Authentizität
Karriere einer Sehnsucht

von Erik Schilling

€ 15,40
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Verlag: C.H.Beck
Format: Taschenbuch
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Gesellschaft
Umfang: 155 Seiten
Erscheinungsdatum: 04.02.2021


Rezension aus FALTER 43/2020

Tweets von Trump, Tränen von Knausgard

Sei du selbst! Sei authentisch! So lautet die Vorgabe in zahlreichen Talentshows, egal, ob dort vorgesungen, gemodelt oder das Überleben im Dschungel simuliert wird. In der Literatur geht langsam die Unterscheidung zwischen Autor, Erzähler und Protagonist verloren. Und Sachthemen sollen nur noch von Menschen diskutiert werden dürfen, die auch eigene Erfahrungen damit haben, Kunstrichtungen nur jenen gehören, die sie erfunden haben, etwa der Rap den people of color. Und auch wer eine Filmrolle spielen will, darf nicht mehr so tun, als ob. So musste etwa Hollywoodstar Scarlett Johannson auf massiven Druck eine Rolle als Transgender-Mann zurücklegen, um ihren Ruf nicht zu schädigen.

„Authentizität. Karriere einer Sehnsucht“ heißt das angenehm schmale Buch von Erik Schilling, das diese Phänomene zu erklären versucht. Darin beschreibt Schilling die Authentizität als zentrales Phantasma der Gegenwart, das metaphysische Anklänge besitzt, und als gesellschaftliche Norm, der man nur noch schwer entkommt. „Ebenso wie die Rede vom ,Wahren‘ und ,Echten‘ ist diejenige vom ,Authentischen‘ zu großen Teilen raunende Spekulation, die behauptet, Zugang zu einer Art Spezialwissen hinter den oberflächlichen Erscheinungen zu haben.“ Dabei sei Authentizität gar keine Eigenschaft von Gegenständen oder Menschen, sondern eine Zuschreibung bzw. ein Konstrukt: „die Übereinstimmung einer Beobachtung mit einer Erwartung des Beobachters“. So werden etwa hierzulande italienische Lokale nur als authentisch empfunden, wenn sie Pizza servieren – dabei gibt es die in Italien beileibe nicht überall.

Den Grund dafür macht Schilling in der zunehmenden gesellschaftlichen Komplexität aus. Dahinter stecke der Wunsch nach Übersichtlichkeit und Kontrolle. „Authentizität ist daher die Wellness-Oase des Alltags. Zurücklehnen, Augen schließen und entspannen – nichts Unvorhergesehenes passiert.“ Sozusagen ein „gegenläufiges Momentum“ zu Digitalisierung und Globalisierung. Der Postmoderne, die das Subjekt abschaffte und der Unschärfe und Widersprüchlichkeiten huldigte, wird eine neue Ehrlichkeit, Beständigkeit und Eindeutigkeit entgegengehalten. Wer authentisch ist, denkt nicht nach, sondern tut, wozu er gerade Lust hat. Wer authentisch ist, bleibt immer gleich. Und macht sich mit der Behauptung, authentisch zu sein, unangreifbar für Kritik.

Den Gegenpol dazu stellen für Schilling die Konzepte von Professionalität, Situativität und Ambiguität dar, ohne die eine funktional differenzierte Gesellschaft nicht auskommt. Das macht er an gut ausgewählten Beispielen deutlich. Authentisch präsentieren sich für ihn der polternde US-Präsident Donald Trump, der seine Tweets unter dem Namen @realDonaldTrump direkt und rund um die Uhr in die Welt ablässt, oder der Lega-Nord-Politiker Matteo Salvini, der gerne Fotos von sich selbst in Badehosen postet. Professionell dagegen agieren Barack Obama, die Queen und Angela Merkel – was bedeutet, dass sie öffentliche Rolle und Privatperson nicht vermischen.

Im neuen Zeitalter der Authentizität steht nicht nur die gute alte Höflichkeit auf dem Prüfstand, für die kürzlich der Philosoph Robert Pfaller in „Die blitzenden Waffen. Über die Macht der Form“ eine Lanze brach, sondern auch die Fiktion als solche wird zunehmend suspekt. Das kann der Literaturwissenschaftler Schilling, seit 2017 Privatdozent für Neuere deutsche Literatur und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München, naturgemäß nicht gutheißen.

Er analysiert Karl Ove Knausgard, der mit seiner sechsbändigen Autobiografie „Mein Kampf“ (2009–2017) einen Bestseller über einen jammernden Vater vorlegte, der nicht vom Autor zu unterscheiden ist und der sich die Qualität seines eigenen Werks ganz ohne Augenzwinkern von seinen eigenen Tränen beglaubigen lässt. Ihm folgten die autobiografischen „Romane“ von Édouard Louis („Das Ende von Eddy“, dt. 2015) oder Thomas Melle („Die Welt im Rücken“, 2016), die die eigene Homosexualität bzw. manisch-depressive Erkrankung unter einem ungebrochenen Authentizitätsparadigma abhandeln. Als Beispiele für Ambiguität dienen Schilling etwa der deutsche Dandy-Autor Christian Kracht und Filmrebell Quentin Tarantino, der gelehrte Ironiker Umberto Eco oder Verwandlungskünstler David Bowie, allesamt Virtuosen der kritischen Selbstdistanz. Zur theo­retischen Untermauerung zieht Schilling etwa Helmuth Plessners Unterscheidung von Privat- und Amtsperson in „Macht und menschliche Natur“ (1931), Ernst Kantorowicz’ berühmte Studie über die „Zwei Körper des Königs“ (1957) oder den soziologischen Klassiker von Erving Goffman „Wir alle spielen Theater“ (1956) heran.

Gefährlich wird der Wunsch nach Übereinstimmung von Schein und Sein für Schilling auf der großen Weltbühne der Politik, aber auch im Kleinen sei er alles andere als harmlos. „Die Sehnsucht nach Authentizität verhindert Pluralität, kritische Distanz, reflektierende Komplexität. Authentisch sein heißt einfach, nahbar, eindeutig sein. Das ist mindestens dann ein Problem, wenn die ,authentische‘ Person das mächtigste Amt der Welt innehat; es ist aber auch ein Problem in erstaunlich vielen anderen Fällen, in denen Authentizität aktuell positiv besetzt ist – etwa wenn entschieden wird, wer worüber sprechen darf, wer das interpretieren darf oder wer wovon betroffen sein darf.“ Mit seinem gut lesbaren Plädoyer für Ambigui­tätstoleranz, eine Kultur der Gelassenheit, des Verzeihens, des Kompromisses, des Experiments und des Geheimnisses legt Schilling ein Buch vor, das uns alle betrifft. Unbedingte Leseempfehlung!

Kirstin Breitenfellner in FALTER 43/2020 vom 23.10.2020 (S. 45)


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