Die Jakobsbücher

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Kurzbeschreibung des Verlags:

Er galt als Luther der Juden – seine Anhänger sahen in ihm einen Messias, für seine Gegner war er ein Scharlatan, ja Ketzer. Jakob Frank war eine der schillerndsten Gestalten im Europa des 18. Jahrhunderts. Die Religionen waren ihm wie Schuhe, die man auf dem Weg zum Herrn wechseln könne: Er war Jude, bevor er mit seiner Gefolgschaft zum Islam und dann zum Katholizismus konvertierte. Er war ein Grenzgänger, der, aus dem ostjüdischen Schtetl stammend, das Habsburger und das Osmanische Reich durchstreifte und sich schließlich in Offenbach am Main niederließ.
»Die Jakobsbücher« sind das vielstimmige Porträt einer faszinierenden Figur, deren Lebensgeschichte zum Vexierbild einer Welt im Umbruch wird. Olga Tokarczuk hat einen historischen Roman über unsere Gegenwart geschrieben, der zugleich ein Plädoyer für Toleranz und Vielfalt ist. Ihr Opus magnum, vom Nobelpreiskomitee explizit in der Begründung erwähnt.

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FALTER-Rezension

Der Otto Mühl der Kabbala

Auf über 1000 Seiten widerspricht Olga Tokarczuk dem hegemonialen Geschichtsbild des heutigen Polen

Buchtitel der Barockzeit sind oft überlang, aber selten sind sie zu ausführlich. Im Gegenteil, das Barockbuch führt im Untertitel gern präzise aus, was das Werk enthält und für wen es zu welchem Zweck geschrieben wurde. Geradezu schulmäßig findet diese alte Praxis in Olga Tokarczuks Opus magnum „Jakobs Bücher“ Anwendung: „Eine große Reise über sieben Grenzen, durch fünf Sprachen und drei große Religionen, die kleinen nicht mitgerechnet. / Eine Reise, erzählt von den Toten und von der Autorin ergänzt mit der Methode der Konjektur, aus mancherlei Büchern geschöpft und bereichert durch die Imagination, die größte natürliche Gabe des Menschen. / Den Klugen zum Gedächtnis, den Landsleuten zur Besinnung, den Laien zur erbaulichen Lehre, den Melancholikern zur Zerstreuung.“

Ein Fall von „pastiche“ also, der postmodernen Anverwandlung älterer Stilmittel und Schreibweisen? Das auch, aber vor allem sind „Jakobs Bücher“ ein reich instrumentierter historischer Roman, der das, was er nicht aus Quellen wissen kann, durch Mutmaßungen („Konjekturen“) und Imaginationen, der wahrscheinlichen wie der fantastischen Art, ergänzt.

Wer kennt noch Jakob Frank, den selbsternannten ostjüdischen Messias, geboren 1726 in Rohatyn, gestorben 1791 im Exil in Offenbach am Main? Jakob Frank oder Jakob
Lejbowicz (so sein ursprünglicher Name) ist eine Schlüsselfigur des osteuropäischen Judentums im 18. Jahrhundert, ein Aufrührer, Aufklärer, Alchemist und Aufschneider, der wie wenige die religiösen Affekte und Sehnsüchte seiner vielfach bedrohten Glaubensgenossen zu bewirtschaften verstand.Zum Erfolg trug bei, dass Frank sich gerne als Prostak in Szene setzte, als Anwalt und Verkörperung des kleinen Mannes, bauernschlau und tolldreist, ein bisschen der Till Eulenspiegel des Schtetl.

Heutzutage würde man ihn einen Populisten nennen: Das wahre Judentum kann nur denen zuteilwerden, die mit ihm vom überlieferten Glauben abließen und die Reinheit des Glaubens durch Umkehr wieder herstellten. Jakob Frank, der Sektierer und Clown, war auch ein großer Dialektiker vor dem Herrn. Die frankistische Bewegung fand auch am Wiener Kaiserhof Josephs II. und in der Französische Revolution Gehör.

Die unglaubliche, aber großenteils wahre Geschichte Jakob Franks und seiner Bewegung, des Frankismus, die zugleich eine Geschichte des alten, weit in den Osten reichenden Polens vor seiner ersten Teilung 1772 ist, bildet Olga Tokarczuk so vielgestaltig ab, wie es der Untertitel verspricht. Es gibt Briefe, Chroniken, historische Karten, gelehrte Traktate, gefundene und erfundene, und über allem schwebt aus dem Jenseits kommend oder aus der Höhle, in der ihr Leichnam liegt, die Stimme Jentas, der Großmutter Franks, von der es heißt, dass sie alles sieht und alles weiß.

Bei aller Sättigung durch Fakten und aller Treue zu den tatsächlichen Gegebenheiten des 18. Jahrhunderts, sprachlich wie dinglich, gibt es ein entschieden magisches Moment in Tokarczuks Schreiben. Das könnte man vorschnell als „magischen Realismus“ klassifizieren, aber es bedeutet vielleicht mehr: dass nämlich Tokarczuk das Übersinnliche zumindest als literarische Option nicht ausschließt. Das Wunderbare, Wundersame oder auch nur Wunderliche ist jedenfalls allgegenwärtig in diesem Roman, der einem manchmal selbst wie das Werk einer Alchemistin vorkommen mag.

Fast 1200 Seiten dick sind „Jakobs Bücher“, was zwar dank der unglaublichen Fülle der Erzählweise kaum je strapaziös wirkt, für heutige Leser aber doch wohl zu lang wäre, gäbe der historische Roman sein Gegenwartsinteresse nicht zu erkennen. Was er freilich tut. Es geht hier um Polen als Ganzes, um das historische und das heutige, und es geht um einen Gegenentwurf zum Geschichtsbild der heute Regierenden und ihrer Ideologen und zum althergebrachten national-historischen Narrativ.

Henryk Sienkiewicz, der polnische Nobelpreisträger, hatte nach 1880 in einer wirkmächtigen Romantrilogie die Heldentaten der polnischen Verteidiger gegen schwedische, osmanische und andere Eindringlinge besungen. Was Tokarczuk hier liefert, ist gewissermaßen der Anti-Sienkiewicz. Das heißt zunächst: Wir haben es mit einem vollständig anderen Polen zu tun als jenem der nationalistischen Erbauungsromane, die neuerdings in Polen wieder populär sind. Tokarczuks Polen, das in Podolien, weit im Südosten, direkt an das Osmanische Reich grenzt, ist ein Land vieler Sprachen und Kulturen. Man spricht Jiddisch, Russisch, Türkisch, manchmal auch Polnisch, seltener noch Deutsch, und meistens alles durcheinander. Drei Religionen befinden sich in ständiger Reibung, das Judentum, das katholische Christentum und der Islam, und an allen dreien entzündet sich der spirituelle Unternehmergeist von Jakob Frank.

Auf seiner lebenslangen Wanderschaft zwischen den Welten wird Frank erst in Smyrna zum Muslim und konvertiert später in Lemberg mit seinen Anhängern zum Katholizismus, womit er nach geltendem Recht auch gleich in den polnischen Klein-
adel aufsteigt – und dann aber auch bald als Häretiker mit einem Bann belegt wird. Als „Baron Frank-Dobrucki“ wird er, nach Stationen des Exils in Tschenstochau und Brünn, sein Leben als Gast eines freimaurerischen Duodezfürsten in Offenbach beschließen.

Ist dieser Frank bei Tokarczuk ein Held? Sympathisch kann man ihn nicht finden, mit seiner rabiaten Selbstermächtigung und dem herrischen Zugriff auf seine Jüngerschaft, vor allem auf die weibliche, die Frank sich dienstbar macht, als sei er der Otto Mühl der Kabbala.

Auf einer Ebene will der Roman die Person und das Erbe Franks für eine neue, sozusagen dissidente Lesart der polnischen Kultur in Anspruch nehmen. In dieser Lesart verschwimmt das National-Polnische, Homogene und Identitäre vor der realen, chaotischen Vielfalt der Lebensweisen im europäischen Südosten.

Interessanter als diese allzu vernünftige Interpretation des Romans – wer schreibt schon 1200 Seiten eines Romans mit der Stoßrichtung „gegen Nationalismus“, wie es der New Yorker neulich bei Tokarczuk beobachten wollte? – ist der psychologische Überschuss, den die überlebensgroße Figur Frank erzeugt. Ein Systemsprenger, ein böser Bube mit großem Ego. Ein „disrupter“ seiner Branche, von dem sich noch immer vieles lernen lässt.

Christoph Bartmann in Falter 41/2019 vom 11.10.2019 (S. 27)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783311100140
Erscheinungsdatum 01.10.2019
Umfang 1184 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Kampa Verlag
Übersetzung Lisa Palmes, Lothar Quinkenstein
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