Erlöste und Verdammte
Eine Geschichte der Reformation

von Thomas Kaufmann

€ 27,80
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Verlag: C.H.Beck
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Geschichte/Neuzeit bis 1918
Umfang: 508 Seiten
Erscheinungsdatum: 18.08.2017


Rezension aus FALTER 1-2/2017

Teufelswerk und Gottesglaube

Die Geschichte der Reformation ist gut erforscht. Aus den Neuerschei-nungen des Jubiläumsjahres sticht eine großartige Luther-Bio hervor

Früher, da war die Welt klar geschieden, da das katholische Österreich, dort die Protestanten, die sich in kleinen Inseln gehalten haben. Schon bei den Kindern sorgten Spottverse wie „Martin Luther/ frisst Kas und Butter“ für Klarstellungen, wer das Fastengebot verletzt und pauschal Häme und Ablehnung verdient.
Mittlerweile hat sich das Verhältnis der beiden Kirchen entspannt, der katholische Kardinal und evangelische Bischof duzen einander, und angesichts des undogmatischen Weltzugangs des römischen Papstes fragt sich ein Teil der Katholiken und Protestanten, ob denn die Kirchenspaltung überhaupt notwendig gewesen sei.
Gerade im katholischen Österreich gibt es beim Wissen über Luther und die Reformation großen Nachholbedarf. Wer war Luther? Wie hat sich die Reformation entwickelt? Wann und mit welchen Folgen ist das Schisma unabwendbar gewesen?
2017 ist Reformationsjahr. Klar, dass da eine ganze Menge Literatur erscheint. Ob es große Neuigkeiten gibt, wird bei den Experten bezweifelt. Luther und seine Zeit sind relativ gut erforscht. 2017 ist dennoch ein willkommener Anlass, eine neue Sichtung des Materials einzuleiten, das Umfeld der Reformation und der Medienrevolution („Die Marke Luther“ des Schotten Andrew Pettegree) genauer zu studieren, einzelne Persönlichkeiten (Philipp Melanchton, Thomas Müntzer bei C.H. Beck, Gutenberg bei Propyläen) extra zu beleuchten.
Verlage nutzen die Gelegenheit, ältere Studien wieder aufzulegen; so ist die hervorragende Luther-Studie (erstmals 2012) des Berliner Historikers Heinz Schilling, die den Reformator in die Umbruchphase der Frühen Neuzeit einordnet, in einer aktualisierten Sonderausgabe bei C.H. Beck erschienen.
Auf zwei aus der großen Fülle der Neuerscheinungen sei besonders hingewiesen. Lyndal Roper, die australische, aus einer Pastorenfamilie stammende Historikerin, sucht in ihrem großen, respektlosen, zugleich sehr genau gearbeiteten Luther-Buch Sozialgeschichte, Theologiegeschichte und biografische Introspektion zu vereinen. Sie versucht Innen- und Außenwelten des 16. Jahrhunderts zu rekonstruieren, nachzuzeichnen, in welchem Umfeld sich die Reformation entwickelt.

Verblüfft registriert sie, wie eng – im Kon­trast zu seiner Bekanntheit und Popularität – Luthers Lebensradius war. Aus Thüringen, aus Erfurt, Wittenberg und Eisenach ist er kaum hinausgekommen. Luther war in jungen Jahren einmal kurz in Rom, hatte seinen großen Auftritt beim Reichstag in Worms, aber das war’s schon. Gutenbergs Druckrevolution sorgte dafür, dass Luthers Schriften von Thüringen weit in deutsche Lande und nach Europa ausstrahlten.
Zehn Jahre lang hat die Autorin in ostdeutschen Archiven gewühlt, hat das regionale und lokale Umfeld studiert, um uns in einer reich facettierten Annäherung Einblick nehmen zu lassen in eine uns heute fremde Zeit. Lyndal Roper muss bekennen, dass sie manches – wie Luthers so fundamentalistisch geführten Streit mit den Sakramentariern, etwa Ulrich Zwingli, über die Verwandlung von Brot und Wein – nicht ganz nachvollziehen kann.
Sie stellt sich über bekannte ideologische Bewertungen, konfrontiert den Revolutionär, der kühn und keck den Papst, den Klerus und die Ablass-Theologie herausforderte, mit dem Reaktionär, der die in seinem Namen aufständischen Bauern verbal niederprügelte und eifersüchtig und dogmatisch über seine Lehre wachte. Ihrem psychoanalytischen Ansatz entsprechend und in Fortsetzung der klassischen Psychohistorie von Erik Erikson („Der junge Mann Luther“) widmet sich Roper ausführlich den Ängsten, Phobien und Nachtgespinsten, den so heftig, deftig, derb geführten Konflikten.
Teufel bevölkerten Luthers Weltbild, setzten ihm mit höchster Intensität zu, stürzten ihn in Depressionen. Während sein Gott ihm so fern bleibt, ist ihm der Teufel so nahe. Auf Gegner und Andersgläubige, darunter immer wieder die Juden, ging ein wahrer Schimpfregen nieder.

Luther war ein Mann der Paradoxien, eng und weit zugleich, genial, größenwahnsinnig und kleinlich gegenüber Mitkombattanten, ein streitlustiger, umstürzlerischer Freigeist und zugleich ein zutiefst religiöser Mensch, der vom freien Willen der Humanisten nichts hielt und auf Gottes Gnade setzte; ein Frauenverächter und zugleich ein Prophet der Sexual- und Leibfreundlichkeit, der seinen Klosterkollegen auftrug, sich eine Frau zu suchen, und sich so nebstbei mit der Ausscheidung seiner Kinder beschäftigte. Roper, sattelfest in der Luther-Literatur, erzählt die Reformation auch als Körpergeschichte.
Von solch vitaler Buntheit weit entfernt, aber nicht minder lohnenswert ist die Lektüre der vergleichsweise kompakten Einführung „Erlöste und Verdammte“ von Thomas Kaufmann. Er spannt den zeitlichen Rahmen seiner „Geschichte der Reformation“ viel weiter, beschreibt in großen Zügen die Lebenswelt der Frühen Neuzeit. Der Autor handelt Luthers Leben und Werk als Initialzündung kurz ab, beschäftigt sich hauptsächlich mit der nach Luthers Tod sich beschleunigenden Wirkung der Reformation, die er als europäisches Ereignis begreift.
Der Göttinger Kirchenhistoriker und Luther-Biograf blickt auch auf Großbritannien, Skandinavien und die Niederlande, auf die Fortführung der reformatorischen Christentumsvarianten außerhalb Europas und arbeitet sich auch an Max Webers Thesen über die Entstehung des Kapitalismus aus dem Geist des Protestantismus ab. Kaufmanns Einschätzung: So eindeutig hielten es die Lutherkirchen nicht mit der Moderne und der Individualisierung, obwohl sie sicherlich viel zu deren Entwicklung beigetragen haben.

Alfred Pfoser in FALTER 1-2/2017 vom 13.01.2017 (S. 27)


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