Die Analphabetin, die rechnen konnte

Roman
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Mit fünf fing sie an zu arbeiten, mit zehn wurde sie Waise, mit fünfzehn von einem Auto überfahren. Im Grunde deutete alles darauf hin, dass Nombeko ihr Dasein in ihrer Hütte im größten Slum Südafrikas fristen und sehr früh sterben würde. Aber Nombeko war ein Rechengenie – und schon bald lag das Schicksal der Welt in ihren Händen ...

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FALTER-Rezension

„Der Bachelor wird das sein, was die Matura einmal war“

Bildung ist keine Garantie mehr für sozialen Aufstieg. Sondern die Mindestvoraussetzung. Wissenschaftsforscherin Ulrike Felt über unsere Gesellschaft, die auseinanderzudriften droht

Ulrike Felt kommt gerade aus den Vereinigten Staaten, wo ihr Sohn studiert. In der Stadt Charlotte im ­Bundesstaates North Carolina war es im Spätherbst zu schweren Unruhen zwischen der Polizei und Schwarzen gekommen. Felt forscht eigentlich darüber, was Wissenschaft für eine Gesellschaft bewegen kann. Aber weil sich die großen Fragen der Menschheit nie isoliert beantworten lassen, sprechen wir auch über die Folgen der Fluchtbewegungen aus dem Nahen Osten und über Feminismus.

Falter: Muss, wer heute Wissenschaftler werden möchte, mobil sein, vernetzt, ein Präsentationsgenie, ein Karrierestratege, am besten kinderlos und männlich, mit einem Satz: Muss er eine perfekte Science-Ich-AG sein?
Ulrike Felt: Vielleicht, ein wenig. Die Anforderungen an junge Menschen sind sehr hoch und der Wettbewerb ist sicherlich härter geworden. Aber auch die Möglichkeiten sind größer. Seit den 1990er-Jahren gibt es mehr Förderungen für Doktoranden, etwa über Forschungsprojekte. Das erleichtert den Einstieg in die wissenschaftliche Karriere. Aber es erhöht auch den Selektionsdruck. Wir bilden mehr Leute aus als früher und es hat sich in Relation dazu die Zahl der festen Stellen nicht im gleichen Ausmaß erhöht.

Eine Dissertation ist also keine Eintrittskarte in die Forschung?
Felt: Keineswegs. Die Britische Royal Society hat zu ihrem runden Geburtstag eine Statistik veröffentlicht, die zeigt, dass in den Naturwissenschaften im Endeffekt aus einer Kohorte von Studierenden nur ein einstelliger Prozentsatz Professoren wird und an den Universitäten mit einer Festanstellung bleibt. Natürlich gibt es auch außeruniversitäre Forschungsmöglichkeiten, in der Industrie und darüber hinaus, aber auch hier wird stark selektiert.

Jetzt könnte man die Unis kräftig verbreitern und noch mehr Geld hineinstecken. Oder man könnte wieder massive Zugangsbeschränkungen einführen.
Felt: Oder wir könnten einfach davon ausgehen, dass das Studium nicht nur für den wissenschaftlichen Arbeitsmarkt qualifiziert. Ich bin ein Anhänger davon, dass man das Bachelor-Studium offen lassen sollte. Dass man allerdings beim Zugang zu Master- und PhD-Studien Qualitätskriterien einführen sollte, damit die Studierenden spüren: Okay, ich bin ausgewählt, ich bringe die Grundvoraussetzungen zum Wissenschaftler mit. Dies ist international durchaus üblich. Und es gäbe eine bessere Betreuungssituation.
Wie viel ist der Bachelor dann noch wert?
Felt: Eine Einschätzung: Der Bachelor wird in 20 Jahren das sein, was die Matura in der 1970er-Jahren war. Gesellschaften entwickeln sich eben und so verschieben sich auch die Bildungsanforderungen.

Damit macht die von Bundeskanzler Christian Kern geforderte Ausbildungspflicht bis 25 Jahre durchaus Sinn.
Felt: Die Ausbildungspflicht in einer Gesellschaft zu erweitern, die länger lebt, die mehr auf qualitative Arbeit abstimmt, die erwartet, dass sich Bürger selber Wissen erwerben, etwa durchs Internet, macht Sinn. Wie lange und wie, das müsste man diskutieren. Ehrlich, wie geht es Menschen, die seit ihrem 15. Lebensjahr nie in einem schreibenden oder lesenden Beruf gearbeitet haben und in Gefahr laufen, funktionale Analphabeten zu werden? Sie sind aus unserer Gesellschaft auf so vielen Ebenen ausgeschlossen. Da entstehen ganz neue Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten, die wir in ihrer Größenordnung noch gar nicht abschätzen können.

Bei Wahlen sieht man das schon.
Felt: Sie müssen die Leute befähigen, sich in einer komplexen Welt irgendwie entscheiden zu können. Deswegen müssten wir den Bachelor neu denken und im Sinne einer sehr viel breiteren, wirklich intellektuellen Bildung denken. Als intergrales Studium. Wir müssen ja auch schon die Kinder andere Dinge lehren. Es ist nicht mehr damit getan, dass wir ihnen sagen, da ist das Büchl und wenn du das auswendig kannst, dann bist du König. Das bringt ihnen in einer Welt, die sich rasch verändert, gar nichts mehr.

Sehen das die Politiker?
Felt: Naja, es ist nicht so, dass sie das leugnen. Aber wenn wir sagen, es geht um Verantwortung in einer Gesellschaft, es geht um mehr Innovation in einer Gesellschaft, es geht um soziale Inklusion und ähnliche Dinge – dann müssen wir viel mehr Geld für das Bildungssystem in die Hand nehmen. Weil damit steht und fällt sowohl unser sozialer als auch unser ökonomischer Erfolg. Ich komme gerade aus Charlotte in den USA zurück, wo der Ausnahmezustand verhängt war. Was dort passiert, ist nicht nur eine Frage von Rassenkonflikten. Es ist auch eine Frage der Bildungsökonomie. Bildung ist eine Möglichkeit, starre Grenzen in der Gesellschaft etwas durchlässiger zu machen. Wenn wir große Bildungsungleichheiten in Europa zulassen, ist das einer der größten Fehler, den wir machen können. Deswegen ist Bildungsintegration auch in der Migrationspolitik ein unglaublich zentraler Aspekt.
Warum diskutieren wir solche Themen immer erst emotional, wenn es um Flüchtlinge geht?
Felt: Dort kristallisiert sich ein Problem heraus, das wir schon länger haben. Deswegen verstehe ich auch den Ärger mancher Leute. Weil ich sage: Wir wissen, dass wir schon so lange ein Problem bei der Bildungsintegration haben. Jetzt wird einfach deklariert: Integration der Flüchtlinge, kein Problem. Schon zuvor ist das Schulsystem auseinandergebrochen, es gab unglaublich ungleiche Möglichkeiten und die Investitionen sind zu gering. Ein Schulsystem ist immer auch ein Wertesystem. Das ist ja nicht nur lesen, schreiben und rechnen lernen. Das ist sich selbst bilden, gefördert werden, sich selbst entwickeln können.

Aber Bildung ist keine Garantie für Aufstieg mehr?
Felt: Nein, nicht mehr im klassischen Sinne, dass Bildung sozialen Aufstieg garantiert. Bildung ist eher eine Mindestvoraussetzung für vieles geworden. Das ist eine Fehlannahme, die in vielen Entscheidungen zum Studium noch drinnensteckt: Ich studiere jetzt, dann werde ich was! Ich kann etwas werden, es heißt nicht, dass ich es werde. Das müssen wir uns klar machen: Bildung ist nicht der Garant für etwas, sondern die Möglichkeit für etwas.

Das Schulsystem ist in der Krise, auch in der Forschung klagen viele junge Wissenschaftler, dass Österreichs Unis „dicht“ sind und sie ins Ausland müssen.
Felt: Es ist hier sehr, sehr viel schwieriger, eine Stelle zu bekommen. Das ist in manchen Fächern ausgeprägter als in anderen. Gleichzeitig erwartet man seit Jahrzehnten von Wissenschaftlern, dass sie ins Ausland gehen. Ich halte Mobilität für einen ganz wichtigen Punkt. Das Problem liegt vielleicht daran, dass wir sie normativ zu einem bestimmten Zeitpunkt einfordern. Wir erwarten, dass angehende Wissenschaftler nach der Dissertation ins Ausland gehen sollen.

Das ist oft genau der Zeitpunkt, an dem Menschen gerade eine Familie gründen wollen?
Felt: Es gibt die verschiedensten Gründe. Weil man gerade nicht weg kann, weil man eine Familie hat, eine Familie gründen will. Wir brauchen also Mobilitätskonzepte, die nicht so festgeschrieben sind, die zirkuläre Formen von Mobilität fördern. Also das Weggehen und das Zurückkommen, damit holen wir das gewonnene Wissen auch wieder zu uns zurück. Bei den Schrödinger-Stipendien etwa geht man für zwei Jahre weg und hat dann ein Rückkehrjahr, also ein Jahr Zeit, sich vor Ort in Ruhe nach einer neuen Stelle umzuschauen. Das heißt zwar nicht, dass sie hier etwas finden, aber es erzeugt eine gewisse Möglichkeit.

Stichwort Frauenkarrieren: Ihre Mentorin Helga Nowotny sagte dem Falter einmal, das Wichtigste für Wissenschaftlerinnen ist, sich einen Partner zu suchen, der einem Rückhalt gibt.
Felt: Natürlich, wie in fast jedem Beruf braucht es eine Partnerschaft, auf die man sich halbwegs verlassen kann. Es gibt keinen Zeitpunkt, der perfekt ist, um eine Familie zu gründen. Für mich war es sehr wichtig, dass mein Mann sich damals eine Auszeit genommen und sich um unseren gemeinsamen Sohn gekümmert hat. Als unser Sohn schon ein paar Monate alt war, haben wir beide wieder gearbeitet. Wir hatten ihn in einer Kinderbetreuung. Wir haben uns dann aber ausgemacht: Zwei Mal in der Woche holt ihn jemand ab, damit wir uns nicht nach Hause hetzen müssen. Das ist unglaublich wichtig: Qualitätszeit einzubauen, sowohl für das private als auch das berufliche Leben.

Was meinen Sie damit?
Felt: Einer der größten Fehler ist, die Zeit so eng zu takten, dass überhaupt keine Luft mehr drinnen ist. Das sehe ich bei unseren jungen Mitarbeitern. Wir haben viele Frauen, die Kinder bekommen haben, meistens während der Phase des Doktorats. Daran zerbricht eine Karriere keineswegs. Wichtig ist nur, dass man für sich Arbeit und Familie etwas trennt und sich jeweils fokussiert dem einen oder anderen widmet. Neben dem Kind zu Hause arbeiten zu können ist oft sehr schwierig, weil die Zeit, die man hat, immer unterbrochen ist. Dreimal eine Stunde Zeit zu haben ist nicht gleich drei Stunden am Stück. Um genau das geht es: Zeiträume zu schaffen, in denen wir uns einer Sache widmen und so gegen die unterbrochene Zeit arbeiten.

Nicht nur durch Babys.
Felt: Durch alles! Wir leben in einem Zeitalter der unterbrochenen Zeit. Denken sie an E-Mails und andere Informationsmedien, die uns ständig unterbrechen, an die Idee, dass Effizienz das gleichzeitige Erledigen verschiedener Aufgaben bedeutet. Das muss man erst einmal „managen“ lernen. Die große Herausforderung: zusammenhängende Zeit zu schaffen. Wir müssen lernen, anders, bewusster mit unserer und anderer Zeit umzugehen, sie anders zu rechnen und zu bewerten. Ich glaube, das ist der beste Tipp, den man geben kann: großzügiger das Nicht-Zeit-Haben einzukalkulieren.

Sie waren in den USA, in Frankreich und in der Schweiz. Haben es Frauen dort leichter oder ist das ein Klischee?
Felt: Das ist schwer zu verallgemeinern, weil es sehr von den Institutionen, aber auch vom direkten Arbeitsumfeld abhängt. Was mich stört, ist, dass wir Frauen immer noch mit stereotypen Erwartungshaltungen konfrontiert sind. Es wird einfach davon ausgegangen, dass Frauen zum Beispiel empathischer sind. Noch immer beobachte ich, dass bestimmte Arbeiten eher an Frauen gegeben werden. Aber das sind nicht unbedingt die Aufgaben, die besser bewertet werden.

Zum Beispiel?
Felt: In meinen Studien zum Bereich Lebenswissenschaften zeigt sich immer wieder, dass sich die weiblichen Wissenschaftler mehr um den Zusammenhalt der Gruppe kümmern, ums Labor, dass dort alles ruhig läuft. Männliche Kollegen kümmern sich eher um ihre Sachen und weniger ums Ganze. Diskriminierungen finden Sie also heute noch, aber sie sind viel weniger offensichtlich, als vor 30 Jahren: im Kleinen, etwa darin, wie Anerkennung verteilt wird.

Wie war es, als Sie zu studieren begannen?
Felt: Ich habe 1975 mit dem Astronomie- und Physikstudium begonnen. Ich kann mich an eine Dozentin im ersten Semester erinnern. Wir mussten eine Gemeinschaftsarbeit schreiben. Drei Kollegen. Die beiden Kollegen haben ein Sehr gut bekommen, ich ein Gut, dabei habe ich etwa 90 Prozent der Abschlussarbeit geschrieben. Ich habe vorsichtig nachgefragt, was es denn damit auf sich hat. Sie hat mir gesagt, sie bewertet die insgesamte Leistung, und wenn sie das durchliest, sieht sie einfach, von wem das geschrieben worden ist.

Das wäre heute auch nicht mehr möglich?
Felt: Nein. Beurteilungen sind heute viel transparenter. Damals habe ich mir gedacht: Wow. Das war mein erstes Diskriminierungserlebnis. Es gab dann noch viele so Kleinigkeiten. Dass jemand sagt: „Sie sind aber mutig bei dieser schwierigen Prüfung anzutreten; da sollte ich Ihnen alleine dafür eine gute Note geben.“ Oder Bemerkungen wie: „Ich bin so froh, dass alle meine Töchter etwas Vernünftiges studieren.“

Wie kam man als junge Frau in den 1970er-Jahren zu so etwas „Unvernünftigem“ wie einem Physik- und Astronomiestudium?
Felt: Ich komme aus einem Nicht-Akademikerhaushalt, aber beide Eltern waren bildungsaffin. Sie wollten, dass ich alle Möglichkeiten habe. Mich hat Astronomie schon sehr früh interessiert. Ich habe viel Zeit im Technischen Museum verbracht, so oft ich konnte. Im Maria-Regina-Mädchengymnasium in Wien-Döbling hat meine Mathematik- und Physiklehrerin meiner Mutter in der sechsten Klasse geraten, sie soll doch eine Schule suchen, wo meine mathematische Seite gefördert wird. Und meine Mutter hat gesagt, das kommt überhaupt nicht in Frage, weil sie findet, Bildung ja, aber Mathematik oder Physik ist kein Frauenberuf.

Sie sah Sie maximal als Mathe-Lehrerin?
Felt: Lehrerin wäre noch drinnen gewesen. Ich bin dann bei Physik und Mathematik gelandet, mit etwas Chemie dabei, und habe dort auch mein Doktorat gemacht. Um meine Mutter zu beruhigen, habe ich das Lehramt auch noch dazugemacht.

Letzte Frage: Wenn Sie Blue-Sky-Forschung machen könnten, ohne Rücksicht auf Dotierung und Zeit, was wäre das?
Felt: Ich würde mich gerne mit Lebenszyklen von Innovationen auseinandersetzen. Wir sprechen viel über Neues, über Innovation. Das Neue ist das Wichtige. Aber wir wissen sehr wenig über „das Sterben“ von Innovationen. Wie trennen wir uns von Technologien, mit denen wir lange gelebt haben? Was bedeutet das für eine Gesellschaft und ihre Werte? Zum Beispiel Kernkraftwerke, die ja einige Länder „sterben“ lassen wollen. Was würde das in Zeithorizonten bedeuten? Ist das ein endloser, langsamer Tod? Ich finde, das ist eine faszinierende Frage.

Barbaba Tóth in Falter 43/2016 vom 28.10.2016 (S. 44)

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Mehr Informationen
ISBN 9783328100157
Ausgabe Erstmals im TB
Erscheinungsdatum 01.08.2016
Umfang 464 Seiten
Genre Belletristik/Erzählende Literatur
Format Taschenbuch
Verlag Penguin
Übersetzung Wibke Kuhn
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