
"In Wien wurde der Orgasmus erfunden"
Eva Konzett in FALTER 10/2026 vom 04.03.2026 (S. 42)
Später dann wird er abdriften, an Ufos forschen und eine "Universalenergie" entdecken. Im Wien der 1920er-Jahre aber spürte der Psychoanalytiker Wilhelm Reich dem sexuellen Höhepunkt nach. Er gründete auch die erste Sexualberatungsstelle der Hauptstadt.
Reich war damit Teil einer ganzen Kohorte, die damals - auf Vordenker der Jahrhundertwende aufbauend - an der Moderne bastelte. Wieso gerade Wien eine "Matrix der Innovation" werden konnte, hat der britische Historiker Richard Cockett aufgeschrieben. Und auch die dunkle Seite mitgenommen. Zeit für ein Gespräch.
Es ist dies die redigierte und gekürzte Fassung der letzten Folge des Podcasts Future Discontinuous, den der Falter gemeinsam mit dem Institut für die Wissenschaften vom Menschen produziert hat.
Falter: Herr Cockett, Sie sind ein britischer Historiker und Journalist beim Economist. Wieso haben Sie Wien ein ganzes Buch gewidmet? Richard Cockett: Die ehrliche Antwort ist einfach: aus reiner intellektueller Neugier. Ich habe keine familiären Wurzeln in dieser Stadt, keine persönliche Verbindung. Als junger Akademiker an der Universität Oxford arbeitete ich an einer Studie über die wirtschaftsliberalen Revolutionen der 1980er-Jahre - Thatcher, Reagan, die Rückkehr des freien Marktes. Während dieser Arbeit stieß ich immer wieder auf die Denker der Österreichischen Schule: Friedrich Hayek, Ludwig von Mises und Gottfried Haberler. Und als ich dann als Journalist über Wirtschaftsgeschichte, Werbung, Marketing, Psychologie und Psychoanalyse schrieb, fiel mir immer wieder dasselbe auf: Am Ursprung moderner Disziplinen stand erstaunlich häufig ein Wiener -jemand, der Begriffe prägte, das erste Lehrbuch verfasste oder eine Methode entwickelte. Es war nicht nur die einzelne Entdeckung, sondern die wiederkehrende Regel: Die Stadt Wien tauchte in fast allen Feldern als Ausgangspunkt auf. Darüber musste ich doch schreiben.
Warum erlebte Wien in den letzten drei Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts eine so außergewöhnliche kulturelle und wirtschaftliche Blüte, obwohl das Habsburgerreich durch Gebietsverluste, militärische Niederlagen und starke Nationalbewegungen politisch massiv geschwächt war?
Cockett: Dafür gibt es mehrere Gründe. Das Reich war tatsächlich in Erschütterung. Aber das hat dem Aufstieg Wiens auch geholfen. Gerade in dieser Unsicherheit wurde Wien zu einem intellektuellen Gravitationszentrum. Talentierte Familien aus Lemberg, Prag, Budapest oder Triest schickten ihre Kinder hierher, weil die Stadt Aufstiegsmöglichkeiten bot. Die Universität, die künstlerischen und kulturellen Institutionen zogen diejenigen an, die sich in Wissenschaft, Kunst und Gesellschaft profilieren wollten. Dazu kam ein vergleichsweise liberaler Rahmen. Trotz der Dominanz des Katholizismus herrschte ein Maß an religiöser und kultureller Toleranz, das in Europa keineswegs selbstverständlich war. Verschiedene Ideen und auch Religionen wurden toleriert. Familien konnten aus allen Teilen des Reiches nach Wien emigrieren.
Besonders jüdische Familien?
Cockett: Ja. Besonders jüdische Familien nutzten diese Offenheit, förderten Bildung und beruflichen Aufstieg. Um 1900 war etwa ein Zehntel der Bevölkerung Wiens jüdisch. Das war ein außergewöhnlich hoher Anteil. Die Wiener Moderne war stark jüdisch geprägt, aber nicht ausschließlich jüdisch. Protestanten, Säkularisierte, Katholiken -sie alle wirkten mit.
Es gab aber gesellschaftlich starke Unterschiede. Stefan Zweigs Vater -ein wohlhabender Mann - ging nie ins Hotel Sacher, um dem Grafen Lobkowitz die Unannehmlichkeit zu ersparen, neben ihm, einem Juden, sitzen zu müssen.
Cockett: Das stimmt. Aber schauen wir die guten Seiten an. In Paris, in London, selbst in Berlin hatte die Aristokratie damals noch ein exklusives Monopol auf kulturelles und intellektuelles Leben. In Wien war die Durchlässigkeit besser. Selbst der Kaiser förderte -wenn auch widerwillig - radikale künstlerische Bewegungen wie die Secession. Man verstand neue Kunstformen als Mittel, um ein auseinanderdriftendes Reich zusammenzuhalten -wenn sie auch nicht immer ästhetisch geschätzt wurden. Sie waren eine Art Kleber zwischen den Milieus.
Welche Sparten von Kunst und Wissenschaft blühten zwischen 1867 und 1914?
Cockett: Ich könnte so viele aufzählen! Natürlich die Psychoanalyse, überhaupt ein gesteigertes Interesse an der menschlichen Seele. Aber wir sehen auch riesige Fortschritte in der Anatomie. Der Biologe Konrad Lorenz ist heute für seinen Nobelpreis berühmt, aber sein Vater war zu Lebzeiten weit bekannter. Er ist der Begründer der orthopädischen Chirurgie, erfand eine Knochenoperation, und Ärzte aus der ganzen Welt pilgerten nach Wien, um ihn zu sehen. Wien zeichnete sich durch die Aufhebung disziplinärer Grenzen aus. Während sich anderswo die Wissenschaftler spezialisierten und dann einigelten, arbeiteten in Wien Naturwissenschaftler, Mediziner, Philosophen und Künstler eng zusammen. Ernst Mach revolutionierte die Wissenschaftsphilosophie. Schriftsteller wie Arthur Schnitzler griffen diese Erkenntnisse auf und verarbeiteten sie literarisch. Denn die Wissenschaftler verkehrten mit den Künstlern, anders als in anderen Städten Europas. Kunst und Wissenschaft verschränkten sich -und die Verbindungspunkte stellten die Wiener Kaffeehäuser und die Salons dar. Das waren die intellektuellen Plattformen.
Die Menschen sprachen über ihre Psyche, sie malten kühn, sprachen aber auch sehr frei über Sex. Wie kam das? Und was hat das mit einem Herrn namens Wilhelm Reich zu tun?
Cockett: Auch das lässt Wien herausstechen. Die wissenschaftliche Disziplin der Sexologie startete hier. In Wien wurde Sexualität erstmals systematisch wissenschaftlich untersucht -nicht als moralisches Problem, sondern als empirisches Phänomen. Einer der "Söhne Wiens" zu dieser Zeit war Wilhelm Reich, ein Schüler Freuds. Er schrieb einige der grundlegendsten Werke über die menschliche Sexualität, die dann unglaublich einflussreich waren, vor allem in den USA. Er hat quasi den Orgasmus erfunden. Zumindest die wissenschaftliche Auseinandersetzung damit. Er argumentierte empirisch: Je stärker und besser dein Orgasmus ist, desto befreiter bist du im generellen Sinn. Er nahm ihn als Gradmesser für Klassenbefreiung, für sexuelle Freiheit und emotionale Freiheit. Der Orgasmus wurde viel wichtiger, als er davor in der westlichen Kultur gewesen war.
Vor allem dann auch in den USA, oder?
Cockett: 1929 veröffentlichte Reich "Die sexuelle Revolution" - der Begriff, der in den 1960er-Jahren zur Parole einer ganzen Generation wurde, stammt von ihm. Reichs Ideen waren ihrer Zeit weit voraus. Erst Jahrzehnte später entfalteten sie ihre kulturelle Wirkung, insbesondere in den USA. Ihr Ursprung liegt im intellektuellen Klima Wiens - dort, wo selbst Intimität zum Gegenstand wissenschaftlicher Analyse wurde.
Wilhelm Reich also. Ein Name, den man sich merken kann. Aber was ist mit Ludwig Wittgenstein?
Cockett: Er ist sicher der einflussreichste Philosoph Wiens, manche würden sagen, er ist Wiens bekanntester Sohn. Sein Ruf beruht auf dem "Tractatus logico-philosophicus". Es ist ein schmales Bändchen und sein einzig kohärentes Werk aus dieser Zeit. Wittgenstein steht emblematisch für die damalige Wiener wissenschaftliche Methodik. Wo Reich die Empirie, also den wissenschaftlichen Prozess der Entdeckung, auf Sex umlegte, tat Wittgenstein dies mit der Sprache. Er war ein Wissenschaftler der Sprache. Er sagt: Wir können nicht über Gott oder Moral diskutieren, wenn wir uns nicht einmal auf eine Sprache einigen können, mit der wir das tun. Seine Lehren waren unglaublich einflussreich in Großbritannien und später in den USA.
Neben all diesen bemerkenswerten Fortschritten entstanden gefährliche Ideologien, die das 20. Jahrhundert prägen sollten. Sie nennen es das "schwarze Wien". Was meinen Sie damit?
Cockett: Es gab zwei Seiten. Das macht Wien ja so unglaublich spannend. Wir haben da die Leute, die diese ganzen neuen, modernen Ideen entwickeln, alles im humanistischen Sinne. Doch Wien gebar nicht nur progressive Ideen. Die Stadt war auch Nährboden für antidemokratische, antisemitische und protofaschistische Strömungen. Das ist "das schwarze Wien". Diese Ideen versuchten nicht nur, die Moderne zu sabotieren, sondern die Uhr zurückzudrehen. Adolf Hitler ging übrigens in Linz in dieselbe Schule wie Ludwig Wittgenstein. Sie kannten sich nicht -aber man sieht, wie parallel diese Entwicklungen verliefen. Wien hat die katastrophalsten und genozidalen Ideen geboren. Hitler lernte seine Ideologie und die Art und Weise, wie er Politik machte, in Wien. Karl Lueger, Bürgermeister von Wien, machte als Erster Antisemitismus zu einem politischen Programm. Er nahm antiprogressive und antikapitalistische Ideen, verband sie mit Antisemitismus und bekämpfte so die "jüdische" Kunst. Hitler wird in den 1930er-Jahren in Deutschland ganz ähnlich verfahren.
Wie konnte Wien nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs im Ersten Weltkrieg weiterhin eine "Matrix der Innovation", wie Sie es nennen, sein?
Cockett: Es war vor allem die Not, die erfinderisch machte. Nach 1918 lag Österreich am Boden, nur Russland war es schlimmer ergangen. Totalniederlage. Hunger und Inflation bestimmten den Alltag. Wien war die überdimensionierte Hauptstadt eines verarmten Kleinstaates. Amerikanische NGOs evakuierten Kinder aufs Land, damit diese nicht verhungerten. Die Inflation galoppierte und ließ die Mittelschicht verarmen. Die Wiener, die Österreicher mussten ihre Stadt, ihr Land von Grund auf neu bauen. In Wien wollten die Sozialdemokraten eine revolutionäre Gesellschaft errichten. Es waren die Umstände, die sie dazu zwangen. Daraus entstand dann das Rote Wien. Das Programm war unglaublich ambitioniert, aber die Umstände haben es den Sozialdemokraten quasi aufgezwungen, so progressiv zu denken.
Diente das Rote Wien auch als Vorbild für andere?
Cockett: Wien wurde dann ein Hoffnungsschimmer für sozialdemokratische Stadtverwaltungen in der ganzen Welt. Als nach 1945 die Labour Party in London regierte, übernahm sie Teile des Wiener Programms. Das britische Gesundheitssystem NHS baut darauf auf. Das Herzstück war natürlich der kommunale Wohnbau. Monumentale Anlagen wie der Karl-Marx-Hof sollten nicht nur Wohnraum schaffen, sondern Würde, Gemeinschaft und soziale Gleichheit fördern. Es gibt bis heute amerikanische Reisegruppen von der Westküste, die extra nach Wien kommen, um sich das anzuschauen, um sich etwas für San Diego und Los Angeles abzuschauen.
Eine besondere Truppe in der Zwischenkriegszeit war der sogenannte Wiener Kreis. Warum?
Cockett: In den 1920er-Jahren wirkte der Wiener Kreis als philosophische Avantgarde. Philosophen und Mathematiker propagierten die "wissenschaftliche Methode" und wollten moderne Empirie auf alle Bereiche des Wissens anwenden. Sie waren enthusiastische Anhänger von Wittgenstein, der aber nie Teil des Zirkels war. Der Mathematiker Moritz Schlick, ein Deutscher, war der Anführer. Der Sozialist Otto Neurath war aber der Geist. Der universalgelehrteste Universalgelehrte überhaupt. Ziel war es, die kleinlichen Spaltungen von Klasse, Nationalismus oder Ethnizität zu überwinden und aus den Trümmern des 19. Jahrhunderts und des Ersten Weltkriegs eine neue menschliche Identität zu formen. Ihr Einfluss reichte weit nach Amerika und Großbritannien, etwa auf Alfred Jules Ayer, dessen Buch "Sprache, Wahrheit und Logik" 1936 die Philosophie des Kreises populär machte.
Sie haben den Frauen im Buch ein eigenes Kapitel gewidmet
Cockett: Ja, dafür musste ich ziemlich viel Kritik einstecken. Manche meinten, das sei sehr antifeministisch. Für die Männer macht man das ja nicht. Aber wir übersehen den Beitrag der Frauen oft. Sie waren maßgeblich am Wiener Modernismus beteiligt. Diese Frauen gehörten zur ersten Generation gebildeter Frauen -ich meine Frauen, die Abschlüsse, Promotionen oder Professuren erlangten, um sich an kulturellen oder intellektuellen Bewegungen weltweit zu beteiligen. In anderen Ländern wie Großbritannien oder Amerika begann das gerade, aber in Wien geschah es in einem besonders hohen Maß. Ihre Beiträge in allen Bereichen - Architektur, Physik, Mathematik, Philosophie, Kunst, Keramik -waren absolut grundlegend. Der Wiener Modernismus wäre ohne diese Frauen völlig anders oder deutlich schwächer gewesen. Viele ihrer Leistungen wurden aus verschiedenen Gründen ausgelöscht, und sie erhielten nie die Anerkennung, die ihnen zustand. Wahrscheinlich war die patriarchale Gesellschaft ein Grund dafür.
An wen denken Sie da besonders?
Cockett: Ein Beispiel: Lise Meitner. Sie wurde in Wien ausgebildet, war eine berühmte Kernphysikerin und schrieb 1939 zusammen mit ihrem Neffen das erste Papier, das theoretisch nachwies, dass Kernspaltung möglich ist. Sie wurde mehrfach für den Nobelpreis nominiert und erhielt ihn nie.
Was bleibt vom Wiener Urknall der Moderne?
Cockett: In Wien wenig. Denn die meisten mussten emigrieren. Im Ausland waren die Wiener Soziologen, Mathematiker und Forscher dann enorm einflussreich - zum Beispiel in der Wirtschaft. Sie erfanden moderne Werbung, den Einkaufszentrenbau -das war Victor Gruen -und revolutionierten das Verlagswesen mit neuen Imprints und Farbdruckverfahren. Das lag daran, dass Wien in den 1920er-und 1930er-Jahren in vielerlei Hinsicht seiner Zeit voraus war, im Denken, in der Methodik und im Modernismus - weit vor Amerika und Großbritannien. Viele Leute in diesen Ländern erkannten das in den 1930ern und versuchten, so viele Wiener wie möglich vor dem Austrofaschismus und später den Nazis zu retten.
Waren sie auch für den Kalten Krieg von Bedeutung?
Cockett: Wiener Denker wie Friedrich Hayek und andere warnten früh vor Kollektivismus, Kommunismus und Faschismus, lange bevor dies Mode oder allgemein verbreitet war. Sie hatten in Wien den Totalitarismus hautnah erlebt und gesehen, wie er die Stadt in den 1930er-Jahren zerstörte. Hayeks Klassiker "The Road to Serfdom" von 1944 wurde zum Leitfaden für alle, die sich nach dem Krieg gegen Totalitarismus und Kollektivismus stellten. Ebenso Poppers "Die offene Gesellschaft", veröffentlicht kurz nach Hayek. Ihre Ideen wurden fundamental für den westlichen Widerstand gegen die Sowjetunion und den Kommunismus.
Und wohin steuert die Stadt heute?
Cockett: Darf ich mit einem optimistischen Ausblick enden? In den vergangenen Jahren ist eine vorsichtige Rückkehr von Nachfahren jener Wiener Emigranten zu beobachten. Bis vor 15 Jahren wollte kaum jemand zurückkommen, man hielt Wien für konservativ und wenig attraktiv. Heute sieht das anders aus: Dank des Erbes des Roten Wien -Wohnbau, Gesundheitssystem, Verkehr -liegt Wien regelmäßig an der Spitze der Lebensqualität. Neue wissenschaftliche Institute ziehen ebenfalls Menschen an. Ich denke, nach einer 60-bis 70-jährigen Pause übt Wien wieder Einfluss auf die Welt aus -als Ort des Denkens, Arbeitens und Lebens.
Globale Ideenschmiede
Oliver Hochadel in FALTER 42/2024 vom 16.10.2024 (S. 40)
Im Oktober 1956 eröffnete im US-Bundestaat Minnesota die Southdale Mall, 72 Läden unter einem Dach. Das moderne Einkaufszentrum war geboren, vier Jahre später gab es bereits 4500 davon. Da amerikanische Städte meist keinen historischen Stadtkern haben, wollte Victor Gruen (geboren 1903 in Wien) nicht nur einen kommerziellen Raum schaffen, sondern auch einen Ort der Geselligkeit, inklusive kultureller Angebote. Der Architekt der Southdale Mall verschmolz „seinen Wiener Sozialismus mit dem amerikanischen Kapitalismus“ und veränderte nicht nur das Einkaufen, sondern auch die städtische Geografie weltweit, so Richard Cockett in seinem Buch „Stadt der Ideen“.
Der Untertitel „Als Wien die moderne Welt erfand“ mag zugespitzt wirken, der britische Journalist (The Economist), des Lokalpatriotismus unverdächtig, meint es aber ernst. Und nach über 400 Seiten voller Beispiele für Innovationen made in Vienna tut man sich schwer, ihm zu widersprechen.
Das Panorama, das Cockett auffächert, besteht aus drei Teilen: ein kürzerer Teil zu Wien um 1900, ein zweiter zu Aufstieg und Fall des Roten Wien in der Zwischenkriegszeit sowie ein abschließender Teil zum globalen Wirken von Wiener Migranten bis weit in die Nachkriegszeit hinein.
Das intellektuell fruchtbare Milieu Wiens vor 1934/38 ist schon seit Jahrzehnten ein Topos, und viele der Innovationsleistungen sind im Wesentlichen bekannt. Aber noch niemand hat all dies so umfassend und vor allem so konsistent zusammengefasst wie Cockett.
Cockett, qua Profession ein flotter Schreiber, aber auch ausgebildeter Historiker, liefert weit mehr als eine Aneinanderreihung von Kurzbiografien, die Werdegang und Wirken bedeutender Denker und Erfinder skizzieren. Er verfolgt durchgehend die Frage: Warum in Wien? Aufgrund welcher historischen Konstellationen konnte die Stadt zu einer globalen Ideenschmiede werden? Dafür liefert er eine Reihe von miteinander vernetzten Antworten.
Der intellektuelle Grundstein war das Wien des Fin de Siècle mit seiner umfassenden Idee der Bildung, wesentlich getragen vom assimilierten jüdischen Bürgertum. In den Salons und Kaffeehäusern wurde eine fruchtbare Interdisziplinarität praktiziert: Musik, Literatur und bildende Kunst waren dort genauso Thema wie die neuesten Ideen in Medizin, Biologie, Physik, Recht und Ökonomie. Der Austausch von Ideen funktionierte zwanglos. „Die Gesellschaft Wiens gedieh eben, weil sie erfrischend offen für Gruppen war, die bis dahin weitgehend von der kulturellen und geistigen Produktion ausgeschlossen gewesen waren: Frauen, Juden und eine Vielzahl ethnischer Gruppen aus dem vielgestaltigen Habsburgerreich.“
Der Übergang zur Praxis gelang aber erst in der Zwischenkriegszeit, so Cockett. Gestützt auf neueste Erkenntnisse aus der Psychologie und in Wien entstehende Disziplinen wie der Konjunkturforschung und der empirischen Sozialforschung sollte die Gesellschaft umgestaltet werden. Sozialer Wohnungsbau, Kleinkindpädagogik, Sexualerziehung und Frauenrechte wurden im Roten Wien propagiert und praktiziert.
Wien war bekanntlich schon seit Ende des 19. Jahrhunderts nicht nur ein Nährboden progressiver Ideen, sondern auch eine Hochburg des Antisemitismus. Der Austrofaschismus und vor allem die Nationalsozialisten ab 1938 verfolgten die liberalen und linken Wiener Köpfe gnadenlos, darunter sehr viele Menschen jüdischer Abstammung. Flucht und Exil oder Ermordung im KZ – dies zieht sich wie ein grausamer Refrain durch die biografischen Abrisse Cocketts. Von den Überlebenden kehrten nach 1945 nur die allerwenigsten zurück, Wien wurde intellektuell steril.
Aber – und dies ist wohl der wichtigste Baustein in Cocketts Argumentation – die bahnbrechenden Wiener Ideen waren längst in der Welt. Ideen, die gerade auch durch die profunden Krisenerfahrungen – Antisemitismus, Krieg, Totalitarismus und Vertreibung – geprägt waren.
Auch wenn die Mehrzahl der von Cockett porträtierten Denker und Macher Männer sind, so bemüht er sich doch erfolgreich, den gewichtigen Anteil der Wienerinnen an dieser Melange aus Forschung und praxisbezogener Innovation zu benennen. Margarete Schütte-Lihotzky, die Erfinderin der modernen Einbauküche (erstmals 1924 im Wiener Gemeindebau), Edith Kramer, die „Mutter der Kunsttherapie“, oder die Sozialpsychologin Herta Herzog, die Pionierin der Marktforschung und Erfinderin der „Fokusgruppe“, um nur drei Wienerinnen zu nennen, deren Arbeiten globale Bedeutung erlangten.
Cockett fokussiert insbesondere auf den Einfluss von Wiener Ideen auf Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft in den USA, etwa Hollywood (Fred Zinnemann, Billy Wilder), moderne Managementtheorien (Peter Drucker) und die modernistische Westküstenarchitektur Kaliforniens (Richard Neutra). Was die Wiener auszeichnete, sei die Fähigkeit des Transfers von Ideen und Methoden: etwa von Freuds Psychoanalyse hin zur Erforschung der unbewussten Wünsche des Konsumenten und der Begründung der PR (Edward Bernays), von der mathematischen Spieltheorie (John von Neumann) oder der aus der Biologie stammenden Systemtheorie (Ludwig von Bertalanffy) zum Prognostizieren von wirtschaftlichem und politischem Verhalten im Kalten Krieg.
Cocketts Paradebeispiel für den langfristigen globalen Impact Wiens ist freilich die Österreichische Schule der Volkswirtschaft. Die ökonomische Grundsatzdebatte zwischen Planwirtschaft (Otto von Neurath) und Liberalismus (Ludwig von Mises und Friedrich Hayek) begann im Roten Wien. Von Mises und Hayek wurden nach 1945 zu den geistigen Vätern des Neoliberalismus.
Das Wienliebe-Buch
Barbaba Tóth in FALTER 27/2024 vom 03.07.2024 (S. 28)
Wer vorher noch kein Lokalpatriot war, ist es spätestens nach Richard Cocketts „Vienna. How the City of Ideas Created the Modern World“. Es ist eine Huldigung an das Wien zwischen der Jahrhundertwende und dem Ende der Demokratie 1933. An eine Stadt, die es so leider nicht mehr gibt: divers, kosmopolitisch, interdisziplinär, hungrig nach Bildung und natürlich sehr jüdisch. Economist-Journalist Cockett zeichnet anschaulich nach, wie die vielen Träger dieser Ideen nach ihrer Vertreibung in den USA und Großbritannien das Kultur-, Wirtschafts- und Geistesleben prägten. Damit erzählt er auch die Geschichte eines immensen intellektuellen Verlustes. Wie, fragt man sich beim Lesen immer wieder, stünde Wien – und damit auch Österreich – heute da, wären all diese klugen Köpfe von den Austro-Faschisten und später von den Nationalsozialisten nicht vertrieben oder ausgelöscht worden?



