notstands von 4,1 auf 13,7 Prozent verdreifacht hat. In Schweden betrug diese "Übersterblichkeit" nur etwas mehr als fünf Prozent, in Korea und Dänemark gab es ganz wenige zusätzliche Todesfälle.

Auch verlorenes Vertrauen kann zurückgewonnen werden, meinen die Autoren der eingangs erwähnten Lancet-Studie. Durch klare und nachvollziehbare Kommunikation über Risiken, durch offenes Einbekennen von Irrtümern und indem man die Bevölkerung einbindet. Besonders gefährdete Menschen müssten auch in Zukunft besonders geschützt werden. Letzteres ist fast überall schiefgelaufen. "Gerade in Alters-und Pflegeheimen gab es besonders viele vermeidbare Covid-Tote", meint der Epidemiologe Gerald Gartlehner von der Donau-Universität Krems. Dort lebt zwar nur ein Prozent der Bevölkerung, diese Einrichtungen verzeichneten aber ein Drittel aller Covid-Toten in den Jahren 2020 und 2021. Dem stehen die 60 Prozent der Erkrankten gegenüber, die jünger als 45 Jahre waren. Auf sie entfällt weniger als ein Prozent der Covid-Opfer.

Während Lockdowns offenbar weniger Wirkung zeigen als erwartet, hinterlassen Isolation und ständige Alarmmeldungen vor allem bei Alten und der Jugend Spuren. Die Abkapselung der alten Menschen in den Pflegeheimen hat deren Sterblichkeit zusätzlich erhöht, ergaben Studien aus Kanada und England. Dazu kommen wesentliche Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche. Christoph Pieh, Professor für Psychosomatische Medizin und Gesundheitsforschung an der Donauuniversität Krems, hat die Pandemiefolgen bei Jugendlichen erforscht: "Wir haben aktuell rund 50 Prozent der Jugendlichen zwischen 14 und 20 Jahre, die unter einer depressiven Symptomatik und Angst leiden. Das bedeutet eine Verzehnfachung von Werten, die wir von früheren Zeiten kennen."

Zu den gefürchteten Langzeitfolgen der Infektion -Stichwort Long Covid - gibt es wenig valide Daten. Nun sorgen erste Studien für Aufmerksamkeit: "Die häufigsten Symptome von Long Covid dürften mehr mit dem Glauben zusammenhängen, infiziert gewesen zu sein, als mit der Infektion selbst", fasst die französische Medizinerin Joane Matta die überraschenden Ergebnisse ihrer im Journal der amerikanischen Ärztevereinigung erschienenen Studie zusammen.

Das Team unter ihrer Leitung untersuchte rund 1000 Patienten, die unter den als Long Covid bezeichneten Symptomen (extreme Müdigkeit, Atemnot, Störungen der Aufmerksamkeit und Konzentration) litten. Die Hälfte von ihnen war jedoch nachweislich nicht infiziert, sondern glaubte nur, erkrankt gewesen zu sein. "Es gibt das Leiden an der Pandemie", sagt Gabriele Moser, Psychosomatik-Professorin am Wiener AKH, "aber es gibt wie nach anderen Virusinfektionen auch langfristige Wirkungen im Mikrobiom und in der Folge im Nervensystem."

Um Missverständnissen vorzubeugen: Auch psychosomatisch entstandene Leiden sind "echt", neurologische Schäden sind nachweisbar. Aber laut der französischen Studie wird die Rolle des Virus selbst wohl überbewertet. Und dann war da noch die Impfung. "In der Euphorie der raschen Entwicklung eines Impfstoffes haben wir wohl verabsäumt, über die Begrenzungen der Impfwirkung und die Nebenwirkungen ausreichend zu informieren", sagt Gerald Gartlehner selbstkritisch. Denn von Anfang an war klar, dass die Impfung nicht vor der Infektion schützt, aber mit hoher Zuverlässigkeit eine schwere Erkrankung verhindert. Die Glorifizierung der Impfwirkung bot ihren Gegnern Argumente und ließ Geimpfte unvorsichtig werden.

Als im Frühjahr 2021 seltene, aber ernsthafte Komplikationen bei jungen Frauen nach Impfungen mit AstraZeneca und Johnson &Johnson auftraten, impfte man in Österreich die Mitarbeiterinnen des Gesundheits-und Schulwesens mit genau diesen Impfstoffen weiter. Dänemark, Schweden und Südkorea dagegen nahmen diese Impfstoffe sicherheitshalber aus dem Programm. Auch die Berichte vieler junger Frauen über Menstruationsstörungen nach den Impfungen nahm man nicht ernst, bis eine Studie Anfang 2022 diese Impfreaktion bestätigte. Im vergangenen November beschloss in Österreich die Regierung eine Impfpflicht. Dem Vertrauen hat das nicht gedient. Seit der Entscheidung für die Pflichtimpfung bleiben die Raten der neu Geimpften extrem niedrig.

Im globalen Süden sehen Experten die größte Gefahr einer weiteren "Flucht-Variante" des Virus. Erst zehn Prozent der 1,3 Milliarden Menschen in Afrika sind vollständig geimpft. Vor allem in Menschen, deren Immunsystem etwa durch HIV beeinträchtigt ist, können sich die Viren länger halten und in dieser Zeit immer weiter mutieren. Die Mutationen geschehen zufällig, jene Varianten, die sich rascher ausbreiten können, machen aber das Rennen.

"Es ist kein Zufall, dass einige Varianten aus Südafrika kommen", sagt der renommierte Virologe Norbert Nowotny. Den Patentschutz aufzuheben und eine breite Impfkampagne in Afrika möglich zu machen, sei das Gebot der Stunde, meint auch der Epidemiologe Gartlehner. Aber Österreich gehört zu den Staaten, die den dafür nötigen einstimmigen Beschluss der EU blockieren. Obwohl die öffentliche Hand die Entwicklungskosten für Covid-Impfstoffe zu zwei Dritteln übernommen hat.

SARS-CoV-2 befand sich zuvor in Fledermäusen in Südchina und Vietnam, ohne Schaden anzurichten. 2019 war es auf den Menschen übergesprungen -ob auf dem Wuhaner Fischmarkt oder bei einem Laborunfall, wird wohl ungeklärt bleiben. Vor solchen "Zoonosen" warnen die Forscher seit vielen Jahren. "Je mehr der Mensch in die Natur eingreift und die Artenvielfalt reduziert", so Nowotny, "desto häufiger springen Viren von Wildtieren auf Menschen über."

Im menschlichen Körper gibt es 100 Mal mehr Viren als menschliche Zellen. Ein Virus verhindert, dass das Immunsystem der Mutter den sich in die Gebärmutter einnistenden Embryo als Fremdkörper abstößt, ein anderes ermöglicht die Merkfähigkeit des Gehirns. "Man geht heute nicht mehr davon aus, dass ein Mensch oder auch eine Pflanze alleine für sich existieren kann, man spricht von einem Metaorganismus", sagt die Mikrobiologin Christine Moissl-Eichinger von der Universität Graz.

Gefährlich werden vor allem Viren, die von Tieren stammen und unserem Immunsystem unbekannt sind. Solche Zoonosen haben die Spanische Grippe ebenso verursacht wie Aids oder Ebola. Viren haben nur ein einziges Programm: sich zu vermehren. Und wenn die Art, die sie beherbergt, an Lebensraum verliert, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Mutationen sich durchsetzen, die andere Lebewesen befallen.

Was bedeutet das für die Corona-Krise? Das Virus wird noch lange bleiben. Im günstigen Fall werden die Mutationen harmloser, wie jetzt bei Omikron. Aber es ist eine Frage der Zeit, bis ein weiteres Virus den Weg von einem Wildtier zum Menschen findet und eine Pandemie auslöst. Fabian Leendertz, Epidemiologe am Robert Koch-Institut, warnt: "Ich hoffe, dass wir aus dieser Pandemie lernen, dass wir über Umweltschutz nachdenken, über die Gesundheit von Mensch und Tier gleichzeitig, und das nicht nur vor der eigenen Haustür, sondern eben global."

Kurt Langbein in Falter 8/2022 vom 25.02.2022 (S. 18)


Als wir ins Corona-Chaos schlitterten

Die Covid-Krise erobert auch den Buchmarkt. Kurt Langbein, Falter-Autor, renommierter Medizin-Journalist und Filmemacher legt am 24.9.2020 gemeinsam mit Elisabeth Tschachler eine Analyse der Covid-Krise und der Bedeutung von Viren für alles Leben im Molden-Verlag vor. Der Kritiker der Regierungspolitik führt darin aus, wie die Politik aus Fehlern lernen kann. Ein Vorabdruck.

***

Es gibt eine Vielzahl von Berichten dar­über, dass das neue Sars-CoV-2-Virus schon früher die Runde machte, und zwar genau in den Regionen, die dann zu Hotspots mit vielen Toten wurden. Im August 2019, so die Vermutung eines Forscherteams in Boston, habe es in Wuhan „Hinweise auf eine massive Krankheitsaktivität“ gegeben.

Hinter der Studie steht die Erkenntnis, dass Krankheiten zu bestimmten Verhaltensweisen breiter Kreise der Bevölkerung führen: Man googelt die Symptome und fährt im Krankheitsfall mit dem Auto zur Behandlung ins Krankenhaus. Die Forscher um John Brownstein vom Boston Children’s Hospital sahen unüblich starke Pkw-Bewegungen in Satellitenaufnahmen von sechs Krankenhäusern in Wuhan und eine deutliche Anhäufung von Anfragen zu Krankheitssymptomen wie „Husten“ oder „Durchfall“ auf der chinesischen Suchmaschine Baidu ab Ende August 2019.

Im Oktober 2019 fanden in Wuhan die Militärweltspiele statt. Fast 10.000 Athleten aus mehr als 140 Ländern waren dabei, und nach ihrer Rückkehr berichteten zahlreiche Sportler aus Norditalien, Frankreich, Spanien, Schweden und New York, sie seien an einer merkwürdig schweren Grippe erkrankt und hätten Verwandte angesteckt.

Ein weiteres Indiz: Eine Londoner ­Forschergruppe hat die Mutationen des neuen Virus analysiert. Die Ergebnisse der Gen­analyse zeigen, dass alle untersuchten Viren auf den verschiedenen Kontinenten ab Herbst 2019 einen gemeinsamen Vorfahren haben.

Was lange Zeit als plausible Hypothese gehandelt wurde, erhielt durch die von den italienischen Gesundheitsbehörden vorgenommenen nachträglichen Analysen routinemäßig gezogener Abwasserproben Gewissheit. Sie ergaben, dass das Virus schon Ende 2019 in der Lombardei die Runde machte: „Die Ergebnisse, die in den beiden verschiedenen Labors mit zwei verschiedenen Methoden bestätigt wurden, zeigten das Vorhandensein von Sars-CoV-2-RNA in Proben, die in Mailand und Turin am 18.12.2019 und in Bologna am 29.1.2020 entnommen wurden.“

Auch in Frankreich entdeckten die Mediziner im April und Mai 2020, dass es schon bedeutend früher Fälle von Sars-CoV-2-Infektionen gegeben hat. Bei der Analyse von Krankenakten stießen Intensivmediziner auf jene des 42-jährigen Fischhändlers Amirouche Hammar, der Ende Dezember auf der Intensivstation in einem Krankenhaus nördlich von Paris wegen einer Lungenentzündung behandelt worden war.

Da die Symptome ganz ähnlich denen einer Corona-Infektion gewesen und andere Krankheitserreger ausgeschlossen worden waren, testeten die Ärzte Anfang April tiefgekühlte Speichelproben des Mannes auf das Coronavirus – mit positivem Resultat.

„Sie haben uns in den Tod geschickt“, sagt Michelle, Hilfskrankenschwester im Altersheim La Rosemontoise in Belfort, 50 Kilometer südwestlich von Mulhouse, am 9. April der Le Monde.

Bis zu diesem Zeitpunkt sind 17 der 115 Bewohner von La Rosemontoise an Covid-19 gestorben, bei 40 weiteren besteht der Verdacht auf die Infektion. Michelle selbst wurde drei Wochen zuvor Corona-positiv getestet und fühlt sich wieder halbwegs gut. Ihr Mann, den sie angesteckt hat, hat die Infektion nicht überlebt.

Das Altersheim in Belfort ist das erste in Frankreich, von dem bekannt wird, dass das ohnehin knappe und ständig unter Zeitdruck stehende Personal ohne jeden Schutz arbeitet, dass es keinerlei Vorsichtsmaßnahmen gibt, das Virus draußen zu halten.

Einige Pflegepersonen sind krank und sind deshalb ausgefallen, das erhöht den Druck auf die anderen zusätzlich. Tausende alte Menschen sterben im Laufe des März und April in den Heimen – nicht nur dort, wo auch die Krankenhäuser überlastet sind, sondern in ganz Frankreich.

Auch in der Lombardei werden Altersheime zur Todesfalle. Mit dem Erlass Nr. XI/2906 vom 8. März 2020 ordnet Giulio Gallera, lombardischer Landesrat für Gesundheit, an, dass Covid-19-Patienten mit leichten Symptomen von den Krankenhäusern in die Altenheime überstellt werden. Die Spitäler sollen auf diese Weise entlastet werden. „Als hätte man ein brennendes Zündholz in den Heuhaufen fallen lassen“, kommentiert knapp einen Monat später Luca Degani, Präsident der Vereinigung lombardischer Pflegeheime, die Auswirkungen.

Am 30. März untersagt ein weiterer Erlass der lombardischen Regionalregierung die Einlieferung von Covid-19-Patienten aus Pflegeheimen in die Krankenhäuser, unabhängig davon, wie schwer der Krankheitsverlauf ist. Für viele Heimbewohner, denen dadurch eine angemessene Behandlung untersagt wird, kommt dieser Erlass einem Todesurteil gleich. Die hohe Sterberate in Italien erklärt sich zum Großteil durch die starke Ausbreitung der Infektion in den Altenheimen.

Eine Studie der London School of Economics hat Daten aus verschiedenen Ländern zusammengetragen und einen Trend festgestellt: Je höher der Anteil der Infektionen und Covid-19-Toten in den Heimen, desto höher ist meistens auch die Covid-19-Sterberate in der Gesamtbevölkerung in den jeweiligen Ländern.

Je schlechter die Pflegeheime, deren Bewohner und Personal geschützt sind, desto tödlicher ist also das Virus.

Am Samstag, den 7. März reisten mehr als 100.000 Urlauber aus den Tiroler Wintersportorten ab, ebenso viele kamen an. Busse und Sammeltaxis brachten wieder 10.000 nach Ischgl. Informationen über Infektionsgefahren gab es nirgends, erzählen die Touristen. Das Partywochenende in ­Ischgl, in Sölden, am Arlberg und im Salzburger Land konnte wie geplant starten. Alle Skilifte, Hütten und Bars waren offen. In den Bars mussten sich die Kellner weiter mit Trillerpfeifen den Weg durch die Menge bahnen. „Wir haben getanzt, geschmust und aus denselben Gläsern getrunken“, erzählt ein deutscher Urlauber, dessen Freund inzwischen an Covid-19 gestorben ist. Mitarbeiter einiger Hotels berichten, dass sie die Anweisung erhalten hatten, bei Grippesymptomen ausschließlich den Gemeindearzt Andreas Walser aufzusuchen.

Am 8. März entsendet die Tiroler Landessanitätsdirektion Ärzte nach Ischgl, um dort zu testen – allerdings nur ausgewählte Personen. Immer noch geben die Behörden Entwarnung. „Eine Übertragung des Coronavirus auf Gäste der Bar ist aus medizinischer Sicht eher unwahrscheinlich“, informiert die Landessanitätsdirektion Tirol.

In Norwegen registriert man unterdessen bereits 500 Corona-Fälle, bei denen die Ansteckung in Österreich erfolgt sein musste. Die große Mehrheit davon in Ischgl. 57 Prozent der in Österreich aufgetretenen Corona-Fälle lassen sich auf Ischgl zurückführen, mehr als zwei Drittel der im Ausland infizierten Deutschen haben sich in Österreich angesteckt, 90 Prozent davon in Tirol.

Mathematische Modelle spiegeln nur die Zahlen wider, die den getroffenen Annahmen entsprechen. Im Fall des neuen Coronavirus waren es zunächst erste Zahlen aus China über die Geschwindigkeit der Verbreitung und die Sterblichkeit. Da diese Zahlen aber weit überhöht waren, weil das Virus sich in Wahrheit schon Monate unbemerkt hatte verbreiten können, bevor es bemerkt wurde, waren auch die Prognosen falsch. Darüber hinaus gehen diese Modellrechnungen von einer gleichmäßigen Verbreitung der Infektionen aus. Doch Sars-CoV-2 verbreitet sich keineswegs gleichförmig.

„Wir gehen davon aus, dass zehn Prozent der Infizierten für 80 Prozent der Infektionen verantwortlich sind“, fasst der Virologe Hendrik Streeck die Erkenntnisse zusammen. „Superspread“-Ereignisse wie in Ischgl, praktisch immer in geschlossenen Räumen, verbunden mit kühler, feuchter Luft und durch Lärm verursachtem Schreien oder Singen, seien für den Großteil der Verbreitung verantwortlich, während etwa zehn Prozent der Infizierten einige und 80 Prozent kaum jemanden anstecken.

So zeigt sich bereits Ende Februar, dass die reale Verbreitung des Virus anders verläuft als vorhergesagt. „Wir haben bisher keinen einzigen Fall gesehen, der sich in der U-Bahn oder im Bus oder Einkaufszentrum angesteckt hat, auch Supermarktverkäuferinnen wurden nie von Kunden infiziert“, weist der Infektiologe der Gesundheitsbehörde Ages, Franz Allerberger, auf das geringe Übertragungsrisiko bei Kurzkontakten hin. Die Infektionen habe es immer in Clustern gegeben, und sie seien von „Superspreadern“ ausgegangen.

Etwa im Cluster A, den Ages-Mitarbeiter für den Zeitraum 24.2. bis 12.3., also vor dem Lockdown, recherchierten. Ein Mann kommt von Mailand nach Wien, mit grippeähnlichen Symptomen geht er noch zu einem Abend­essen mit Bekannten. Während die infizierte Ehefrau und sein Kind das Virus nicht weiterverbreiten, steckt die infizierte Bekannte, eine Trainerin im Fitnesscenter 14 Sportbegeisterte an. Allerberger: „Unter Spinning versteht man Gruppentrainingsprogramme mit Standfahrrädern. Ideal, in einem geschlossenen Raum, bei lauter Musik, deshalb muss sie schreien. Die anderen sitzen ihr gegenüber.“

Dass dies praktisch die einzigen Übertragungswege sind, ist inzwischen auch durch DNA-Fingerprinting belegt. Das Virus wandelt sich ständig ein wenig, deshalb kann man mit Genanalyse seinen Weg exakt nachzeichnen. Die so entstehenden, exakt nachverfolgten „Cluster“ zeigen, dass keineswegs jeder Covid-19-Patient 3,6 andere ansteckt.

Elisabeth Tschachler in Falter 39/2020 vom 25.09.2020 (S. 18)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783222150630
Erscheinungsdatum 21.09.2020
Umfang 224 Seiten
Genre Sachbücher/Natur, Technik/Natur, Gesellschaft
Format Hardcover
Verlag Molden Verlag in Verlagsgruppe Styria GmbH & Co. KG
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