Eskimoland

Ein Bericht aus der Arktis
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Der Verhaltensforscher Niko Tinbergen verbrachte 1932/33 vierzehn Monate bei den grönländischen Inuit, die damals noch als Jäger und Sammler lebten. Sein faszinierender Bericht, der 2017 wiederentdeckt wurde, fesselt bis heute durch die genaue Beobachtung von Menschen und Tieren in einer lebensfeindlichen Umgebung und ist zugleich ein Lehrstück über die Beschränktheit des modernen Europäers.

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FALTER-Rezension

Ein unbeholfener Tölpel zu Gast bei Universalisten

Arktis: Niko Tinbergen besuchte in den 1930er-Jahren Grönland und lernte die noch unverfälschte Kultur der Inuit kennen

Niko Tinbergens Name wird meist gemeinsam mit dem von Konrad Lorenz erwähnt. Mit diesem gilt er als Mitbegründer der Ethologie, beide wurden 1973 für ihre Leistungen in der vergleichenden Verhaltensforschung mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet. Als Tinbergen 1925 in Leiden mit dem Biologiestudium begann, lehrte man dort vergleichende Anatomie an toten Exponaten, um Verwandtschaftsbeziehungen zwischen den verschiedenen Tierarten zu beschreiben. Ein Zugang zur Natur, den der junge Student nicht teilte und den er als engstirnig empfand. Zwei Tage nach seiner Promotion heiratete Tinbergen und nutze diese Gelegenheit auch gleich für eine einjährige Forschungsreise nach Grönland, um Vögel zu studieren.

Die dänische Kolonie war 1932 noch weitgehend von der Außenwelt abgeschottet und die Anzahl der Reisenden stark kontigentiert. Deswegen war es Tinbergen möglich, eine weitgehend unverfälschte Kultur der ostgrönländischen Inuit kennenzulernen. Nach seiner Rückkehr in die Niederlande veröffentlichte er sein erstes Buch, das nun erstmals in deutscher Übersetzung vorliegt. Die biologischen Erkenntnisse seiner Reise, nachzulesen in „Eskimoland. Ein Bericht aus der Arktis“, waren eher nebensächlich, sodass man hier keinen trockenen Bericht, sondern eine lebendige Erzählung der Begegnung eines Europäers mit einem Naturvolk zu lesen bekommt. Manche Aussagen muss man im historischen Kontext verstehen, wenn er sich mit der Überlegenheit eines Kolonialherren über die „sorglose Lebensauffassung“ der Inuit-Jäger wundert.

„Die Einstellungen der Eskimos sind auch in dieser Hinsicht mit der von Kindern bei uns zu vergleichen: Wann immer es möglich ist, verschieben sie unangenehme Aufgaben wieder und wieder und beginnen folglich nie damit.“ Auch die Erforschung des menschlichen Verhaltens steckte damals noch in Kinderschuhen, und der Begriff „Prokrastination“ war offenbar noch nicht im globalen Sprachgebrauch etabliert.

Aber abgesehen davon bewundert Tinbergen die „stets heitere und gutmütige Art“ der Grönländer und kann durch deren Augen einen Blick auf seine eigene Kultur werfen: „Ein Europäer, der versucht, in der Inuit-Gesellschaft zu leben, ist anfänglich ein Nichtsnutz, weil er durch die weitgehende Spezialisierung in seiner Gesellschaft die eigene Unabhängigkeit verloren hat. Versucht er nicht, diese wenigstens teilweise wiederzuerlangen, bleibt er in den Augen der Universalisten, die die Eskimos sind, ein unbeholfener Tölpel, dem man nichts anvertrauen kann.“

Die Tinbergens integrierten sich in die lokale Gemeinschaft, lernten nicht nur die Sprache ihrer Gastgeber, sondern auch deren Handwerk: Wie die anderen Männer jagte Tinbergen Robben mit der Harpune vom Kajak aus. Seine Frau konnte Lampen mit Tran befeuern, Robbenspeck räuchern und in Fellstiefel passgenau Sohlen einsetzen. Man sammelte Eier der Seeschwalben, aß Seetang mit Fischlaich und schätzte die bitteren Krähenbeeren. All das liest sich angenehm und spannend zugleich.

Hans Kruuk verortet in seiner Biografie („Niko’s Nature“, 2003) die wesentlichste Wirkung der Grönlandreise in der Änderung von Tinbergens Sichtweise auf die Tierwelt. Anfänglich ein Natur- und Tierschützer, lernt er bei den Inuit eine andere Umgangsweise mit Tieren kennen. Diese Jäger und Sammler behandelten ihre Beutetiere zwar mit Respekt, aber sie waren für sie eher unbeseelte Objekte ohne Gefühle, wie sie Menschen haben. „Sehr wahrscheinlich wäre seine gesamte wissenschaftliche Betrachtungsweise des Tierverhaltens weniger mechanistisch und stärker subjektiv und sentimental gewesen“, schreibt Kruuk, „wenn Tinbergen den Umgang der Inuit mit Tieren im Sinne von ,Verhaltensmaschinen‘ nicht erlebt hätte.“ Ein in jeder Hinsicht interessantes Buch, das einen unmittelbaren Einblick in das traditionelle, von der Moderne noch weitgehend unberührte Alltagsleben im Grönland der 1930er-Jahre vermittelt.

Peter Iwaniewicz in Falter 41/2019 vom 11.10.2019 (S. 49)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783406741715
Erscheinungsdatum 18.07.2019
Umfang 240 Seiten
Genre Sachbücher/Geschichte/Regionalgeschichte, Ländergeschichte
Format Hardcover
Verlag C.H.Beck
Übersetzung Gerd Busse
Übersetzung Verena Traeger, Peter Schweitzer, Ulrich Faure
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