Odyssee

Von Abenteuern, Irrfahrten und Heimkehr
352 Seiten, Hardcover
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Reihe Die Mythos-Tetralogie
ISBN 9783351042127
Erscheinungsdatum 13.10.2025
Genre Sachbücher/Geschichte/Vor- und Frühgeschichte, Antike
Verlag Aufbau
Übersetzung Matthias Frings
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Aufbau Verlage GmbH & Co. KG
Prinzenstr. 85 | DE-10969 Berlin
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Kurzbeschreibung des Verlags



Der krönende Abschluss der Mythos-Tetralogie: Die berühmteste Heldengeschichte aller Zeiten


Troja ist gefallen. Nach zehn Jahren Krieg lockt für die Griechen endlich die Heimat. Während Agamemnon zu Hause die Rache Klytaimnestras erwartet, ist Odysseus dazu verdammt, über die Meere zu irren. Dabei muss er sich einäugigen Riesen, verführerischen Nymphen, schrecklichen Seeungeheuern und tosenden Stürmen stellen, um nach Ithaka zu seiner klugen Frau Penelope zurückzukehren.


In einer grandios unterhaltsamen Neuerzählung des Homer’schen Epos lädt uns der Erfolgsautor Stephen Fry dazu ein, die faszinierende Welt der griechischen Mythen, Götter und Helden neu zu entdecken. Fast wünscht man sich dabei, diese Irrfahrt würde nie enden.


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ISBN 9783351042127
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FALTER-Rezension

"Ich schaue nie auf die bright side of life"

Tessa Szyszkowitz in FALTER 15/2026 vom 08.04.2026 (S. 25)

Stephen Fry ist der Oscar Wilde der britischen Gegenwart. Ein ungemein komischer, scharfsinniger und gleichzeitig liebevoller Interpret des Zeitgeschehens - ein Multitalent als Comedian, Schauspieler, Autor und Moderator. Fry gab den Audiobüchern von Harry Potter seine Stimme. Er sprach öffentlich darüber, bipolar zu sein und an Depressionen zu leiden. Sein gesellschaftliches Engagement erstreckt sich neuerdings auch auf Österreich. Er erhielt 2024 die Staatsbürgerschaft und rief prompt dazu auf, zu den Wahlen zu gehen. Der britische König Charles adelte ihn 2025 zum Sir, Kronprinz William nennt ihn ein "Nationalheiligtum".
Falter: Herr Fry, wie fühlt es sich an, ein Nationalheiligtum zu sein?

Stephen Fry: Ab einem gewissen Alter verzeihen die Leute einem alle Sünden. Es freut mich natürlich, dass sich so viele unterschiedliche Menschen für mich interessieren. Es ist vielleicht peinlich, das zuzugeben. Es gehört zur britischen Kultur, dass einem alles peinlich ist.

Inwiefern? Fry: Sie kennen vielleicht die Geschichte von dem britischen Nobelpreisträger für Chemie, der nach Amerika fährt, und die Leute fragen ihn bei einer Dinnerparty: Und was machen Sie? Er sagt: Ich studiere chemische Abläufe. Frage: Sind Sie damit erfolgreich? Er: Aber nein, ich arbeite nur so vor mich hin. Dann gehen die Gesprächspartner weiter und er bleibt allein. In Amerika würde niemand damit hinterm Berg halten, dass er oder sie gerade einen Nobelpreis gewonnen hat.

Warum sind die Briten so bescheiden?

Fry: In den vergangenen 200 bis 300 Jahren hielt der Rest der Welt die Briten für arrogant. Wir waren an sich eine kleine Nation, aber wir schickten unsere Schiffe in die ganze Welt aus, und aus irgendeinem bizarren Grund begann mit uns die industrielle Revolution. Wir waren die Ersten, die Dampfmaschinen und Fabriken hatten. Plötzlich hatten wir das größte Empire der Welt. Deshalb hat man uns in der Schule eingebläut: "You never show off!" - "Gib bloß nicht an!"

Erfolgreiche Kolonialisten müssen also besonders nett sein? Fry: Im Grunde ja. Weil es so heuchlerisch ist, ist es auch irgendwie lustig. Inzwischen schauen wir aber auf das Empire zurück und halten es für das absolut Böse. Alle außer Ex-Premier Boris Johnson

Fry: und der rechte Historiker Niall Ferguson, die Indien einreden wollen, dass sie dankbar sein sollen, dass die Briten ihnen Kricket beigebracht haben. Die Wahrheit ist: Alle Briten waren tief in den Kolonialismus verstrickt. Sogar George Orwell, der Held der Linken. Er kam als junger Mann direkt aus Eton, der exklusivsten Eliteschule in Großbritannien, zur Kolonialpolizei in Myanmar. Dort war er verantwortlich dafür, die Natives zu disziplinieren. Er durfte sie auch schlagen. Das passt natürlich gar nicht zu unserer Sicht auf den Autor von "Animal Farm" und "1984".

Oder doch. Orwell hatte verstanden, dass Kolonialismus falsch war. Die Erfahrung hat sein Denken geprägt.

Fry: Ja, er hat später ein Buch darüber geschrieben, "Tage in Burma". Fakt ist: Er war Kolonialist. Wir vertrauen Orwell allerdings, weil er sich selbst hinterfragt hat. Er sah seine eigene Fähigkeit, grausam zu sein. Wir hatten vermutlich alle Vorfahren, die Zucker in Kaffee rührten, der von Sklaven geerntet worden war.

Es heißt ja, Sie seien so "englisch wie Tweed", aber das stimmt gar nicht. Sie haben seit zwei Jahren die österreichische Staatsbürgerschaft.

Fry: Meine Großmutter mütterlicherseits war aus Wien. Mein Großvater kam aus dem ungarischen Teil der Slowakei. In den 1930er-Jahren emigrierten sie wegen der Nazis nach England. Meine Urgroßeltern aber wurden von Wien nach Riga und weiter nach Auschwitz deportiert und sind dort umgekommen. Es war für mich schon ein sehr interessanter Moment, als die österreichische Regierung mir einen Pass anbot. Ich habe meine Mutter und meine Geschwister konsultiert, ob wir das machen sollen. Nicht nur die Verbindung zur österreichischen Kultur hat uns angezogen, mindestens so wichtig war es für mich, den Horror des Brexits auszuhebeln. Jetzt habe ich einen Pass, mit dem ich in die Schengenzone reisen kann. So wie früher, als Großbritannien Teil der EU war.

Als wir uns letzten Sommer zufällig in der Oper getroffen haben, zeigten Sie mir ein Foto aus dem Jahr 1938. Darauf ist das Geschäft Ihres Onkels in der Getreidegasse in Salzburg zu sehen, davor zwei Nazis, die Kunden daran hinderten, hineinzugehen.

Fry: Wir waren in einer Wagner-Oper, als ich Ihnen dieses Foto zeigte. All diese Verbindungen schwammen in meinem Hirn herum: Richard Wagner, Musik, Österreich, meine Familie. Und eine Sache, die man auf dem Foto nicht sieht: Über dem Geschäft gab es ein Glockenspiel. Jeden Tag zu Mittag spielte es das Duett aus Mozarts Oper "Don Giovanni":"Là ci darem la mano." Genau gegenüber dem Laden in der Getreidegasse ist Mozarts Geburtshaus. Auf dem Foto sieht man, dass "Jüdisches Geschäft" und ein Davidstern auf die Schaufenster geschmiert wurden. Und im Schaufenster reflektiert sieht man das Mozart-Haus von gegenüber. Wie konnte dasselbe Volk solche Extreme wie Mozart und Hitler hervorbringen? Und dazwischen sind wir mit unseren mittleren Talenten und einer halbwegs vernünftigen Moral.

Was ist mit dem Geschäft in Salzburg passiert?

Fry: Mein Onkel Rudi und meine Tante Dita kamen nach dem Krieg zurück, und ich halte es den Salzburgern zugute, dass sie ihnen das Geschäft zurückgaben. Meine Verwandten verkauften es allerdings, denn sie lebten damals schon viele Jahre in den USA. In meiner Familie gibt es viele Geschichten, wie schrecklich sich Österreicher gegenüber Juden benommen haben.

Zum Beispiel?

Fry: Meine Mutter hat ein Bild bei sich hängen, das in der Mitte ein Loch hat. Als meine Großmutter ihre Habseligkeiten im Zug nach Paris mitnahm, kam ein Nazi vorbei und stach in jedes ihrer Pakete, um zu prüfen, ob sich Menschen darin versteckten. Wir haben seitdem unser eigenes nettes Symbol dafür zuhause, wie Faschismus Kunst zerstört.

Wie kamen Sie als jüdischer Engländer zu Wagner-Opern?

Fry: Ich hörte Wagner das erste Mal, als seine Musik aus der Bibliothek meines Vaters drang. Mein Vater war Chorknabe in der St. Paul's Cathedral gewesen, er liebte Musik. Ich habe schüchtern an die Tür geklopft und habe ihn gefragt: "Daddy, was hörst du da, das ist wunderschön." Er erklärte mir, dass es sich um die Ouvertüre von "Tannhäuser" handelte. Ich war fasziniert. Er sagte, ich könne die Platte ausborgen. Ich habe dann obsessiv Wagner gehört. Ich hatte vorher keine Musik gekannt, die mich so bewegte. Meine Mutter litt. "Musst du die Musik von diesem schrecklichen Mann spielen!" Er war kein Freund der Juden, sagte sie. So lernte ich die Unterschiede zwischen meinen Eltern kennen.

Ihr jüngstes Buch, das gerade auf Deutsch erschien, handelt von Odysseus und seiner Reise nachhause nach dem Krieg um Troja. Spielt Heimat eine große Rolle für Sie?

Fry: Da bin ich nicht der Einzige. Die Griechen nannten es "nostos", diese Sehnsucht nach der Heimat. Für alle Juden ist das ein großes Thema. Heute wieder besonders. Denn für viele Juden war und ist Palästina oder Eretz Israel eine Heimat. Der Begriff Zionist aber ist jetzt fast ein Schimpfwort geworden. Junge Leute verwenden es fast schon wie das Wort Nazi.

Wie blicken Sie denn heute auf Israel?

Fry: Israel hat sich nicht so entwickelt wie erhofft. Juden und Araber sollten dort gemeinsam mit gleichen Rechten und Respekt füreinander leben. Heute ist Israel in den Augen der Welt und auch vieler Juden ein Schurkenstaat geworden. Ich könnte dort nicht leben.

In Großbritannien fühlen sich viele Juden aber auch nicht mehr sicher, der Antisemitismus wird immer stärker.

Fry: Nach dem 7. Oktober 2023 fragte mich Channel 4, ob ich eine etwas andere Weihnachtsrede halten könnte - parallel zum König auf der BBC. Ich sagte zu und sprach über den steigenden Antisemitismus. Das war zwei Monate nach dem 7. Oktober, Israel hatte Gaza noch nicht komplett zerstört, und die Bilder von dem Hamas-Überfall auf Israelis waren noch frisch. Trotzdem war der Antisemitismus in diesen zwei Monaten um 400 Prozent gestiegen. Das beunruhigte mich.

Worin hat sich das geäußert?

Fry: Ich war es nicht gewohnt, dass in England alte jüdische Frauen vom Gehsteig geschubst und die Schaufenster jüdischer Geschäfte eingeschlagen werden. Früher, wenn unsere amerikanische Familie fragte, warum meine Großeltern in Britannien leben wollten, obwohl es doch hier Antisemitismus gebe, hat mein Großvater immer gesagt: "Wir hatten hier in Großbritannien einen Premierminister namens Benjamin Disraeli!"

Hat er das mit einem österreichischen Akzent gesagt oder einem ungarischen?

Fry: Mit einem ungarischen. Jedenfalls müssen jetzt alle Juden - auch solche wie ich, die als "tweedy" und britisch gelten - in jedem Gespräch einen Reinheitstest bestehen. Wenn ich auf Unis spreche, soll ich erst einmal sagen, ob ich mich von Netanjahu und der israelischen Regierung distanziere. Nur weil ich Jude bin, muss ich beweisen, dass ich nichts Zionistisches in mir habe. Der ewige Jude, der durch die Lande zieht und heimatlos ist - ein immer wiederkehrendes Klischee. Unsere Loyalität zur Nation wird infrage gestellt. Obwohl wir hierhergehören.

Es geht nicht nur Juden so. Auch Palästinenser wurden nach dem 7. Oktober ständig gefragt, ob sie sich von der Hamas distanzieren. Ruiniert diese Art von ideologischem Reinheitstest unsere Streitkultur? Oder besser: unsere Dialogfähigkeit?

Fry: Ja. Früher gab es Risse in der menschlichen Gesellschaft, heute ist es ein Grand Canyon, und die Leute schreien immer lauter, ohne einander zuzuhören. Es gibt keine Brücke. Ich sehe mich am Boden des Canyons stehen, und jedes Mal, wenn ich auf eine Nuance oder Ambiguität in einer Diskussion - zum Beispiel über Gaza -hinweise, bist du gleich für beide Seiten ein Verräter.

War das nicht immer schon so?

Fry: In meiner Jugend war es modern, als intellektuell zu gelten. Wir lasen George Orwell, Alexander Solschenizyn und Arthur Köstlers "Sonnenfinsternis". Wir schauten auf diese Welt voller Schrecken, die uns an Kafka erinnerte. Systeme, in denen der Einzelne keine Stimme hatte und moralische Empörung keinen Platz. Wir wussten, was Stalinismus war. Und die Gefahr, die in Amerika von dem Antikommunisten Joseph McCarthy ausging. Der moralische und soziale Relativismus, der in den 1960ern einsetzte, dieser easy-going liberale Humanismus, geht zu Ende. Jetzt regieren wieder die Extreme, auf der linken und auf der rechten Seite.

Flüchten Sie deshalb in griechische Mythen?

Fry: Das ist auch "nostos": ein Ort, an dem intellektuelle Abenteuer möglich sind. Ich bin kein religiöser Mensch. Ich habe mit Göttern nichts am Hut. Aber ich verstehe, dass ein moralischer Rahmen, eine Struktur hilfreich ist. Unsere Krise heute ist, dass wir uns nicht einmal mehr darauf einigen können, was Wahrheit ist.

Liegt es an mir, dass wir hier über ziemlich bedrückende Themen sprechen? Als Comedian -und auch als Autor -sind Sie dafür bekannt, dass Sie wie Ihre Kollegen von Monty Python gerne auf die heitere Seite des Lebens blicken.

Fry: Ich schaue nie auf die "bright side of life". Eher auf die Realität des menschlichen Lebens. Die ist chaotisch. Wir sind nicht entweder nur nett oder mordlustig. Bei den Wikingern in den nordischen Sagen gab es bei jeder Schlacht zwei Erzähler. Der eine war der Sagenmeister, der die Chronik des Kampfes mit heroischen Worten beschreibt - vor allem natürlich die Rolle des siegreichen Heerführers, der mit einem Streich fünf Männer tötete. Der zweite aber war der "gleeman". Dieser Spaßmacher erzählt die Schlacht ganz anders, aus der Perspektive eines Comedians: "Der Held denkt ja nur, dass er fünf Leute mit einem Streich erledigt hat. In Wahrheit hob er sein Schwert auf, es war zu schwer, es fiel auf ein Pferd, das Pferd schlug aus und erschlug fünf Männer." Die Erklärung des "glee man" für alles war immer so: menschliches Chaos, das aus Inkompetenz herrührt.

Die Briten gelten als besonders humorvoll, weil sie sich über sich selbst lustig machen können. Stimmt das?

Fry: Ganz sicher. Unsere größten Schriftsteller sind Komödienschreiber. Selbst in den Tragödien gibt es fantastisch komische Szenen. Der Hofnarr Yorick in "Hamlet", der Clown in "Antonius und Cleopatra" und Jago in "Othello" - der komödiantische Geist ist überall, es gibt viel mehr komische Enden als tragische. Lord Byron war ein großer Ironiker. Goethe bewunderte ihn sehr. Nach der Lektüre von Byrons "Don Juan" - das gleichzeitig ein Epos und ein komödiantisches Anti-Epos ist - schrieb Goethe, er wünschte, die deutsche Sprache wäre so empfänglich für Ironie und Komödie wie die englische. Das ist die Wahrheit über die Menschheit: Wir sind eben zum Totlachen.

Geht es dabei darum, die Tragödie des Lebens besser auszuhalten, wenn man darüber lacht?

Fry: Satire ist ein Angriff auf die Mächtigen. Auf den Regierungschef, den Präsidenten oder Milliardäre. Aber ein echter Satiriker spricht nicht einfach über sie. Er wendet sich direkt an seine Zuhörer. An ihre Gier, ihre Heuchelei, ihre Scheinheiligkeit. Er sagt: Ihr seid das Opfer meiner Satire! Und er zieht ihnen mit einer Schweinsblase eins über.

Mit einer was?

Fry: Der mazedonische König Philipp, Vater von Alexander dem Großen, hatte einen Mann angestellt, dessen Job es war, ihn mit einer Schweinsblase zu hauen und zu rufen: "Philipp von Mazedonien, Herrscher über die Welt, morgen wirst du in deinem Grab verrotten" - das sollte ihn an seine Vergänglichkeit erinnern. Stellen Sie sich vor, Trump hätte so einen Schweinsblasenmann. Einen Hofnarren, der ihm die Wahrheit sagt.

In Österreich spielt die Aristokratie seit 100 Jahren keine Rolle mehr, nicht so wie im Vereinigten Königreich, wo der König immer noch Staatsoberhaupt von Gottes Gnaden ist. Geht es deshalb im britischen Kabarett oft um Klasse?

Fry: Klasse spielt auch hier nicht mehr so eine Rolle. Unsere Royals regieren ja auch nicht mehr autoritär. Deshalb ist Comedy heute schwerer. Comedy lebt von Hierarchien. In "Blackadder" spielte ich den General Melchett, der die Macht hatte, Captain Blackadder in den Tod zu schicken. Ich hatte Macht und Autorität über sein Leben. Das ist natürlich furchterregend. Aber solche Charaktere sind auch dumm und exzentrisch -Leute in Machtpositionen sind oft so. Also lacht man über sie. Wie in der Schule über unsere Lehrer. Ich habe sie parodiert, habe ihre Stimmen und ihre Art zu gehen nachgemacht, und alle haben gelacht. Wenn sie mich erwischt haben, war ich dran. Zu meiner Schulzeit konnte man noch mit einem Stock geschlagen werden. Das war also aufregend und gefährlich zugleich. Kinder lehnen sich eben gerne gegen Erwachsene auf.

Sind Sie deshalb Comedian geworden, um gegen Ihren Vater zu rebellieren?

Fry: Das ist schon möglich. Mein Vater arbeitete von zuhause aus. Wir hatten ein großes Landhaus mit alten Stallungen, wo früher Pferde und Kutschen standen. Dort hatte mein Vater sein Forschungszentrum eingerichtet. Er war Physiker. Drinnen im Haus hatte er seine Bibliothek, dort arbeitete er an seinen Papieren. Wenn er zuhause war, musste es völlig still sein. Wir gingen auf Zehenspitzen. Ich horchte vor der Tür, ob er arbeitete. Wenn ich ihn husten hörte oder er ein Streichholz für seine Pfeife anzündete, dann sagte ich zu meinem Bruder: "Er ist da!", und wir gingen hinaus in den Garten spielen.

Und wenn er nicht da war?

Fry: Wenn wir ihn über den Kies zu den Stallungen gehen hörten, rannten wir ins Haus und sangen und tanzten laut, drehten den Fernseher auf und machten all die unartigen Dinge, die Kinder lieben. Und darum geht es bei Comedy: sich schlecht benehmen zu dürfen. Regeln zu brechen. Heute ist Comedy schwieriger geworden. Wir leben in einer Netzwerkgesellschaft. Im Büro sagt man nicht mehr "Boss", man sagt "Teamleader". Das ist an sich natürlich wunderbar.

Sie klingen nicht so, als fänden Sie das wunderbar. Fry: Kinder brauchen Strukturen. Das klingt vielleicht sehr altmodisch. Aber von irgendwoher muss Autorität kommen.

Aber wozu brauchen wir Autorität?

Fry: Nelson Mandela war der letzte Mensch, der diese Stellung innehatte: Er war eine Persönlichkeit, der man vertraute, die respektiert wurde und die eine gewisse Autorität besaß, wenn sie über etwas sprach. Man hörte ihr zu und glaubte, dass ihre Ansichten auf Wissen und Erfahrung, auf einer Art moralischer Überzeugung beruhten. Ich finde, das fehlt uns heute in unserer Gesellschaft.

Viele werden Ihnen applaudieren, wenn Sie sagen, Comedy sei dazu da, sich schlecht benehmen zu dürfen und Regeln zu brechen. Rechte Comedians finden es einschränkend, dass sie keine Witze über Frauen oder Schwarze mehr machen dürfen. Wo ist die Grenze zwischen Freiheit der Kunst und dem Schutz der Privatsphäre?

Fry: Der liberale Philosoph John Stuart Mill hat es so ausgedrückt: Freie Meinungsäußerung ist ein wichtiges Gut. Aber in einem Theater "Feuer" zu rufen, wenn es kein Feuer gibt, ist gefährlich. Man muss wissen, in welchem Raum man sich befindet. Was für A ein guter Witz ist, könnte für B daneben sein.

Man sagt, dass außer den Engländern nur die Juden eine Tendenz dazu haben, Witze über sich zu machen. Trifft also beides auf Sie zu?

Fry: Da muss ich Ihnen gleich einen Witz erzählen. Ein jüdischer Witz, der Lieblingswitz des großen ungarisch-amerikanischen Wissenschaftlers John von Neumann. Ein Mädchen wird in Polen in der Nähe eines jüdischen Dorfes vergewaltigt und umgebracht. Die Juden laufen in der Synagoge zusammen und sorgen sich: "O Gott, die werden uns die Schuld geben, es wird ein Pogrom geben. O Gott, o Gott!" Da kommt der Präsident der Synagoge gelaufen, wedelt mit den Armen und ruft: "Ich habe wunderbare Nachrichten. Es ist alles in Ordnung. Das Mädchen war jüdisch." Seit dem 7. Oktober erzähle ich den Witz öfter.

Sie haben offen über Ihre Depressionen und Ihre Diagnose gesprochen, bipolar zu sein. Hat es Ihnen geholfen, Ihre Krankengeschichte öffentlich zu machen?

Fry: Als ich in den 80er-Jahren mein Coming-out hatte, war das wichtig für mich. Damals gab es außer mir nur einen einzigen offen schwulen Schauspieler, Ian McKellen. Es war so eine Erleichterung für mich festzustellen, dass es mir niemand übelnahm, dass ich schwul bin. Im Alter von 15 Jahren, da war ich ein schwuler Junge gewesen, der über die Welt staunte und sich in Gedichten verlor - in einer Schule voller barbarischer Rugbyspieler. Als ich später unter Depressionen litt, spürte ich, dass das auch nicht meine Schuld ist. Jeder will einerseits akzeptiert sein, andererseits eben auch einzigartig. Dieser Widerspruch gilt vermutlich in unserem Aufwachsen für uns alle. Ich sehe mich aber bis heute als diesen unglücklichen Teenager, der glaubt, die ganze Welt habe sich irgendwie gegen ihn verschworen. Ich leide wohl bis heute an verzögerter Pubertät. Das ist Teil meines Geheimnisses.

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