Ein Zimmer für sich allein

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Kurzbeschreibung des Verlags:

Hätte Shakespeare eine Schwester gehabt, ebenso begabt wie er, wie wäre es ihr ergangen? Welche Widerstände mussten Jane Austen oder die Brontë-Schwestern überwinden? Im Oktober 1928 hielt Virginia Woolf zwei Vorträge am ersten Frauencollege Großbritanniens an der Universität Cambridge. Ob ihnen bewusst sei, fragte Woolf ihre Zuhörerinnen, dass sie vielleicht »das am häufigsten abgehandelte Tier des Universums« seien? Schließlich wurde Literatur über Frauen fast ausschließlich von Männern verfasst. Aus Woolfs Vorträgen entstand der Essay »Ein Zimmer für sich allein«, den sie ein Jahr später veröffentlichte. Zu Woolfs Lebzeiten bereits hochgelobt, wurde ihre Abhandlung über Frauen und Literatur zu einem der meistrezipierten und wegweisenden Texte der Frauenbewegung. Engagiert und poetisch, erfahrungssatt und ironisch analysiert Woolf Geschlechterdifferenzen und führt aus, was Frauen brauchen, um künstlerisch tätig zu sein, große Literatur zu produzieren: ein gewisses Maß an finanzieller, vor allem aber geistige Unabhängigkeit, im viktorianischen England symbolisiert durch ein eigenes Zimmer.

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FALTER-Rezension

Schlechte Chancen für Shakespeares Schwester

Virginia Woolfs Essay „Ein Zimmer für sich allein“ ist auch 90 Jahre nach Erscheinen noch aktuell – und ziemlich witzig

Virginia Woolf ist eine Heroine der literarischen Moderne, ihre Romane „Mrs. Dalloway“ (1925) und „To the Lighthouse“ (1927) sind Teil des Kanons. Aber auch Klassiker haben Konjunkturen, und Woolfs Werk erlebt gerade eine Hausse an der Aufmerksamkeitsbörse. Im vergangenen Jahr hatte Olga Neuwirths Oper „Orlando“ ihre Uraufführung (nach Woolfs gleichnamigem Roman von 1928), und soeben ist Michael Kumpfmüllers Roman „Ach, Virginia“ erschienen. Darin werden die letzten Tage im Leben der Autorin, dem diese am 28. März 1941 freiwillig ein Ende setzte, geschildert – ein ebenso virtuoses und subtiles wie überflüssiges literarisches Kabinettstück, in dem die depressive und psychotische Autorin als ziemlich egozentrische und unleidliche Urschl rüberkommt.

Zum Glück ist der Kampa-Verlag auf die löbliche Idee verfallen, den 90. Geburtstag von Woolfs berühmtem Essay „A Room of One’s Own“ mit einer Neuübersetzung durch die deutsche Schriftstellerin Antje Rávik Strubel zu würdigen. Der Text, ein Klassiker des Feminismus, wurde erstmals im September 1929 veröffentlicht und fußt auf zwei Vorträgen, die die Autorin im Oktober 1928 vor den Studentinnen der Universität Cambridge gehalten hatte. Im Juni des Jahres war übrigens die Suffragette Emmeline Pankhurst verstorben, und im Juli wurde das Wahlrecht für alle (also auch besitzlose) Frauen über 21 durchgesetzt.

Es müssen im Übrigen nachgerade epische Vorträge gewesen sein, denn der Essay umfasst immerhin rund 150 Seiten. Die Vorgabe, „über Frauen und Literatur zu sprechen“, hat Woolf erfüllt, aber vermutlich anders, als es sich die Zuhörerinnen erwartet hatten. Mit nicht ganz unkokettem Understatement kündigt sie an, lediglich ihre „Meinung zu einer Nebensache anbieten“ zu wollen, die „das große Problem der wahren Natur der Frau und der wahren Natur der Literatur ungelöst“ lasse.

Ob man der als kompliziert und ein bissl verhuscht verschrienen Autorin einen dermaßen luziden und witzigen Essay zugetraut hat, liegt im Auge der Betrachterin und des Betrachters. Das Überraschendste an „Ein Zimmer für sich allein“ ist jedenfalls, dass sich Woolf darin als Krypto-Marxistin erweist. Ihr materialistische Grundthese hinsichtlich der „Nebensache“ lässt sie gleich auf der zweiten Seite wie nebenher fallen: „[E]ine Frau braucht Geld und ein eigenes Zimmer.“

Wobei der pfiffige Materialismus es nicht beim vagen Statement belässt, sondern ganz konkret wird: Die 500 Pfund im Jahr, die Woolf selbst als Erbschaft bezieht – und der laut Übersetzerin heute ein Jahreseinkommen von 30.000 Euro entspreche –, seien gerade recht. Weil aber frau nicht bloß satt werden soll, sondern erst ein gutes Dinner die Voraussetzungen für gute Gespräche schafft, rät die Autorin zu „Seezunge und Rebhuhn“, denn: „Das Licht der Wirbelsäule leuchtet nicht mit Rind und Backpflaumen“ (wobei die Dörrzwetschke überhaupt Woolfs vegetabiler Widersacher Nummer eins zu sein scheint).

Auch der Umstand, dass die großen Schriftstellerinnen des 19. Jahrhunderts – Jane Austen, Charlotte und Emily Brontë sowie George Eliot – hauptsächlich Romane geschrieben haben, macht Woolf in gut historisch-materialistischer Denke an den Produktionsverhältnissen fest: Unter der Voraussetzung, dass ihnen nur das gemeinsame Wohnzimmer der Familie zur Verfügung stand, sei es immer noch leichter gewesen, Prosa und Romane zu schreiben als Gedichte oder Dramen.

Woolfs Essay treibt ein Spiel mit Namen und Identitäten. Am berühmtesten ist Shakespeares „wunderbar begabte Schwester“ Judith, an deren (fiktivem) Beispiel Woolf nachweist, warum Shakespeares Dramen unmöglich von einer Frau verfasst hätten werden können.

Im Unterschied zu Bruder William wäre sie nicht zur Schule geschickt worden, hätte auch nicht zum Theater gehen können (weil es Frauen zu dieser Zeit untersagt war, Schauspielerin zu werden) und hätte sich, vom Theaterdirektor geschwängert, das Leben genommen.

„Ein Zimmer für sich allein“ ist aber weder düstere Abrechnung, noch enragierte Anklage, sondern ein leichtfüßiger, empathischer und selbst in seiner Polemik gegen männliche Borniertheit diskreter und eleganter Essay. Es ist erstaunlich, wie frisch und aktuell sich dieses Buch, das übrigens erst 1978 erstmals in deutscher Übersetzung erschienen ist, auch heute noch liest.

Das stimmt natürlich auch nachdenklich. Hat sich in den 90 Jahren denn so wenig getan? Virginia Woolf selbst gab sich geduldig: „In hundert Jahren“, so spekuliert sie, „werden Frauen auch nicht länger das beschützte Geschlecht sein“, ja sie fordert das geradezu ein: „Man entferne den Schutz, setze sie denselben Mühen und Tätigkeiten aus, mache sie zu Soldaten und Matrosen und Lokomotivführern und Hafenarbeitern […]. Alles Mögliche kann geschehen, wenn es keine geschützte Beschäftigung mehr ist, Frau zu sein.“

Woolf stellt die männlich definierte Diskurshegemonie infrage – „Fußball und Sport sind ,wichtig‘, der Kult um die Mode, das Kaufen von Kleidung ,banal‘“ – und sie mokiert sich über den schiefen Syllogismus, dass Frauen „wegen ihrer Unfähigkeit, Fußball zu spielen, keine Ärztinnen werden dürfen“.

Dass ein misogyner Brüllaffe wie Donald Trump heute von der Fußballerin Megan Rapinoe vorgeführt und zurechtgewiesen wird, spricht dafür, dass sich doch ein bisschen etwas zum Besseren geändert hat.

Klaus Nüchtern in Falter 10/2020 vom 06.03.2020 (S. 35)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ReiheGatsby
ISBN 9783311220039
Erscheinungsdatum 01.10.2019
Umfang 192 Seiten
Genre Belletristik/Hauptwerk vor 1945
Format Hardcover
Verlag Kampa Verlag
Nachwort von Antje Rávik Strubel
Übersetzung Antje Rávik Strubel
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