
"Wer alles abschneidet, zerstört Generationen"
Miriam Damev in FALTER 12/2026 vom 18.03.2026 (S. 45)
Die Sommer werden heißer und trockener -das verändert auch unsere Gärten. Gärtnermeister Joachim Kugler hat über viele Jahre Stauden auf ihre Tauglichkeit für wärmere und trockenere Bedingungen getestet und die bewährtesten in einem Buch porträtiert: klimafitte, insektenfreundliche Pflanzen für den Garten von morgen.
Der Falter besuchte ihn in seinem Zuhause im Burgenland -wo sich auch ein wunderbarer Garten verbirgt.
Falter: Herr Kugler, fangen wir von vorn an: Was sind Stauden eigentlich?
Joachim Kugler: Stauden sind ausdauernde Pflanzen, die Jahr für Jahr aus derselben Wurzel austreiben - anders als einjährige Pflanzen, die nach einer Saison absterben. Oberirdisch ziehen sie sich im Winter zurück, manche sind aber auch immergrün. Die Wurzel bleibt in jedem Fall lebendig. Es gibt auch sogenannte Halbsträucher, wie zum Beispiel Lavendel oder Rosmarin - die Grenze zwischen den einzelnen Gruppen ist fließend.
Sie sind seit rund 30 Jahren Gärtner. Wie hat sich die Gartengestaltung verändert?
Kugler: Vieles hat sich verändert - vor allem ich selbst. Kunden orientieren sich stark an dem, was man ihnen als Fachperson zeigt. Gleichzeitig wächst das Bewusstsein für den dramatischen Rückgang der Artenvielfalt. Wenn man hört, dass circa 76 Prozent der Insektenbiomasse -also des Gesamtgewichts aller Insekten -zurückgegangen und 38 Prozent der Arten ganz verschwunden sind, wirkt das abstrakt. Ein einfaches Bild macht es greifbarer: Früher war nach wenigen Kilometern Fahrt im Sommer die Autoscheibe voller Insekten. Heute bleibt sie meistens sauber. Das versteht jeder sofort.
Österreich gilt als besonders reich an Wildbienenarten. Woran liegt das?
Kugler: Österreich vereint mehrere Klimabereiche auf engem Raum -den pannonischen, den alpinen und den kontinentalen. Wildbienen sind gewissermaßen Sonnenkinder, und Sonne hat Österreich viel zu bieten: Warme, trockene Standorte gibt es hier reichlich. Während Deutschland etwa 550 Wildbienenarten zählt und die Schweiz rund 600, sind es in Österreich etwa 700. Das liegt an der abwechslungsreichen Landschaft, aber auch daran, dass Österreich weiter südlich liegt als Deutschland.
Was heißt das für die Gartengestaltung?
Kugler: Etwa ein Drittel der österreichischen Wildbienen nistet in Pflanzenstängeln oder Totholz. Wer im Herbst alles abschneidet, zerstört unabsichtlich ganze Generationen. Markhaltige Stängel von Königskerzen, Disteln oder Brombeeren sind ideale Nistplätze -sie müssen aufrecht stehen bleiben, am Boden werden sie feucht und unbrauchbar. Wen das optisch stört, der kann abgeschnittene Stängel trocken in einer offenen Holzkiste lagern.
Die Stauden in Ihrem Buch sind oft Spezialisten für trockene Standorte. Funktionieren sie auch im Garten?
Kugler: Ja, das funktioniert gut -man muss nur den Boden etwas anpassen. Das nennt sich "abmagern": einfach Sand oder Splitt untermischen, damit die Erde durchlässiger wird. Viele dieser Arten gedeihen übrigens auch sehr gut in Töpfen oder Trögen. Dann fühlen sich selbst ausgesprochene Trockenheitsliebhaber wohl.
Was kann man auf Balkon oder Terrasse für die Artenvielfalt tun?
Kugler: Entscheidend ist nicht die Größe der Fläche, sondern die Vielfalt an Strukturen und Blüten. Kräuter wie Thymian, Oregano, Salbei oder Lavendel sind hervorragende Nahrungsquellen für Wildbienen. In sandiger, sonniger Erde gedeihen trockenheitsliebende Pflanzen sehr gut. Eine flache Wasserstelle hilft Insekten beim Trinken, trockene Stängelbüschel oder kleine Sandbereiche mit mindestens 50 Zentimetern Tiefe bieten gute Nistplätze.
Gelingt das den Wienern?
Kugler: Natürlich gelingt das den Wienern - aber wie jeder Standort hat auch die Stadt ihre Eigenheiten. Gerade urbane Bereiche leiden besonders unter dem Hitzeinsel-Effekt: Die Stadt heizt sich stärker auf als das Umland. Trockenheitsverträgliche Pflanzen und ein bewusster Umgang mit Wasser werden daher künftig immer wichtiger.
Was bedeutet das konkret für die Bewässerung im Garten?
Kugler: Pools verbrauchen große Mengen Trinkwasser und sind ökologisch problematisch - besser sind Naturpools oder Schwimmteiche. Auch automatische Bewässerungssysteme sehe ich kritisch: Man schaut weniger genau hin und merkt oft nicht, wo Wasser wirklich gebraucht wird. Sinnvoller ist es, Wasser im Garten zu halten -etwa durch Zisternen oder Sickermulden.
Gibt es für Sie klare No-Gos im Garten?
Kugler: Schottergärten. Sie sind ökologisch wertlos, überhitzen stark und haben wenig mit ihren japanischen Vorbildern zu tun. Auch Monokulturen oder übertriebene Ordnung schaden dem Gartenökosystem.
Und Thujen-oder Kirschlorbeerhecken?
Kugler: Thujen pflanze ich grundsätzlich nicht - sie sind ökologisch kaum brauchbar. Beim Kirschlorbeer ist Vorsicht geboten, da er invasiv ist und nur wenigen Wildbienen und Vögeln Nahrung bietet. Dabei gibt es hervorragende Alternativen wie Felsenbirne, Hainbuche, Kornelkirsche, Hartriegel, Wildrosen oder Pfaffenhütchen.
Welche Stauden empfehlen Sie besonders?
Kugler: Mein Grundcredo: klimatauglich, gartentauglich, insektentauglich. Ob Schafgarbe, Sonnenröschen oder Katzenminze - die Liste ist endlos. Ein paar Lieblinge: Sonnenröschen blühen früh und werden intensiv von Wildbienen besucht, Katzenminzen sind pflegeleicht und bei Bestäubern sehr beliebt, Strandflieder bietet im Spätsommer noch Nahrung, und Heiligenkraut verträgt Hitze und Trockenheit spielend.
Wie legt man überhaupt ein Beet für trockenheitsverträgliche Stauden an?
Kugler: Zuerst wählt man den sonnigsten Platz. Das Beet wird mit einer Mischung aus bodendeckenden Stauden, Gerüststauden und Leitstauden geplant, der Boden mit Sand oder Splitt abgemagert. Nach dem Einpflanzen hilft eine Splitt-Mulchschicht von mindestens sechs Zentimetern. Die ersten Jahre gießt man noch regelmäßig, danach immer weniger -so werden die Wurzeln gezwungen, tief ins Erdreich zu wachsen. Wer sich daran hält, wird mit einem wunderschönen und beständigen Staudenbeet belohnt -für Mensch und Tier. F
Joachim Kugler wuchs im Burgenland inmitten von Trockenrasen auf. Der Gärtnermeister und Kräuterpädagoge studierte Ökologisches Garten-und Grünraummanagement und ist Mitinhaber der Firma kugler &trinkl. Sein Spezialgebiet sind klimafitte Stauden - aber auch Wildbienen und Tagfalter



