Winterschlaf

240 Seiten, Hardcover
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Themen Belletristik Allgemein, nicht nach Genre Allgemein und literarisch
ISBN 9783257073942
Sprache Deutsch
Erscheinungsdatum 19.08.2026
Größe 18.4 x 11.6 cm
Verlag Diogenes
Sammlung Literatur aus Österreich
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HerstellerangabenAnzeigen
truepages UG (haftungsbeschränkt)
Westermühlstrasse 29 | DE-80469 München
info@truepages.de
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Kurzbeschreibung des Verlags

Ein verblüffendes Debüt, eine literarische Entdeckung

Eigenwillig, urwüchsig, von mythischer Kraft

Winterschlaf ist ein Roman, den man nie wieder vergisst

Wenn der Schnee in den Alpen bis ins Tal hinunter schmilzt, ist es soweit: Die Mutter erwacht aus ihrem Winterschlaf, den Kopf voller Träume der letzten Monate. Erwartet wird sie vom Großvater, umsorgt von ihren Kindern, den Zwillingen. Schon bald reisen die ersten Besucher an, denn die Träume der Mutter versprechen Rat und spenden Trost. So geht es Jahr für Jahr. Doch in diesem Sommer, dem zehnten der Zwillinge, wird sich alles ändern – und was die Mutter weissagt, wahr werden.

Mit der Schneeschmelze werden die Zwillinge vom "Apo", dem Großvater, in den Keller geschickt, um die Mutter zu wecken. Dort ruht sie über die Wintermonate zwischen Essensvorräten, die sie durch den Schlaf gebracht haben. Mit dem Wecken beginnt das Jahr der Familie aufs Neue: Wieder kommt die Mutter langsam zu Sinnen, um ihrer Arbeit nachzugehen. Die Niederschriften der Träume aus ihrem langen Schlaf füllen Seiten über Seiten. Während der Großvater alles für die Besucher bereitet, die ins Tal kommen, um die Prophezeiungen der Mutter zu hören, lernen die Zwillinge, wie das Familiengeschäft zu unterhalten ist – und werden in diesem Jahr doch immer eigensinniger. Als sich eine Gruppe Fremder für das Geheimnis der Mutter interessiert und ein unangemeldeter Besucher die Geschäfte verwirrt, ist klar: Niemand schläft in diesem Jahr unverändert wieder ein.

»Petuzzi macht die Leser zu Freunden, Feinden, Partnern, Widersachern seiner Figuren, mit dem Zwang der Sprache. Das verzeihen wir ihm nicht, aber wir sind beglückt.«

Michael Köhlmeier

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Themen Belletristik Allgemein, nicht nach Genre Allgemein und literarisch
ISBN 9783257073942
Sprache Deutsch
Erscheinungsdatum 19.08.2026
Größe 18.4 x 11.6 cm
Verlag Diogenes
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FALTER-Rezension

Die Kontonummer des Orakels

Harald Gschwandtner in FALTER 41/2026 vom 07.10.2026 (S. 8)

Jedes Jahr im Herbst, wenn die Tage kürzer, die Nächte kühler werden, beginnt eine Frau hoch in den Bergen, sich einen Vorrat für den Winter anzufressen. Im Keller des Bauernhofes, den sie mit ihren beiden Kindern und deren Großvater bewohnt, fällt sie in einen tiefen, monatelangen Schlaf.

Was sie in den Träumen dieser schier endlosen Nacht sieht und erlebt, gilt Eingeweihten als kostbares Wissen. Wieder zu Kräften gekommen, wird die Mutter im Frühjahr zum gefragten Orakel. Von weither kommen Menschen, um sie zu konsultieren, weil sie hoffen, dass das Geträumte ihnen Rat und Orientierung im Leben bietet. Manche halten sie gar für eine „Heilige“.

Der Stoff ließe sich, in memoriam „Schlafes Bruder“, als Geschichte aus mythischer Vorzeit erzählen, doch Mario Petuzzi geht es anders an. Der Tiroler Autor, Jahrgang 1989, setzt die Handlung seines Debütromans „Winterschlaf“ mitten hinein in die Gegenwart. Wenn die Kinder in der ersten Szene hinunter in den Keller steigen, um zu prüfen, ob sich die im langen Winter wundgelegene Mutter schon regt, leuchten sie den Weg über die Treppe mit ihren Mobiltelefonen aus.

Der Großvater, „Apo“ genannt, hat mit der Gabe seiner Tochter ein einträgliches Geschäft aufgezogen und das Angebot am Hof um esoterischen Plunder erweitert. Wer auf der Suche nach Orientierung ist, so das Kalkül, ist auch für den Erwerb von Aromaschalen und Räucherstäbchen empfänglich.

Am Ende ist alles eine Frage geschickter Inszenierung: „Auf die Atmosphäre kommt es an“, ist der Apo überzeugt. Vieles dreht sich in diesem schrägen Familienbetrieb ums Geld. Die Mutter ist Alleinverdienerin, das Haushaltseinkommen vom Erfolg ihrer Sprechstunden abhängig. Wenn sie krank ist oder die ohnehin kurze Saison später startet, knirscht es im Budget.

Nach dem Frühjahrsputz gilt es also, keine Zeit zu verlieren. Bald sitzt die aus dem Winterschlaf erwachte Mutter in der Stube und macht sich daran, ihre Traumgebilde zu Papier zu bringen. Bis sie fit genug für Besuche ist, bastelt der Apo aus den gesammelten Notizen Sinnsprüche für ungeduldige Klienten.

Er redigiert und ergänzt ungeniert, bevor er die Weissagungen elektronisch in die Welt verschickt: „Auszüge, kleine Häppchen, mehr brauche es nicht, um die Neugier zu wecken.“ Die Kontonummer folgt auf dem Fuße. Sitzen also alle, die sich in ihrer Not an das Orakel wenden, einem Schwindel, einer geschäftstüchtigen Clique auf?

So einfach macht es uns Petuzzi nicht. Das liegt auch daran, dass man alles nur aus der „Wir“-Perspektive der beiden Kinder geschildert bekommt. Die Zwillinge, ein Bub und ein Mädchen, gerade zehn geworden, haben sich mit dem Lebensrhythmus und der Eigenart der Mutter arrangiert, ohne die Sache ganz ernst zu nehmen.

Sie weichen einander nicht von der Seite, wirken fast wie ein androgynes Doppelwesen. Zwischen kindlicher Neugier und abgeklärter Coolness findet der Text für sie einen überzeugenden, eingängigen Ton, der auch feinen Humor inkludiert. Geschickt hält Petuzzi Geheimnis und Profanie, Märchen und modernes Denken in Balance.

Winterschlaf ist hier, anders als in Olga Flors dystopischem Roman „Ein kurzes Buch zum fröhlichen Untergang“, keine Frage technischer Machbarkeit, sondern ein Rätsel ohne Lösung. Auch eine Forschergruppe, die ihr Lager im Tal aufschlägt, um dem Mysterium auf die Spur zu kommen, beißt sich an der Mutter die Zähne aus.

Und doch wird im Lauf des Sommers das familiäre Gefüge ins Wanken geraten. „All die Jahre bin ich aufgewacht, und alles ist gleich geblieben.“ Auf einmal gilt das nicht mehr. Von all dem erzählt Mario ­Petuzzi mit sicherer Hand und stilistischer Finesse. Er weiß um den Reiz des Numinosen, verliert aber nie den Boden unter den Füßen. Ein erstaunliches Stück Literatur.

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