Die Farbe Rot

Ursprünge und Geschichte des Kommunismus
€ 39.1
Lieferung in 2-5 Werktagen
-
+
Kurzbeschreibung des Verlags:


"Du schließt die Augen und schaust in die Sonne, und durch deine Lider hindurch siehst du die Farbe deines Blutes – ein Karminrot. Dies ist die Farbe deiner leiblichen Existenz. Grün ist die Farbe der äußeren Vegetation. Gelb ist die Farbe der Sonne. Blau ist der Himmel über dir."

Mit diesen Sätzen beginnt Gerd Koenen seine epische Geschichte des Kommunismus, die von der alten in die moderne Welt und bis heute reicht. In seiner meisterhaften Darstellung holt er den Kommunismus aus dem Reich der reinen «Ideen» auf den Boden der wirklichen menschlichen Geschichte zurück. Er macht auf neue Weise plausibel, warum Marxismus, Sozialismus und Kommunismus eine naheliegende Antwort auf die vom modernen Kapitalismus erzeugten Umwälzungen waren – aber ebenso, wie und weshalb der «Kommunismus» als politisches System in Russland wie in China und anderswo in Terror und Paranoia endete.
Gerd Koenen schildert in seinem großen Buch die Geschichte des Kommunismus als untrennbaren Teil der Entwicklung menschlicher Gesellschaften. Weit entfernt, nur eine exzentrische Idee des 19. Jahrhunderts zu sein, hat der Kommunismus tiefe Wurzeln in den religiösen Erzählungen, philosophischen Lehren, gelebten Sozialformen oder literarischen Utopien, gerade auch Europas. Marx war der erste, der im Moment des Durchbruchs eines industriellen Kapitalismus die darin schlummernden neuen Möglichkeiten einer gesellschaftlichen Höherentwicklung und zugleich einer maßlosen menschlichen Degradation zusammengedacht hat. Das im "Kommunistischen Manifest" formulierte Postulat einer "Assoziation, worin die freie Entwicklung eines Jeden die Bedingung der freien Entfaltung Aller" wäre, beschreibt bis heute gültig, wie weit wir von einer menschenwürdigen Gesellschaft entfernt sind. In der Katastrophe des Ersten Weltkriegs trennten sich die Wege eines emanzipativen, aber geschwächten westlichen Sozialismus und eines vom Führer der russischen Bolschewiki, Lenin, ideologisch und praktisch völlig neu formatierten, machtvoll agierenden "Kommunismus" des 20. Jahrhunderts. Gerd Koenen analysiert als Erzähler mit großem Atem die Stationen dieser gewaltigen Geschichte, in der Humanismus und Terror, Kunst und Propaganda, Aufbau und Abbruch, Sieg und Niederlage so nahe beieinander gelegen haben wie nirgends sonst. Und die Metamorphosen seit 1989, allen voran Chinas, stellen viele Fragen noch einmal ganz neu.

weiterlesen
FALTER-Rezension

„Es war keine Revolution“

Vor 100 Jahren fand in Russland die Oktober­revolution statt. Der Historiker Gerd Koenen erklärt deren fatale Folgen und die Faszination von Lenin

Kaum ein Ereignis hat die Welt so verändert wie die sogenannte Oktoberrevolution, die nach dem julianischen Kalender am 25. Oktober, nach dem heute gebräuchlichen gregorianischen Kalender am 7. November 1917 im russischen Petrograd stattfand. Die vom kommunistischen Politiker Wladimir Iljitsch Lenin ausgerufene Diktatur des Proletariats galt als Alternative zum Kapitalismus und hatte Anhänger in aller Welt. Dass der von Lenin und später auch Stalin beschworenen Oktoberrevolution Jahrzehnte der Verfolgung und des Massenmords folgten, nahm die Linke im Westen erst viel später zur Kenntnis.
Gerd Koenen hat selbst eine Vergangenheit als maoistischer Aktivist. Bekannt wurde er durch „Das rote Jahrzehnt“, eine Darstellung der linksradikalen Bewegung vom Juni 1967 bis zu den Attentaten der Roten Armee Fraktion (RAF). In seinem neuen Buch „Die Farbe Rot“ gräbt er tiefer. Von der Oktoberrevolution ausgehend erzählt er eine Geschichte der Aufstände gegen Herrschaft, von den Sklavenaufständen der Antike bis zur sozialistischen Bewegung im Gefolge von Karl Marx. Koenens Werk ist ein großer Wurf, anschaulich im Detail, thesenstark, brillant im Stil und frei von Romantik.
Der Historiker beantwortete die Interviewfragen schriftlich. Zu oft, berichtet Koenen, habe er sich in den Transkriptionen der Journalisten nicht wiedererkannt.
Falter: Herr Koenen, vor 100 Jahren fand die bolschewistische Oktoberrevolution statt. Was sagt uns dieses Ereignis heute?
Gerd Koenen: Es war ein tiefer Einschnitt in der Geschichte des 20. Jahrhunderts, allerdings ein hoch problematischer, wenn nicht sogar ein katastrophaler. Wenn man das Befreiungspathos eines leuchtenden roten Oktobers wie eine mehrfach übermalte Farbschicht ablaugt, kommt ein ziemlich düsteres Bild zum Vorschein.

Was meinen Sie damit im Einzelnen?
Koenen: Die Machteroberung der Bolschewiki hat den Ersten Weltkrieg ja nicht etwa beendet, sondern ihn durch den Brester Separatfrieden mit Deutschland und Österreich in eine mörderische letzte Runde getrieben. Sie hat parallel dazu einen chaotischen, allseitigen Bürgerkrieg entfesselt, dessen Verluste an Menschen und produktiven Potenzialen am Ende noch verheerender waren als der Weltkrieg. Im Zuge dessen haben die Bolschewiki das anachronistische Vielvölkerreich, das sich 1917 schon genauso wie 1991 in Einzelrepubliken zerlegt hatte, in einer Kette von blutigen Kriegszügen wieder aufgerichtet und daraus eine Weltmacht neuen Typs, die UdSSR, geformt.

In der Linken galt die UdSSR immer als Bollwerk gegen den Faschismus. Wie würden Sie das einschätzen?
Koenen: Nicht so positiv. Durch die Gründung einer Moskauer Internationale im Jahr 1919 haben die Bolschewiki eine fundamentale Spaltung der sozialistischen Parteien aller Länder aktiv betrieben. Dadurch haben sie den Aufstieg der faschistischen Bewegungen – angefangen mit Mussolini in Italien 1922 – entscheidend begünstigt. Statt den Zusammenhalt der Arbeiterbewegung zu fördern, haben sie den sterilen Revisionismus der besiegten Nationen, vor allem Deutschlands, gegen die Versailler Weltordnung, wie die Folgen der Friedensverträge von Versailles auch genannt wurden, gefördert. So hat Lenin mit verhindert, dass sich die 1914 zerrissenen, internationalen Wirtschaftsbeziehungen regenerieren konnten. Und auch was den legitimen Kampf gegen Imperialismus und Kolonialismus angeht, könnte man sich streiten, ob der positive Beitrag der Kommunisten ihre spalterischen und sektiererischen Einflüsse überwogen hat.

Was hat Ihre Generation an der Oktoberrevolution fasziniert?
Koenen: Wir waren die erste Nachkriegsgeneration, und wer aus dem Schatten der deutschen Unheilsgeschichte heraustreten wollte, kam leicht dazu, eine Antwort auf der äußersten historischen Gegenposition zu suchen. Diese Gegenposition war 1968 allerdings schon weniger durch die müden alten Männer auf der Tribüne des Roten Platzes oder der sonstigen Aufmarschplätze in Osteuropa markiert, sondern eher durch die heroischen Vorkämpfer einer Dritten Welt wie Hô Chí Minh oder Fidel Castro. Und dann war da noch das China Maos und seine scheinbar antiautoritäre Kulturrevolution. So kam man auf allerhand Holzwege, bis die realen Oppositionsbewegungen im realen Sozialismus, wie vor allem die Solidarność in Polen, sich wegen ihrer proletarischen Prägung und Originalität als spannender herausstellten. Damit war man dann wieder nach einem langen roten Jahrzehnt auf dem Boden der wirklichen Geschichte angelangt.

Zurück zum Herbst 1917. Ist die Bezeichnung Revolution für die Ereignisse im Herbst 1917 überhaupt zutreffend?
Koenen: Es war keine Revolution im pathetischen Sinne des Wortes, nicht einmal ein bewaffneter Aufstand. In Petrograd genügten circa 6000 Bewaffnete, Soldaten der Garnison und rote Arbeitergarden, die auf das Kommando eines revolutionären Militärkomitees hörten und wegen einer angeblich drohenden Konterrevolution die Schlüsselpunkte der Hauptstadt besetzten.

War das nicht eine Maßnahme gegen einen drohenden Militärputsch von rechts?
Koenen: Tatsächlich gab es dafür weder ernsthafte Pläne noch konnte die demokratische Regierung eine wirksame Gegenwehr organisieren. Der berühmte Sturm auf den Winterpalast brauchte gar nicht stattzufinden; die Bilder davon stammen alle aus theatralischen Reinszenierungen.

Aber die Bolschewiki hatten eine starke Basis in den Arbeiter- und Soldatenräten.
Koenen: Das stimmt, aber darauf vertrauten sie gerade nicht. So bestand Lenin mit Hilfe Trotzkis darauf, dass die Bolschewiki auf eigene Faust und unter falscher Flagge dem gerade zusammentretenden Allrussischen Rätekongress durch ihren Machtstreich zuvorkommen müssten, um ihm die Bedingungen zu diktieren und ihn zu spalten. Während sie ihn pro forma zum höchsten Organ einer legitimen Macht erhoben, entmachteten sie ihn zugleich schon. Von dieser Position aus konnten sie die verfassungsgebende Versammlung, die im November 1917 noch demokratisch gewählt worden war, auseinanderjagen und ihre eigene Diktatur errichten. So haben sie sehenden Auges den Bürgerkrieg entfesselt, der ihre eigentliche Revolution war. Viele Sozialisten sahen in dieser Revolution aber Züge einer Konterrevolution von links.

Der Zar war ja bereits Anfang 1917 gestürzt worden. Hätte eine demokratische Regierungsform eine Chance gehabt, das Land weiterzubringen?
Koenen: Es gab ja seit April 1917 eine demokratisch legitimierte Regierung, die sich auch auf eine breite, linke Sowjetmehrheit stützen konnte. Das Bild einer Doppelherrschaft ist eine leninistische Verzerrung. Tatsächlich hat die aus den allgemeinen Wahlen im November hervorgegangene linke Mehrheit in der verfassungsgebenden Versammlung, bevor sie im Januar 1918 auseinandergejagt wurde, die Grundzüge einer neuen Konstitution mit vielen Räteelementen und sozialen Komponenten ausgearbeitet.

Das heißt, die Räte (Sowjets) waren gar keine Erfindung der Bolschewiki?
Koenen: Nein. Die Sowjets knüpften an die überall gebildeten Betriebskomitees und die traditionellen Dorfräte an und hatten ganz praktische Aufgaben und Funktionen. Die Bolschewiki hätten in einem neuen Parlament und einer Regierung wie in den Räten eine starke, aber minoritäre Stellung gehabt. Genau das wollte Lenin aber auf keinen Fall – und hat sich damit immer wieder, sogar gegen die Mehrheit im Führungszirkel seiner eigenen Partei, durchgesetzt.

War die Errichtung einer bolschewistischen Diktatur also vor allem Lenins Werk?
Koenen: Lenin war der Gründer und historische Führer dieser Partei, die ohne seine charismatische Figur sofort zerfallen wäre. Dabei war er als Revolutionär in seinem ewigen Advokatenanzug eine seltsame, fast mysteriöse Figur – völlig vergraben in die papierene Welt seiner Bücher und Zeitungen und eher im Hintergrund als auf der offenen Bühne wirkend. Als Redner konnte er eine polemische Überzeugungskraft entwickeln, die ihm jedoch nur im eigenen, engeren Machtkern ein Charisma verlieh. Die Masse der Arbeiter, der Hauptstädter, der Soldaten, der Bauern und Provinzler hat ihn nie zu Gesicht bekommen, und er hat auch so gut wie nie zu ihnen gesprochen. Er kannte sein eigenes Land kaum.

Wie verlief sein Aufstieg vom Aktivisten, der lange Zeit im Exil lebte, zum totalen Herrscher?
Koenen: Das Erfolgsgeheimnis seiner scheinbar abenteuerlichen Strategie des Bürgerkriegs war eine Politik, die man als eine Art soziale Kernspaltung bezeichnen könnte. Dazu gehörte einerseits die bewusste, anarchische Entfesselung der sozialen Elementargewalten, also des Landhungers der Bauern oder der Auflehnung der Soldaten gegen die Armeedisziplin. Er mobilisierte alles, was die bestehende, vom Krieg erschütterte Ordnung in einen völligen Zusammenbruch treiben musste.

Welche neue Ordnung setzte er diesem Chaos entgegen?
Koenen: Die Gegenseite dessen war die zielstrebige Formierung eines neuen Machtordens aus aktivistischen Elementen jeglicher Herkunft und Klasse, aus Arbeiter- und Bauernsöhnen ebenso wie aus Aristokraten- oder Bürgersöhnen, aus Feldwebeln und Karriereoffizieren der alten Armee, aus jüdischen Flüchtlingen vor den Pogromen, aus emanzipationshungrigen Gymnasiastinnen und Büromädchen, aus Künstlern und Literaten, die auf der Tabula rasa der alten, bourgeoisen Kultur ihre neuen Projekte entwickeln wollten. Alles das war gerade erst im Bürgerkrieg und durch den Bürgerkrieg möglich, der als ein großer Kehraus einer verhassten alten Welt gefeiert wurde.

Warum war Lenins Politik inmitten von Hunger und Zerstörung so attraktiv?
Koenen: Die Vernichtung der früheren adeligen, bürokratischen oder professionellen Eliten schuf einen unendlichen Entfaltungsraum für jugendliche neue Macht- und Bildungseliten. Wer gestern nichts war, konnte morgen buchstäblich alles sein. Was dabei Zynismus und Karrierismus, was Utopismus und echte Gläubigkeit war, blieb vielfach ununterscheidbar. Nicht zu vergessen die patriotischen Motive einer Verteidigung des großen Russlands gegen eine Welt imperialistischer Feinde, wie sie ganz ausdrücklich schon beim Feldzug gegen Polen 1920 mobilisiert wurden – und das alles vor dem Hintergrund der Apokalypse des Weltkriegs.

Heute wird das vorrevolutionäre zaristische Russland oft verklärt. War die Diktatur der Bolschewiki ein Rückschritt?
Koenen: Das zaristische Russland war schon längst keine reine Autokratie mehr. Die Erhebungen des Jahres 1905 waren zusammen mit denen des Frühjahrs 1917 übrigens die beiden größten dem klassischen Bild einer Revolution entsprechenden weltgeschichtlichen Ereignisse. Hungerdemonstrationen der Frauen und ein spontaner Generalstreik der Industriebelegschaften flossen mit Meutereien der Soldaten und Matrosen zusammen. Dazu kamen wilde Landnahmen der Bauern und Angriffe auf Gerichte und Amtssitze. Der Zar und seine Regierungen mussten sich seit 1905 auf eine Duma mit breiten oppositionellen Mehrheiten stützen. Und die von liberalen Bürgern und Adeligen geführten städtischen und ländlichen Selbstverwaltungen hatten, gerade auch im Krieg, eine Vielzahl öffentlicher Funktionen übernommen.

Die Gesamtsituation war vor 1917 also gar nicht so schlecht?
Koenen: Russland war längst schon ein Reich mit urbaner Lebenskultur, einer modernen und hochkonzentrierten Industrie und einem immer selbstbewussteren ­Bürgertum. Die Parteien hatten sich organisiert und konnten sich auf eine Fülle von Publikationsorganen stützen. Und überhaupt war Russland das Zentrum einer nach außen hin ausstrahlenden, teils traditionellen und teils avantgardistischen Kultur geworden. Die Bolschewiki haben manches von diesen sozialen und geistigen Energien anfangs auf ihre Mühlen lenken können, ihnen sogar einige neue Spielräume eröffnet, die aber dann immer enger wurden. Alles in allem hat das Land unter dem Regime der Bolschewiki eher einen ­zivilisationsgeschichtlichen Rückschlag erlitten als einen Schritt nach vorn gemacht.

Man hat zwischen einer guten
frühen Phase unter Lenin und einer diktatorischen unter Stalin unterschieden. Was war gut am Leninismus?
Koenen: Lenin war der Begründer eines neuartigen Regimes, das Anspruch auf die Gestaltung aller politischen, sozialen, kulturellen Lebensäußerungen seiner Bürger erhob und insofern totalitär war, ohne diesen Anspruch allerdings einlösen zu können. Das konnte erst Stalin, und das auch erst nach der Kollektivierung, die fast eine zweite Inbesitznahme des Landes durch die Partei war. In der Lenin-Zeit gab es noch eine Marge halbwegs offener Diskussionen und künstlerischer Experimente. Damit war in den 1930er-Jahren Schluss – was nicht heißt, dass nicht auch in der Stalin-Ära noch einiges an großer Kunst und Kultur produziert worden ist. Aber seltsam oder nicht, gerade der totalitäre Anspruch der Macht hat auch tiefe Bindungen erzeugt, erst recht dann nach der Erfahrung des Großen Vaterländischen Krieges gegen den nationalsozialistischen Vernichtungskrieg.

Welches historische Ereignis in der Geschichte des Sozialismus hätte denn eine ehrende Erinnerung mehr verdient als die Oktoberrevolution?
Koenen: Etwa die Pariser Commune 1871. Sie war zwar ein Verzweiflungsunternehmen, aber wurde eher von einem noblen sozialen und demokratischen Selbstbewusstsein getrieben als von finsterem Sozialhass. Nennen könnte man auch die Gründung einer Internationale sozialistischer Parteien 1889 in Paris, ohne deren Wirken es das moderne Europa und die moderne Welt vielleicht nicht gegeben hätte – ein Urteil, an dem auch das Versagen dieser Parteien bei Kriegsausbruch 1914 und ihr späteres Versinken in biederem Reformismus nichts ändert.

Haben Sie auch ein aktuelleres Beispiel?
Koenen: Die Politik der Versöhnung und der Wahrheitskommissionen, die der ANC (African National Congress) Nelson Mandelas nach dem Ende des Apart­heidregimes mit Zustimmung der Kommunistischen Partei Südafrikas verfolgt hat. Oder auch Gorbatschows Perestroika, die, illusorisch wie sie war, noch einmal von einem emanzipativen Impuls lebte – und ihren Erfinder zu einem der großen Helden des Rückzugs gemacht hat. Aber den 150. Geburtstag von Marx kann man im kommenden Jahr ruhig auch feiern, weil wir ohne seine Schriften unsere Welt und Geschichte jedenfalls sehr viel schlechter verstünden.

Matthias Dusini in Falter 43/2017 vom 27.10.2017 (S. 34)


Das monochrome Rot der totalen Herrschaft

100 Jahre Russische Revolution: Gerd Koenen zeigt den Kommunismus als Utopie, die den Weltenbrand in Kauf nahm

Die Geschichte des modernen Kommunismus könnte man im Oktober 1903 beginnen lassen, als ein Radfahrer in Genf in eine der neuen elektrischen Straßenbahnen fuhr. Der Bruchpilot war der damals 33-jährige Wladimir Iljitsch Uljanow, Kampfname Lenin, der sich auf dem Weg zu einer Konferenz der Auslandsliga der russischen Sozialdemokratie befand. Mit bandagiertem Kopf erschien er dann doch noch zu dem Treffen, zu dem er unterwegs gewesen war und das ohne ihn begonnen hatte. Was wäre gewesen, wenn der Zusammenstoß mit etwas mehr Wucht passiert wäre?
Gerd Koenens monumentale, ebenso thesenstarke wie stilsichere Geschichte des Kommunismus enthält viele Paradoxa. Einer der von dem Historiker herausgearbeiteten Widersprüche besteht darin, dass eine Bewegung, die sich die Abschaffung des bürgerlichen Individuums auf ihre Fahnen geheftet hatte, mit Lenin einen manischen Einzelkämpfer zum Anführer bekam.

Ein leiser Staatsstreich
Mit der Ausdauer eines Boxers warf sich der zeitweilig im Schweizer Exil lebende Aktivist in die Kämpfe zwischen den Fraktionen, in der Lenins Bolschewiki zunächst nur eine kleine Gruppe darstellen. Lenins fast schon pathologischer Mangel an Empathie befähigte ihn dazu, das Machtvakuum nach dem Sturz des Zaren mit Terror zu besetzen.
Als im Oktober (nach heutigem Kalender November) 1917 kleine Truppeneinheiten die Nervenzentren Petrograds (heute Sankt Petersburg) besetzten, war den Bewohnern der Metropole gar nicht richtig bewusst, was da vor sich ging. Von der stalinistischen Propaganda zur Großen Proletarischen Oktoberrevolution verklärt, war dieses Ereignis ein leiser Staatsstreich, ein Lüfterl freilich, das einen Orkan auslöste. „Die bolschewistische Machteroberung, ,Oktoberrevolution‘ genannt, ist in ihren historischen Folgen kaum zu überzeichnen“, schreibt Koenen. Ohne Lenin keine Machtübernahme und ohne Oktoberrevolution keine Sowjetunion.
Bekannt wurde Koenen durch die Studie „Das rote Jahrzehnt“ (2001), eine Darstellung der linksradikalen Bewegung vom Mai 1968 bis zu den Attentaten der Roten Armee Fraktion (RAF). Koenen, Jahrgang 1944, der den Kommunismus in der Bundesrepublik als zynisches Experiment sezierte, in dem abstrakte Ideen in gewalttätige Aktionen übergingen, hatte selbst eine Vergangenheit als maoistischer Aktivist.

Tabula rasa und Gerechtigkeit
„Die Farbe Rot“ lässt sich nun als Versuch verstehen, die mörderischen Reduktionen Lenins, Stalins und Maos in eine weit zurückreichende Geschichte der Disruption einzubetten. Das Bestehende auszulöschen und auf einer Tabula rasa eine gerechte Gesellschaft zu errichten ist eine Denkfigur, die sich in der mythischen Dialektik von Apokalypse und Paradies verankern lässt. Die Farbe Rot symbolisiert eine Mischung aus kollektiver Wärme und blutrünstiger Grausamkeit, die es zur Vollendung des „Sprungs nach vorne“ (Mao) in Kauf zu nehmen galt.
An den anthropologischen Entwürfen von Sigmund Freud und Charles Darwin geschult, holt Koenen weit aus und stellt die Frage nach der Wurzel solidarischen, kommunitären Verhaltens. Der Antagonismus von Kooperation und Wettbewerb lässt sich bis in die Steinzeit zurückverfolgen.
In einzelnen Kapiteln vermisst Koenen die historischen Dimensionen des Themas. Die religiösen Bewegungen der Millenniaristen folgten im 12. Jahrhundert den Weissagungen von Propheten und erprobten radikale Lebensformen außerhalb der Kirche. Der Frühsozialismus eines Henri de Saint-Simon wollte die „Ausbeutung des Menschen durch den Menschen“ beenden, um 1840 tauchte der Begriff des Kommunismus auf und verbreitete sich schnell auf dem ganzen Kontinent.
Vor dem Hintergrund einer sich rasch entwickelnden Industrialisierung trat der inhaltliche Kern dieses Schlagworts hervor. Der Kommunismus sah im kapitalistischen Privateigentum die Quelle des neuartigen Massenelends und das zentrale Hindernis für wirkliche Volkssouveränität. Die von sozialdemokratischen Kompromissen weichgespülte Vorstellung von Gemeinwohl ließ diesen entscheidenden Punkt in Vergessenheit geraten: Ohne Abschaffung des Privat-
eigentums würde es keine Gerechtigkeit geben.

Warum Russland?
Einen umfangreichen Abschnitt widmet Koenen der sozialistischen Gründerzeit, etwa der „Partei Marx“, die 1852 im Kölner Kommunistenprozess auf der Anklagebank saß. Aus einem unglaublichen Lese- und Schreibpensum heraus analysierte Karl Marx den Kapitalismus als alle Lebensbereiche durchdringende, von Krisen begleitete Umwälzung.
Koenen zeichnet den unglaublichen Erfolg der Figur Marx nach, zu dessen Begräbnis im Jahr 1883 lediglich ein Dutzend Personen erschienen waren. Dass er dennoch zum Popstar wurde, ist auch deshalb erstaunlich, weil Marx lediglich einen riesigen Berg von Textfragmenten, aber kein eigentliches Hauptwerk hinterließ. Der zweite und dritte Band seines Hauptwerks „Das Kapital“ blieben unvollendet. Sein Wegbegleiter Friedrich Engels war es schließlich, der aus Marx’ Erbe durch eine Reihe gut lesbarer Schriften den Marxismus machte.
„Warum Russland?“ heißt das zentrale Kapitel des Buches und hier entfaltet der Autor sein ganzes Können, wechselt von anekdotischer Nahsicht zu kulturpolitischem Panorama. Der Blick schweift von den ländlichen Gebieten, in denen Hunger und Leib-
eigenschaft herrschen, zu den zaristischen Salons, wo junge Aristokraten vom Umsturz träumen. Im März bzw. Februar 1917 endete, mitten im Ersten Weltkrieg, die Herrschaft des letzten russischen Zaren aus der Romanow-Dynastie Alexanders II., und ein kurzes Tauwetter begann.

Die totale Herrschaft
Bis zum Ende des Kalten Krieges 1989 fiel es linken Historikern schwer, der Oktoberrevolution nicht doch den Charakter eines antikapitalistischen Urknalls zuzuschreiben. Koenen hält sich an Zahlen, um die Geschichte von Mythen zu befreien, etwa die täglich 25 Gramm Brot, die die „proletarischen Diktatur“ für Immobilienbesitzer und Ladeninhaber vorsah.
Zu den ersten Todesopfern, die die neue Regierung produzierte, gehörten auch Arbeiter, die gegen das Regime streikten. Das neue Strafrecht müsse „den Terror prinzipiell begründen und gesetzlich verankern“, schrieb Lenin an den Justizminister. Das universelle, vieldeutige Rot des Februar/März verwandelte sich in das monochrome Rot der totalen Herrschaft.

Matthias Dusini in Falter 41/2017 vom 13.10.2017 (S. 48)

weiterlesen
Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783406714269
Erscheinungsdatum 28.11.2017
Umfang 1133 Seiten
Genre Sachbücher/Geschichte/Allgemeines, Nachschlagewerke
Format Hardcover
Verlag C.H.Beck
Diese Produkte könnten Sie auch interessieren:
Alain Mabanckou, Abdourahman Waberi, Andreas G. Förster, Elsbeth Ranke
€ 22,70
Wolf Rainer Wendt
€ 76,99
Till van Rahden
€ 30,80
Renée Wagener
€ 37,10
Dan Diner, Andrea Kirchner
€ 134,00
Michael Galbas
€ 72,00
Matthias von Hellfeld
€ 22,70