Marion Dönhoff
Die Gräfin, ihre Freunde und das andere Deutschland

von Gunter Hofmann

€ 28,80
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Verlag: C.H.Beck
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Geschichte/Biographien, Autobiographien
Umfang: 480 Seiten
Erscheinungsdatum: 25.01.2019

Rezension aus FALTER 8/2019

Der Kampf um die Anständigen

Marion Dönhoff und die Suche nach moralischer Erneuerung im Deutschland nach den Nazis

Sie gehörte zu den großen liberalen Gestalten der Bundesrepublik: Marion Gräfin Dönhoff (1909–2002). Sie hat die junge „BRD“ mitgestaltet, als Beobachterin, Kommentatorin, Akteurin, respektiert bei der politischen Linken, verhasst unter den nationalen Rechten. Ihr Name ist verbunden mit ihrer herausragenden Rolle an der Spitze der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit, einer im Grunde nationalkonservativen Nachkriegsgründung, aus der sie mit ein paar Gleichgesinnten die lange Zeit führende liberale Stimme des Landes machte, respektiert weit über dessen Grenzen hinaus.

Politisch geprägt haben sie die bittere Erfahrung des NS-Verbrechersystems, der Verlust der ostpreußischen Heimat und ihr liberalkonservativer adeliger Freundeskreis, der – elf Jahre nach Hitlers Machtergreifung – am 20. Juli 1944 vergeblich versuchte, dem verbrecherischen Spuk ein Ende zu bereiten. Daraus wurde ihr Lebensthema.

Davon und von der Verteidigung liberaler Werte gegen den totalen Machtanspruch illiberaler Nationalisten handelt das Buch von Gunter Hofmann, selbst langjähriger Korrespondent der Zeit. Er erzählt die Geschichte des lebenslangen Kampfes der Gräfin um eine bessere Gesellschaft und beschreibt die bitteren Richtungskonflikte im Nachkriegsdeutschland. Gestritten wird darum, wer innerhalb der Eliten angesichts des Aufstiegs der Hitler-Partei politisch und moralisch versagt habe, damals, als die Nazis noch zu stoppen gewesen sein müssten. Waren die konservativen Milieus, auch und gerade die des alten Adels, wie so viele andere zunächst Mitläufer, anfangs gar Sympathisanten der Nazi-Agitatoren? Oder hatten sie nur den rechten Zeitpunkt für den Widerstand verpasst? Standen sie gemeinsam für das gute, „andere Deutschland“ der Anständigen, für das „geheime Deutschland“, wie es der Repräsentant der Attentäter, Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg, bei der Hinrichtung am 21. Juli 1944 genannt haben soll? Im Vorfeld des 75. Jahrestags wird demnächst davon noch viel die Rede sein.

Das Buch handelt im Grunde von diesem Konflikt, der Dönhoffs Leben begleitet hat: das Attentat und seine Bedeutung für die Deutschen. Eine entscheidende Rolle spielt dabei der Streit zwischen Dönhoff und der Zeit auf der einen und der FAZ und deren Mitherausgeber Joachim Fest auf der anderen Seite.

Rückblende in die 70er- und 80er-Jahre und die damalige Debatte um den Widerstand und dessen Gegenteil: die tragischen 20.-Juli-„Helden“ der liberalen Gräfin und der undurchsichtige „Held“ des konservativen Wortführers Fest, Albert Speer, der Hitler-Vertraute. Die einen von der NS-Justiz zum Tod, der andere 1946 im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess zu 20 Jahren Haft verurteilt. 1966 wurde Speer entlassen und bemühte sich um seine Rehabilitierung, mit Erfolg, besonders in Frankfurt.

Was für ein Streit: Er reicht vom 30. Jänner 1933 über den 20. Juli 1944 bis zur historischen Rede des Dönhoff-Freundes Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 und zum anschließenden „Historikerstreit“ zwischen Ernst Nolte und Jürgen Habermas. Alles hängt miteinander zusammen.

Es ging dabei auch um die geistige Führungsrolle innerhalb des Bildungsbürgertums nach den 68er-Unruhen. Dönhoff-Biograf Hofmann bilanziert diesen Konflikthintergrund lakonisch: „Fest war fasziniert von den Tätern an der NS-Spitze, Dönhoff von den Attentätern jener Zeit. Joachim Fest reklamierte für die FAZ, die ‚bürgerliche‘ Republik und den intelligenten Konservatismus zu vertreten, das machte Marion Dönhoff zur heimlichen Rivalin. Denn ausgerechnet ihr war das Kunststück gelungen, ihr Blatt – mittlerweile liberal – mit
diesem konservativen Milieu, dem ‚anständigen Konservatismus‘ zu verkoppeln. So wie sie aufgewachsen war, mit den Freunden, die zu Widerständlern wurden.“ Nicht zu Stützen des Chefs der Staatsverbrecher.

Den hier beschriebenen Konflikt hat die Gräfin gewonnen. Aber der Kampf um Anstand und Liberalität geht weiter. Wir wissen ja: „Alles kann passieren!“

Werner Perger in FALTER 8/2019 vom 22.02.2019 (S. 17)


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