Tagebuch eines Obdachlosen

Ethnofiktion
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Kurzbeschreibung des Verlags:


Marc Augé beschreibt in diesem fiktiven Tagebuch fünf Monate im Leben eines „modernen Obdachlosen“. Aufgrund der Zwänge moderner Arbeitsverhältnisse und steigender Mietpreise wächst in Großstädten eine Masse von neuen Heimatlosen heran, die sich, obwohl sie durchaus Geld haben, keine festen Wohnsitze mehr leisten können (oder wollen). Sie müssen mobil und flexibel sein, nehmen befristete Jobs für zu wenig Geld an und übernachten bei Freunden auf der Couch oder in ihrem Auto. Der Tagebuchschreiber bildet sich zwar ein, seine bisherige mentale Verfassung aufrechterhalten zu können, der Leser merkt aber schnell, dass mit dem Verlust der festen Behausung auch eine schleichende Erosion von Orientierung, Identität und sozialen Kompetenzen einhergeht.
Augé nennt die Form des Tagebuchs Ethnofiktion. „Candide oder Montesquieus Perser waren ethnofiktive Figuren, aber sie beobachteten die Welt, um sich darüber zu wundern. Die ethnofiktive Person, die sich heute selbst beobachtet, enthüllt dagegen den Wahnsinn der Welt.“

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FALTER-Rezension

Salami, Kondome und Desinfektionsspray

Arbeit: Ein Zimmermädchen packt aus, und ein Anthropologe sinniert über die Freiheit der Obdachlosen

Unmoralische Angebote, herumliegende Kondome und von oben bis unten mit Kot beschmierte Wände: Zimmermädchen haben es nicht leicht. Wie viele Angestellte im Dienstleistungssektor stehen auch sie in der Hierarchie innerhalb ihrer Branche ganz unten, müssen für Vorgesetzte und Kunden wahlweise als Sexobjekt oder als Blitzableiter herhalten und wagen es trotz allem nicht, sich zu beschweren – sie sind schließlich austauschbar.

"Total bedient. Ein Zimmermädchen erzählt" bietet tiefe Einblicke in die Hotellerieszene mit ihrer schlechten Bezahlung, ihren ausbeuterischen Arbeitsbedingungen und tyrannischen Chefs. Die Autorin Anna K. arbeitet seit zehn Jahren in Hotels, jetzt hat sie ihre lustigsten, schlimmsten und skurrilsten Erlebnisse niedergeschrieben, aber nicht nur die.
Viel Platz bekommen in dem Buch auch Anna K.s – durchaus nicht außergewöhnliche – Familiengeschichte und die Männerbeziehungen, die 20-Jährige nun einmal haben. Obwohl ihr gleich zwei Ghostwriter, einer davon Redakteur beim Zeit-Magazin, beim Abfassen des Buches geholfen haben, liest sich dieses über weite Strecken wie ein Teenagerroman ("Katja sah unglaublich gut aus, hatte langes dunkles Haar und grüne Augen. Sie sah viel besser aus als ich").
Die extreme Weinerlichkeit der Erzählerin tut dem Buch nicht unbedingt gut: Dass viele Gäste es wagen, morgens vor dem Verlassen des Hotels ihr Fenster geschlossen zu lassen, dass einige gar Salami auf Reisen mitnehmen, ist eine drei Seiten lange Abhandlung wert. Und sogar von der Sonne fühlt sich Anna K. unfair behandelt: "Sie scheint oft in Berlin, viel öfter, als einem lieb sein kann." Durch solche Tiraden rückt die berechtigte Kritik der Autorin an den schockierenden Zuständen in der Hotelbranche allzu oft in den Hintergrund.

Im Gegensatz zu Anna K., die aus eigener Erfahrung berichtet, könnte der Autor von "Tagebuch eines Obdachlosen" von der Lebenswelt eines solchen kaum weiter entfernt sein. Und Marc Augé – ein französischer Anthropologe, der vor allem mit seiner Theorie der "Nicht-Orte" bekannt wurde – tut auch gar nicht so, als hätte er eine Ahnung von der Welt eines Obdachlosen.
Der Titel, der einen vermuten lässt, man habe es auch hier mit einer Sozialreportage zu tun, führt also in die Irre. Eine "Ethnofiktion" sei sein Werk, sagt Augé und definiert diesen Begriff als "eine Erzählung, die eine soziale Tatsache aus der Perspektive einer einzelnen Person dar stellt", wobei man "diese fiktive Person vollständig und in allen Einzelheiten erfinden" müsse.
Aber nicht nur hat Augés namenloser Ich-Erzähler kein reales Vorbild, er ist auch kein Obdachloser im eigentlichen Sinn, eher ein Flaneur in der Tradition Baudelaires. Er muss zwar aus seiner 1400 Euro teuren Wohnung ausziehen, weil er sich nach der zweiten Scheidung die Miete nicht mehr leisten kann – doch "obdachlos" wird er nicht aus Geldnot. Statt in eine kleinere Wohnung umzuziehen, beschließt er fortan in seinem Mercedes zu übernachten. Sein Hab und Gut verkauft er bis auf zwei Anzüge, denn "es ist an der Zeit, dass ich auf äußere Zeichen von Respektabilität achte".

Der Erzähler erkundet Paris, er zieht durch Cafés, Bars und Restaurants und versucht, sein Viertel ganz neu kennenzulernen. Er beobachtet und sinniert: über den Eindruck, den er auf andere macht, über die Einsamkeit, über das Dazugehören und das Nichtdazugehören.
Und er genießt seine neugewonnene Freiheit. Die ist auch das eigentliche Thema des Buches: Wie viel Distanz, wie viel Freiheit, wie viel Abgeschiedenheit verträgt ein Mensch? Augés Protagonist versucht, alle Verbindungen zur Gesellschaft abzubrechen – und verliert dabei nach und nach den Halt.
Gelegentlich übernachtet Augés "Obdachloser" übrigens auch in Hotels – und für diese Nächte sollte er sich Anna K.s praktische Ratschläge zu Herzen nehmen: Bring als Hotelgast immer einen Desinfektionsspray mit. Verwende nie die zur Verfügung gestellten Gläser. Und falls du einmal ein Zimmermädchen verärgert hast, verstecke vor Verlassen des Zimmers lieber deine Zahnbürste.

Ruth Eisenreich in Falter 11/2012 vom 16.03.2012 (S. 39)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ReiheBeck'sche Reihe
ISBN 9783406630804
Erscheinungsdatum 09.02.2012
Umfang 103 Seiten
Genre Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Gesellschaft
Format Taschenbuch
Verlag C.H.Beck
Übersetzung Michael Bischoff
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