Maria Theresia
Die Kaiserin in ihrer Zeit

von Barbara Stollberg-Rilinger

€ 35,00
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Verlag: C.H.Beck
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Geschichte/Biographien, Autobiographien
Umfang: 28 Seiten
Erscheinungsdatum: 05.02.2018


Rezension aus FALTER 19/2017

Folter und Fortschritt

Die Habsburger Erbin Maria Theresia wechselte ihr Geschlecht und brachte die Aufklärung in den Gottesstaat.

Die Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger, 61, lehrt an der Universität Münster. Für ihre exzellente Maria-Theresia-Biografie erhielt sie den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse. Eines der zentralen Themen ist Maria Theresia als Frau.

Falter: Frau Stollberg-Rilinger, was sagt uns das Bild "Der Krönungsritt Maria Theresias in Pressburg"?
Barbara Stollberg-Rilinger: Maria Theresia wird in Pressburg zum ungarischen König gekrönt, nicht zur Königin, wohlgemerkt. Sie führt dabei das Schwert zur Verteidigung der Christenheit und reitet auf den Krönungshügel hinauf. Das ist der Inbegriff der männlichen Rolle, die sie übernimmt.

Das war damals so einfach möglich?
Stollberg-Rilinger: Man konnte im Ancien Régime sehr genau zwischen politischer Rolle und biologischem Geschlecht differenzieren. Maria Theresia hat die Rolle eines männlichen Herrschers und Erben übernommen, ohne die Geschlechterordnung infrage zu stellen. Für sie war es selbstverständlich, dass sich die Frau dem Mann unterzuordnen hat. Sie war auch selbst bemüht, den Anschein zu erwecken, als würde sie sich in der Ehe Franz Stephan unterordnen, was definitiv nicht der Fall war.

Wäre 100 Jahre später eine Frau noch als Mann durchgegangen?
Stollberg-Rilinger: Nein, im 19. Jahrhundert wurde Geschlecht viel eher als biologisches Schicksal verstanden; man spielte nicht mehr wie zuvor mit den Rollen. Daher wurde Maria Theresia in Kategorien wie „Ausnahmefrau“ oder „Mutter Österreichs“ dargestellt. Die französische Autorin Elisabeth Badinter hat übrigens ein Buch geschrieben, in dem sie Maria Theresia als weibliches Identifikationsmodell für heute darstellt. Für eine Feministin wie Badinter finde ich es erstaunlich, dass sie Kategorien des 19. Jahrhundert verhaftet bleibt.

Am französischen Hof machten Frauen wie Madame de Pompadour politisch Karrieren, wenn auch als Mätressen des Königs. War die bürgerliche Herrschaft ein Rückschritt?
Stollberg-Rilinger: Aus Sicht einer weiblichen Emanzipationsgeschichte war das 19. Jahrhundert ganz klar ein Rückschritt. Im Ancien Régime haben nicht nur Mätressen, sondern auch Ehefrauen die Geschäfte übernommen, wenn ihre Männer nicht da waren. In dynastischen Verhältnissen war es normal, dass Frauen an der Herrschaft beteiligt werden. Die französischen Revolutionäre haben ein männliches ­Tugendideal vertreten, das politische Akteurinnen als Weiberherrschaft diskreditierte. Die Ablehnung des Dynastischen ist zugleich ein Affekt gegen die Frauen. In der neuen, konstitutionellen Staatlichkeit sollten Frauen nichts mehr zu sagen haben.

War das auch ein Streitpunkt zwischen Kaiser Joseph II. und seiner Mutter?
Stollberg-Rilinger: Es gibt eine Textstelle, die das belegt. Darin kritisiert Joseph II. den Regierungsstil Maria Theresias, der auf persönlicher Gunst beruhte, als typisch weiblich. Er selbst verkörpert das neue aufgeklärte Männlichkeitsideal, in dem Bürokratie und Rationalität siegen.

Haben Sie beim Schreiben an heutige Politikerinnen gedacht?
Stollberg-Rilinger: Nicht zwischen den Frauen selbst sehe ich Parallelen, sondern in der Art, wie öffentlich mit ihnen umgegangen wird. Maria Theresia wurde lange als „Reichshausfrau“ bezeichnet, Angela ­Merkel muss sich „Mutti“ nennen lassen, obwohl sie gar keine Kinder hat. ­Manchmal wird Merkel auch „­schwäbische Hausfrau“ genannt, obwohl das Unsinn ist. Solche Stereotype werden bis heute ­herausgeholt, wenn Frauen ­Machtpositionen übernehmen.

Matthias Dusini in FALTER 19/2017 vom 12.05.2017 (S. 26)



Rezension aus FALTER 11/2017

Das Denkmal und die Realität

Geschichte: Barbara Stollberg-Rilinger legt zum 300. Geburtstag eine nüchterne, umfassende Biografie von Maria Theresia vor

Zwischen Kunst- und Naturhistorischem Museum thront sie, umgeben von ihren Beratern und Feldherren, auf ihrem steinernen Denkmal. Im Wiener Rathaus ist sie im Mittelpunkt des Freskos im Gemeinderatssaal. In unzähligen Büchern wurde das Märchen von der wunderschönen Prinzessin und 16-fachen Mutter verbreitet, die eine herabgewirtschaftete Monarchie zuerst gegen den bösen Feind Friedrich den Großen verteidigen musste und sie schließlich zu einem modernen Staat ausbaute.
Noch bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts war ihre Reputation im Keller, aber in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist sie zum habsburgischen Mythos aufgebaut worden: Maria Theresia – die starke „Kaiserin“, die einzigartige Landesmutter, die große, weise Monarchin, die etwa die allgemeine Schulpflicht einführte und die Führung ihrer Geschäfte mit Akribie betrieb.
Dass sie neben dem Reich auch mit behütender Strenge auf ihre Kinder achtete, komplettierte die glorreiche Legende von der außergewöhnlichen Verbindung von Weiblichkeit und Herrschaft. Gerade von österreichischen Autoren wurde sie mit Hinweis auf ihre Milde und Großzügigkeit als die Verkörperung eines spezifisch österreichischen Menschentums abgefeiert.

Schon ist die erste Maria-Theresia-Ausstellung in der Österreichischen Nationalbibliothek eröffnet worden, weitere Ausstellungen in Wien und Niederösterreich werden folgen. Wer darüber hinaus sein Wissen vertiefen will, ist mit einer neuen, dickleibigen Biografie der Münchner Historikerin und Neuzeit-Spezialistin Barbara Stollberg-Rilinger gut beraten.
Sie setzt sich mit den verschiedenen Bildern, die von Maria Theresia in Umlauf sind, auseinander – und macht diese Diversität der Bilder gerade zur Methode, indem sie die unterschiedlichen Beschreibungen und Einschätzungen der Mit- und Nachwelt geschickt in Szene setzt.
Maria Theresia, die Vielgestaltige, deren einzelne Teile sich nicht recht zu einem Ganzen fügen wollen: In ihrem Herrschaftsverständnis war sie noch ganz Mittelalter, sah sich als Vollstreckerin eines göttlichen Auftrags. Auch in ihrer religiösen Intoleranz wirkte sie wie aus der Zeit gefallen: Sie bestand auf der brutalen Ausweisung der Juden aus Böhmen, verfolgte gnadenlos die Ausrottung des Geheimprotestantismus. Ihren exzessiven Hang zu Frömmigkeit und Keuschheit exekutierte sie mit Zensur und Kommissionen.
Gewiss, sie hat ihrem Reich mit ihrem zeittypischen Optimismus einen gewissen Modernitätsschub verpasst, hat das Militär reformiert, ein umfangreiches Kontrollprogramm (Volkszählung, Archivierungssystem) eingeführt, die Landstände zentralistisch entmachtet, um dem Staat mehr Steuermittel zukommen zu lassen. Gleichzeitig schwoll die Bürokratie an.
„Maria Theresia als Gründerin des modernen Staates zu feiern, heißt die Rationalitätsphantasien der Reformer mit der Wirklichkeit zu verwechseln“, warnt Stollberg-Rilinger deswegen.

Alfred Pfoser in FALTER 11/2017 vom 17.03.2017 (S. 39)



Rezension aus FALTER 10/2017

Ein Bezugspunkt in der Geschichte der Frauen

Élisabeth Badinter über Maria Theresia, Angela Merkel, Hillary Clinton und die Frage der weiblichen Macht

Élisabeth Badinter gehört zu den führenden französischen Feministinnen in der Nachfolge Simone de Beauvoirs. Zu ihren Themenschwerpunkten gehören Geschichte, Philosophie und Soziologie der Frau. Der Briefwechsel Maria Theresias mit ihrer Tochter Marie Antoinette war für Badinter Anlass, sich mit der Regentin des Hauses Habsburg auseinanderzusetzen. Ihre 2016 erschienene Studie liegt nun in deutscher Übersetzung, „Maria Theresia. Die Macht der Frau“, vor.
Ihrem universalistischen Ansatz folgend, geht Badinter von der grundsätzlichen Gleichheit der Geschlechter aus. Umso spannender ist es, dass sie hier nach den Spezifika weiblicher Macht fragt. Badinter legt keine „Herrscherinnenbiografie der üblichen Form“ vor, sondern versucht zu begreifen, wie Maria Theresia ihre unterschiedlichen Rollen miteinander in Einklang bringen konnte, und lotet dabei Stärken und Schwächen, Siege und Niederlagen aus.
Errungenschaften Maria Theresias wie die Einführung der allgemeinen Schulpflicht, die Aufhebung der Leibeigenschaft, die Abschaffung der Folter und die Verwaltungsreformen als auch die Schattenseiten ihrer Herrschaft wie die religiöse Intoleranz und Judenverfolgung bleiben ausgespart, auch die Beziehung zu ihren Töchtern, die sie für machtpolitische Zwecke instrumentalisierte, wird nicht thematisiert.
Badinter legt den Fokus auf die Kriege, die die Regentin führte. Doch stutzt sie Maria Theresia nicht zu einer Feministin avant la lettre zurecht. Das macht ihr Buch nicht nur spannend, sondern auch aktuell.
Maria Theresia hatte die Macht geerbt und nicht, wie heutige Politikerinnen, erkämpfen müssen. Doch war sie mit ähnlichen Problemen konfrontiert, etwa damit, dass weibliche Macht immer mit dem Körper zu tun hat. Diesem Umstand hat Maria Theresia souverän Rechnung getragen (siehe Porträt S. 6).
Was lässt sich aus ihrer Biografie für heutige Politikerinnen lernen? Wie haben sich die Anforderungen, Ehe, Familie und Karriere unter einen Hut bringen zu müssen, verändert? Und gibt es so etwas wie weibliche Macht überhaupt?
Darüber sprach der Falter mit der französischen Philosophin.

Falter: Madame Badinter, Sie schreiben, dass die Verschränkung von Privatem und Öffentlichem, wie sie bei Maria Theresia erstmals zutage trat, ein Spezifikum jeder weiblichen Macht sein könnte. Was meinen Sie damit?
Élisabeth Badinter: Maria Theresia ist die einzige absolute Herrscherin, die mit der Notwendigkeit konfrontiert war, mit einem dreifachen Status umzugehen: liebende Ehefrau, die auf das Image ihres Mannes achtet, Mutter von 16 Kindern, deren Haupt­erzieherin sie war, und über 40 Jahre Landesmutter und Herrscherin eines riesiges Imperiums. Sie musste beinahe gleichzeitig einer beängstigenden Niederkunft und katastrophalen militärischen Niederlagen die Stirn bieten. Auch heute müssen Frauen, die Karriere machen, Ehefrauen und Mütter sind, mit diesem dreifachen Status, den Männer nicht kennen, jonglieren.

Was bedeutet diese Verschränkung von Privatem und Öffentlichem im Medienzeitalter und für heutige Politikerinnen?
Badinter: Politikerinnen in Demokratien erben die Macht nicht mehr von ihrem Vater. Sie müssen sie erobern, müssen kämpfen, um sie zu erlangen. Manche, wie die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, schaffen es, ihr privates Leben als Mutter mit der Ausübung von Macht zu vereinen. Aber viele gelangen erst an die Macht, wenn ihre Kinder schon groß sind. Das tägliche Managen des Privatlebens fällt dann viel weniger ins Gewicht.

Macht es heute noch einen Unterschied, ob eine mächtige Frau Kinder hat oder nicht? Hillary Clinton ist Mutter, Angela Merkel nicht ...
Badinter: Heutzutage haben mächtige Frauen generell wenige oder gar keine Kinder. Die Macht ist das Ergebnis einer langen Karriere. Theresa May und Angela Merkel haben keine Kinder. Hillary Clinton hat nur eine Tochter, die heute erwachsen ist. Da ist es natürlich viel leichter, Karriere zu machen, als wenn man Mutter von 16 Kindern ist.

Maria Theresia konnte zuhören, hatte für die Meinung anderer ein offenes Ohr, auch wenn sie dann selbst entschied. Dasselbe wird auch Angela Merkel nachgesagt. Regiert Angela Merkel weiblich? Und führt Marine Le Pen anders als ihr Vater?
Badinter: Ich glaube nicht, dass es eine typisch weiblichen Eigenschaft ist, sich die Meinung anderer anzuhören, bevor eine Entscheidung getroffen wird, und auch nicht, dass der Autoritarismus eine rein männliche Sache ist. Jedes menschliche Wesen ist eine sehr persönliche Mischung aus weiblichen und männlichen Anteilen.

Können Frauen beim Regieren auch Vorteile haben, wenn es ihnen wie Maria Theresia gelingt, zwischen „weiblichem“ und „männlichem“ Stil zu wechseln?
Badinter: Heute sind Frauen, die politische oder ökonomische Macht anstreben, gezwungen, eine gewisse geschlechtlich neutrale Haltung einzunehmen, um ernst genommen und respektiert zu werden. Gefühle zu zeigen, wie Maria Theresia vor den Ungarn, oder sich verführerisch zu geben hätte die schlimmsten Folgen, denn das jahrtausendealte männliche Modell der Macht hat die Gemüter imprägniert. Trotzdem zeigte sich jeder gerührt über die Tränen Barack Obamas, der damit seine feminine Seite zeigte. Deswegen glaube ich, dass das Frauen auch bald erlaubt sein wird.

Hillary Clinton wurde ja – von Kommentatoren unterschiedlicher politischer Couleur – vor allem vorgeworfen, nicht warmherzig und emotional genug zu sein. Befinden sich Politikerinnen da in einem Dilemma? Sie versuchen, seriös zu wirken und sich durchzusetzen – und werden gerade deswegen nicht geliebt?
Badinter: Ich glaube nicht, dass es da ein Dilemma gibt. Betrachten Sie Angela Merkel, die Mutti genannt wird. Sie ist die am meisten respektierte Politikerin Europas.

Ist Hillary Clinton bei der amerikanischen Präsidentschaftswahl an ihrer Politik gescheitert oder an ihrem Geschlecht?
Badinter: Ich glaube nicht, dass Hillary Clinton am Machismus gescheitert ist. Sie wurde einhellig als die kompetenteste und erfahrenste aller Kandidaten anerkannt und ihr Kontrahent als der am wenigsten kompetente von allen. Ich glaube, dass sie aus politischen und aus persönlichen Gründen verloren hat: wegen des Wunsches eines Teils der Amerikaner, mit dem „Establishment“ Schluss zu machen, sei es zu Recht oder zu Unrecht, weil es sich nicht genug um die Ärmsten und Schwächsten kümmerte. Außerdem sahen die Clintons, nach den Bushs, ein bisschen zu sehr nach einem Monopol der Macht im Club der mächtigen und reichen Familien aus.

Aber warum haben dann die Wähler ein anderes Mitglied einer reichen Familie gewählt, Donald Trump?
Badinter: Weil er zu einem Teil der Amerikaner gesprochen hat, den die Demokraten vernachlässigt haben.

Bedeutet die Wahl von Donald Trump einen Backlash, statt einer kompetenten Frau wurde ein haltloser, emotionaler Mann gewählt, dessen Frau sich von der Politik fernhält? Fürchten oder sehen Sie, dass das auch auf Europa abfärbt?
Badinter: Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung. Aber es scheint mir, als ob die europäischen Populisten, vor denen wir uns fürchten, ein bisschen mehr politische Subtilität beweisen, wie etwa Marine Le Pen. Das macht sie umso gefährlicher.

Ihre Vorstellungen darüber, was weiblich und männlich bedeutet, beeinflussen die Wähler von Politikerinnen und Politikern. Aber gibt es überhaupt so etwas wie „weibliche“ und „männliche“ Macht?
Badinter: Die Ausübung von Macht hat kein Geschlecht, was hingegen geschlechtlich differenziert ist, ist die Situation der Frauen, die sich von der der Männer deutlich unterscheidet.

Können heutige Politikerinnen etwas von Maria Theresia lernen? Oder sind die beiden Situationen nicht mehr vergleichbar?
Badinter: Man kann die Situation Maria Theresias nicht mit jener von Frauen vergleichen, die heute versuchen, die Macht zu erobern. Aber man kann feststellen, dass sie die Erste war, die, 250 Jahre vor uns, mit der Notwendigkeit konfrontiert war, den dreifachen Status von Ehefrau, Mutter und „Berufstätige“ in Einklang zu bringen, was nicht ohne Schwierigkeiten und Spannungen abgeht. In diesem Sinne ist Maria Theresia ein wertvoller Bezugspunkt in der Geschichte der Frauen.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 10/2017 vom 10.03.2017 (S. 9)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Die Kaiserin. Maria Theresia (Thomas Lau)
Maria Theresias Kinder (Hanne Egghardt)
Maria Theresia (Katrin Unterreiner)
Maria Theresia (Élisabeth Badinter, Horst Brühmann, Petra Willim)
Mutterzwist im Hause Habsburg (Lilo Tissen)

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