
Gleichberechtigung beginnt vor der Waschmaschine
Julia Kospach in FALTER 10/2026 vom 04.03.2026 (S. 16)
Nach 15 Jahren gereizter Ehedebatten zum Thema Hausarbeit wollte es Barbara Blaha genau wissen und listete in einem Excel-Sheet alle unbezahlten Tätigkeiten und Organisationsschritte auf, die in einem Familienhaushalt mit Kindern wie dem ihren anfallen. Vor dem Ausfüllen der Liste gaben sie und ihr Mann eine Schätzung zur vermuteten Lastenverteilung in ihrer Beziehung ab. Seine Prognose: 60:40. Ihre Prognose: 70:30. Das Ergebnis schockierte beide. Es lag bei 80:20.
Mit "dieser krassen Fehleinschätzung" seien sie und ihr Mann durchaus nicht allein, schreibt Barbara Blaha in ihrem neuen Buch "Funkenschwestern. Wie Feminismus alles besser macht" und zitiert eine aktuelle Studie, nach der Männer davon überzeugt sind, dass sie halbe-halbe machen. Tatsächlich beteiligen sich allerdings auch jene unter ihnen, die es mit der Gleichstellung ernst meinen, zuhause im Schnitt nicht sehr viel mehr als ihre Väter früher.
Auch das belegt Blaha, Wiener Autorin und Unternehmerin, feministische Polit-Entertainerin sowie Gründerin und Leiterin des sozialpolitischen Thinktanks Momentum Institut, mit Studienmaterial.
"Während sich bei der bezahlten Arbeit also etwas bewegt, tut sich zuhause an der Waschmaschine, am Staubsauger und am Wickeltisch gar nichts", schreibt Blaha und pariert auch gleich ein oft gehörtes Gegenargument zu dieser Gemengelage: Es sei doch logisch, dass Frauen mehr Hausarbeit übernähmen, wo sie doch im Schnitt weniger verdienten. Falsch. Denn "Frauen leisten sogar dann den Großteil der Hausarbeit, wenn sie mehr verdienen". All diese unbezahlte Frauenarbeit läppert sich, übers Jahr gerechnet, auf 23 Prozent der österreichischen Wirtschaftsleistung.
Eine Warnung vorweg: Wenn Sie Blahas Buch lesen - und Sie sollten es lesen! -, könnte Ihnen zwischendurch leicht das sprichwörtliche G'impfte aufgehen. Denn die patriarchalen Mythen rund ums Thema Gleichstellung zwischen Männern und Frauen, die Blaha zusammenträgt, sind zahlreich, wirkmächtig und schwierig abzustreifen.
Blaha verhandelt Fragen wie: Warum sinkt das Prestige von Branchen, sobald mehr Frauen einsteigen? Warum werden Frauen, die offensiv ihre Gehälter verhandeln, als unsympathisch wahrgenommen? Warum katapultiert es Paare, sobald Kinder ins Spiel kommen, in ihren Beziehungsmechanismen so rasch zurück in die 1950er-Jahre?
Aus einer kinderreichen Arbeiterfamilie mit wenig Geld stammend, ist Barbara Blaha eine passionierte Aufklärerin und Aktivistin an der Schnittstelle zwischen Gesellschaftspolitik und Forschung. Auch "Funkenschwestern" wird sie - parallel zum Buch -als gleichnamiges Bühnenprogramm unters Volk bringen.
Im Buch verknüpft sie Unmengen an Zahlen, Daten und Fakten mit persönlichen Erfahrungen als Frau und Berufstätige. Oversharing von Privatem? Nein, sondern ein durchorchestriertes Dokument entlang aller Lebensbereiche.
Was hier sehr deutlich wird: Patriarchat und Sexismus sind Glaubenssysteme, gegen die nur Bewusstseinsbildung und Aufklärung helfen. Unter diesen Vorzeichen eine Partnerschaft auf Augenhöhe zur führen, argumentiert Blaha, benötige die aktive Bereitschaft aller Beteiligten, womit klar wäre, dass Feminismus niemals nur Frauensache sein kann. Wie das mit der Partnerschaft auf Augenhöhe funktionieren und ein "Feminismus von unten" aussehen könnte, erklärt Barbara Blaha im Buch ebenfalls. Es liegt noch ziemlich viel Arbeit vor uns.



