Abhängigkeit

Teil 3 der Kopenhagen-Trilogie
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Kurzbeschreibung des Verlags:

„Von atemberaubender Intensität und Schönheit. Aus dem Staub ihres Lebens leuchtet dieses Werk.“ Elke Heidenreich, Spiegel Online
In „Abhängigkeit“ schreibt Tove Ditlevsen offen und absolut gegenwärtig über ihr Leben als Frau, Schriftstellerin und Mutter, über Liebe, Freundschaft und die Verlockungen der Sucht. Die Geschichte einer Befreiung, und das eindringliche Porträt einer Frau – verletzlich, souverän, eigenständig.
„Unmittelbar und ergreifend.“ The Guardian
„Hart und zärtlich, von grandioser Schönheit.“ The Spectator
„Das Porträt einer Frau, die ihr Leben entschieden zu ihrem eigenen macht. Ein Leben, so frei und ungestüm, ich bin versunken in Tove Ditlevsens Büchern.“ Nina Hoss
„Tove Ditlevsens Kopenhagen-Trilogie, so viel steht jetzt schon fest, ist eines der großen literarischen Ereignisse des Jahres." Süddeutsche Zeitung
„Drei schmale Bände, eine monumentale Autorin.“ Patti Smith
„Großartig, von hypnotischer Qualität." The New York Times
„Was Autorinnen wie Annie Ernaux, Rachel Cusk und Deborah Levy heute tun, hat Tove Ditlevsen schon vor über 50 Jahren getan. Autobiographisches Schreiben, vor dem man sich verneigen möchte. Endlich, endlich ist Ditlevsens Trilogie auf Deutsch zu lesen!” Emilia von Senger, She said

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FALTER-Rezension

"Porträt der Dichterin als junger Hund"

Auch große Literatur braucht ein Window of Opportunity. Von dem Dutzend Werke, die Tove Ditlevsen hinterlassen hat – Romane, Novellen, Gedichte, Essays und Erinnerungen – ist bislang knapp die Hälfte ins Deutsche übersetzt worden, zuletzt in den 1980er-Jahren. Damals war in der Edition Suhrkamp auch „Sucht“ erschienen, der letzte Teil der „Kopenhagen-Trilogie“, die nun mehr oder weniger zeitgleich in 16 Ländern erscheint und von Ursel Allenstein erstmals komplett ins Deutsche übersetzt wurde.

Allenstein hat sich für den Titel „Abhängigkeit“ entschieden, wohl weniger um das hässliche Wort „Sucht“ durch einen „woken“ Euphemismus zu ersetzen, sondern weil es dem Doppelsinn des Originaltitels „Gift“ näher kommt: auf Dänisch bedeutet das Wort nämlich dasselbe wie im Deutschen, darüber hinaus aber auch „verheiratet“. Und der Mann, den Ditlevsen bald nach ihrer Erstbegegnung, die besser ein One-Night-Stand geblieben wäre, im Jahr 1945 heiratet, ist auch derjenige, der sie mit dem Stoff versorgt.

Dieser Carl, in den sie nicht verliebt ist und der sich selbst als „leider ein bisschen geistesgestört“ bezeichnet, ist eigentlich ziemlich unattraktiv, aber immerhin Arzt, weswegen er die Abtreibung des Kindes, das er Tove gemacht hat, selbst vornehmen kann. Als Analgetikum verabreicht er ihr das Opiat Pethidin, von dem die bereits damals gefeierte Autorin prompt abhängig wird: „Pethidin, denke ich, der Name klingt in meinen Ohren wie Vogelgezwitscher. Ich beschließe, den Mann nie wieder loszulassen, der mir einen so unbeschreiblichen, beglückenden Genuss bereiten kann.“

1967 erscheinen mit „Kindheit“ („Barndom“) und „Jugend“ („Ungdom“) nicht nur die beiden ersten Bände der „Kopenhagen-Trilogie“, sondern auch der Drogendealer-Song „Waiting for My Man“ von Velvet Underground. „Waiting for My Man“ könnte auch das geheime Motto von Ditlevsens Erinnerungen lauten. Zwar beteuert die Erzählerin gleich zu Beginn des ersten Bandes, dass „meine Mutter und ich […] keine Männer oder Jungen in unserer Welt [brauchten]“, aber das wird sehr schnell widerlegt. Nicht nur die Mutter nimmt jede Männerbekanntschaft der Tochter als potenziellen Heiratskandidaten wahr, auch Tove und die anderen jungen Frauen sind bereit, sich schnell zu binden, um der Abhängigkeit von den Eltern zu entkommen – und sich in neue zu begeben.

Die junge Tove sehnt sich nach einem „normalen“ Leben, das weder den Imperativen der Erwachsenenwelt noch jenen der Peer-Group entspricht. Das nicht nur von ihrer Mutter propagierte Ideal, einen „zuverlässigen Handwerker“ abzukriegen, ist ihr ein Gräuel, zugleich erweist sich der Kinderwunsch zunächst als mächtiger denn das Begehren: „Abends im Bett stelle ich mir vor, dass ich einen gut aussehenden freundlichen jungen Mann treffe, den ich höflich darum bitte, mir einen großen Gefallen zu tun. Ich erkläre ihm, dass ich schrecklich gern ein Kind hätte, und frage ihn, ob er nicht dafür sorgen könnte, dass ich eins bekäme. Er sagt ja, und dann beiße ich die Zähne zusammen und schließe die Augen und tue so, als würde das einem ganz anderen Mädchen passieren.“

Fantasie, Behauptung und Realität liegen quer. Eher pflichtbewusst und situationsgetrieben bringt Tove ihr erstes Mal hinter sich. Ihrer inquisitiven und erfahreneren Freundin Nina bestätigt sie selbstverständlich, wie schön es gewesen sei: „Sie sagt, es werde mit jedem Mal besser, dabei war mir bisher gar nicht in den Sinn gekommen, dass man diese Prozedur auch noch wiederholen muss.“

Schnell ist man verlobt und verheiratet, ebenso schnell wieder getrennt und geschieden. In Sachen Treue herrscht ein kaltschnäuziger Pragmatismus, Abtreibung ist zwar illegal und riskant, scheint aber zugleich eine gängige Praxis der Geburtenkontrolle zu sein.

Den Bechdel-Test – benannt nach der Cartoonistin Alison Bechdel, die ihn zur Beurteilung von Stereotypisierung von Frauen im Spielfilm entworfen hat – würde die „Kopenhagen-Trilogie“ souverän bestehen, auch wenn Männer bei Gesprächen unter Frauen allemal ein Thema sind – was diesen nicht unbedingt zum Vorteil gereicht.

Als Piet, für den sie ihren um 30 Jahre älteren Gatten Viggo verlässt, seinerseits Tove den Laufpass gibt und die vorangegangene Ex damit beauftragt, sich um die aktuelle zu kümmern, tauschen die ehemaligen Konkurrentinnen ihre Erfahrungen aus: „,Du hattest recht‘, sage ich, ,es war genau dasselbe wie bei dir.‘ ,Und die Fassung?‘, fragt sie lachend, ,sollst du es auch mit Fassung tragen?‘ Ich muss ebenfalls lachen, und die Welt wirkt wieder ein bisschen heller.“

Es wird – obgleich die Umstände alles andere als lustig sind – überhaupt auffällig gelacht und gekudert. In solchen Momenten entsteht auch so etwas wie Einvernehmen und Nähe zwischen Tove und ihrer aufbrausenden, unleidlichen und nicht sonderlich warmherzigen Mutter, in deren erratischem Verhalten sie Hinweise darauf zu entdecken sucht, dass sie von dieser vielleicht doch gemocht wird. Und obgleich einige Indizien dafür sprechen, ist es ihr irgendwann nicht mehr so wichtig. Als die beiden einmal über Geburten sprechen, gesteht die Mutter, dass Tove und ihr jüngerer Bruder Edvin „in einer Wolke aus Seifenblasen“ auf die Welt gekommen wären, „weil sie grüne Seife gegessen hätte, um uns loszuwerden“.

Der um zehn Jahre ältere Vater, der im Unterschied zu seiner Frau in der Lage ist, einen Fehler einzugestehen und zu bedauern, erscheint als freundliche, aber auch etwas periphere Figur, die auf dem Sofa döst und für die Tove keine tiefen Gefühle hegt. Dennoch sind dem glühenden und durchaus bildungsbeflissenen Sozialdemokraten, der den sehr früh sich artikulierenden dichterischen Ambitionen seiner Tochter mit Ablehnung begegnet – „Ein Mädchen kann nicht Dichter werden“ –, einige der schönsten Sätze der gesamten Trilogie gewidmet: „Auf dem Grund meiner Kindheit steht mein Vater und lacht“, beginnt anapästisch beschwingt das zweite Kapitel des ersten Bandes. „Er ist so alt und schwarz wie unser Kachelofen, aber nichts an ihm macht mir Angst. Sämtliche Dinge, die ich über ihn weiß, darf ich wissen, und wenn ich mehr wissen will, brauche ich nur zu fragen.“

„Abhängigkeit“ ist naturgemäß der spektakulärste Part der „Kopenhagen-Trilogie“, „Kindheit“ ist der ambitionierteste und bestechendste, obgleich gerade hier nicht immer alles glückt. In ihrem Bemühen um poetische Bilder und Vergleiche übertreibt es Ditlevsen zuweilen. Dann ist die Kindheit „wie ein kleines Tier, das man in einen Keller eingesperrt und vergessen hat“ und erweist sich die Konfirmation nur wenige Seiten später als „der Grabstein auf einer Kindheit“, die der Erzählerin „jetzt hell, geborgen und glücklich vorkommt“.

Tatsächlich aber gelingt der Autorin das hohe Kunststück, mit einer Sprache, über die Kinder nicht verfügen, die Welt ihrer Kindheit zu evozieren. Diese ist bevölkert von Figuren wie Krätze-Hans, Blechschnauze, Schön-Lili, Rapunzel oder Locken-Charles, von einem Sittenstrolch oder einem Schluckspecht – und wie im Märchen hat eine Frau Haare, die schwarz sind wie Ebenholz. Armut, Arbeitslosigkeit, Trunksucht, sexualisierte und häusliche Gewalt, das alles kommt vor, wird aber weder voyeuristisch ausgebreitet noch sozialkritisch angeprangert und gewinnt als brutaler Slapstick, der nichts verharmlost oder verniedlicht, sogar eine komische Dimension: „Wenn die Eltern es leid sind, ihre Tochter zu traktieren, gehen sie mit Flaschen und abgebrochenen Stuhlbeinen aufeinander los, und oft kommt die Polizei und nimmt einen von beiden mit, woraufhin endlich Ruhe im Haus einkehrt.“

Wenn es von den hochromantischen und durch keine Erfahrung gedeckten Gedichten der jungen Tove einmal heißt, dass diese von raffinierter Unschuld seien, so gilt das auch für die ganze „Kopenhagener Trilogie“, insbesondere für „Kindheit“.

In ihrem Nachwort hat die Übersetzerin Ditlevsen als Wegbereiterin von Annie Er­naux apostrophiert, was nun überall nachgeplappert wird. Aber während Er-naux als „Ethnologin ihrer selbst“ die eigene Biografie in ein Kokon an Kommentaren, Reflexionen und akademischer Begrifflichkeit einspinnt, fehlt dergleichen bei Ditlevsen vollkommen. Bezeichnenderweise spielt das Thema des „Klassenverrats“, der bei Er­naux, Eribon & Co die Perspektive bestimmt, bei ihr so gut wie keine Rolle. Wenn sich Tove mit einem alten Knacker wie Herrn Krogh abgibt, dann ist – im Unterschied zum zynischen Kalkül ihrer kecken und kessen Freundin Ruth – echte Zuneigung im Spiel, es wird aber auch deutlich, dass die Beziehungen, die sie zu älteren Herrn knüpft, auch Networking in eigener Sache darstellen.

Trotz widriger Umstände und schlechter Voraussetzungen avanciert Tove Ditlevsen zum literarischen Shootingstar. Eine Heldinnengeschichte wird daraus nicht. Diese Frau geht ihren Weg, aber sie tut dies auch deswegen, weil ihr das eigene Schreiben wichtiger ist als alles andere und das bisschen Weltkrieg und Weltgeschichte, das sich nebenher ereignet, nicht allzu große Beachtung findet.

„Wir Menschen wollen immer irgendetwas voneinander, und ich habe die ganze Zeit gewusst, dass du mich für etwas benutzen würdest“, meint Herr Krogh in „Jugend“ durchaus nachsichtig, als Tove ihm mit ihren Gedichten kommt.

Von diesem Wollen, vom Leben der Dichterin als junger Hund handelt die „Kopenhagen-Trilogie“ – präzise, poetisch, illusionslos, aber keineswegs verbittert: „Auch die Hunde beobachte ich, die Hunde und ihre Herren. Einige werden an der kurzen Leine gehalten, an der man sie ungeduldig weiterzieht, sobald sie stehen bleiben. Andere laufen an der langen Leine, und ihre Herren warten geduldig, wenn der Hund von einem spannenden Duft aufgehalten wird. Einen solchen Herren wünsche ich mir.“

Klaus Nüchtern in Falter 17/2021 vom 30.04.2021 (S. 34)

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Produktdetails
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ReiheDie Kopenhagen-Trilogie
ISBN 9783351038700
Ausgabe 4. Auflage
Erscheinungsdatum 15.02.2021
Umfang 176 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Aufbau Verlag
Übersetzung Ursel Allenstein
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