Nichts tun

Die Kunst, sich der Aufmerksamkeitsökonomie zu entziehen
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Wir leben inmitten einer kapitalistischen Aufmerksamkeitsökonomie, die unsere Sinne und unser politisches Bewusstsein verkümmern lässt. «Nichts tun» ist der wohlüberlegte Aufruf, unser Leben fernab von Effizienzdenken und Selbstoptimierung zurückzuerobern. Ein provokatives, zeitgemäßes und glänzend geschriebenes Buch, das die Leser*innen aufrütteln wird.

Unsere Aufmerksamkeit stellt die wertvollste Ressource dar, über die wir verfügen. Im Effektgewitter kommerzieller Internetplattformen wie Facebook, Twitter, Instagram oder TikTok wird sie jedoch permanent überspannt. Jenny Odell plädiert in ihrem Buch auf eindrückliche Weise für ein radikales Innehalten, statt unsere kostbare Freizeit weiter an die kurzfristigen Verlockungen der Aufmerksamkeitsökonomie zu verschwenden. Nur über bewusste Formen des Nichtstuns finden wir heute noch zu uns selbst: etwa wenn wir uns phasenweise wieder in unsere natürliche Umgebung zurückzuziehen lernen, die Kunst der Naturbeobachtung kultivieren und authentische Begegnungen mit anderen zulassen. Odell versteht ihre Anleitung zum Nichtstun gleichsam als Akt des politischen Widerstands, um der notorischen Selbst- und Naturzerstörung im Kapitalismus etwas entgegenzusetzen und die Forderung nach demokratischer Partizipation und Solidarität mit Leben zu erfüllen.

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FALTER-Rezension

Hingabe ist das Gegenteil von Kontrolle

Hingabe ist keine politische Kategorie, denn Politik fußt auf Entscheidungen und Handlungen, auf dem Kampf für eine Lebensweise, die man für richtig hält. Das „Corona-Jahr“ 2020 war geprägt vom Begriff der Kontrolle, von der Idee, das Virus und seine Ausbreitung in den Griff zu bekommen. Dazu wurden Maßnahmen wie Lockdowns gesetzt, Massentestungen organisiert und die Impfung der gesamten Bevölkerung projektiert. Angefeuert von Politik und Medien sollte sich das Kollektiv anstrengen, die Situation in den Griff zu bekommen.

Dabei verloren Millionen Menschen die Kontrolle über ihr eigenes Leben. Für ganze Generationen von friedensverwöhnten Individualisten bestand die „Härte“ auch darin zu spüren, wie wenig Macht der Einzelne in Krisensituationen hat. Und das galt gleichermaßen für jene, die sich vor dem Virus fürchteten, wie für jene, die Angst vor der Staatsmacht und ihren Vollzugsorganen sowie den gesellschaftspolitischen Folgen der Maßnahmen hatten oder vor Mitmenschen, die sich nicht an die Regeln hielten.

Man saß zuhause und die Kehle wurde immer enger. Manchen gelang es, aus der Not eine Tugend zu machen und sich abzulenken, indem sie sich etwas anscheinend Unbedeutendem, Nutzlosem widmeten. Indem sie etwa anfingen, Brot zu backen, und daraus Befriedigung zogen, oder zu stricken oder aufzuräumen, und sich damit beruhigten. Oder wieder einmal ein Buch zur Hand nahmen. Nach Monaten schlugen Angst und Ohnmacht vielerorts in Wut um, während bei anderen die Erkenntnis wuchs, dass man nicht immer gegen Windmühlen kämpfen kann. Dass man auch einmal akzeptieren muss, was ist. Und sei es nur aus psychohygienischen Gründen.

Hingabe gehört zu den im öffentlichen Diskurs vernachlässigten Tugenden, signalisiert sie doch weder Macherqualitäten noch Ichstärke. Wer sich hingibt, verliert sich an eine Tätigkeit. Aber genau das macht zufrieden, wenn nicht glücklich. Die Zeit, die in den Lockdowns so langsam verstrich wie nie, verging beim Brotbacken, beim Stricken, Lesen oder Aufräumen wie im Flug – und verschwand damit.

Die beiden Bücher, die hier besprochen werden sollen, wurden nicht in Hinblick auf die Corona-Krise verfasst. Jenny Odells „Nichts tun. Die Kunst, sich der Aufmerksamkeitsökonomie zu entziehen“ erschien bereits 2019 in den USA. Auch Martin Scherers Essay „Hingabe“ bezieht sich nicht auf das gegenwärtige Thema Nummer eins.

Aber genau das macht sie so interessant und hebt sie von besserwisserischen bis unseriösen Schnellschüssen à la „Ich sage euch jetzt, was ihr aus der Krise lernen könnt“ ab. Denn niemand weiß, ob die Menschheit aus der Krise gestärkt oder geschwächt hervorgehen wird. Odell und Scherer, die Künstlerin aus Kalifornien und der Verleger aus Deutschland, nähern sich dem Thema aus verschiedenen Richtungen. Scherer, der sich mit seinem Buch „Gentleman“ (2003) bereits mit dem Thema Lebenskunst befasst hat, kommt von der Literatur und Philosophie, Odell von der bildenden Kunst und Ökologie her.

Hingabe, so definiert Scherer zu Beginn, hat keinen äußerlichen Auslöser, und es gehe ihr auch keine Willensentscheidung voraus. Sie ist eine Form der Selbstvergessenheit und bedeutet Verschwendung und Selbstentblößung – und somit das Gegenteil von Kontrolle. Passionen scheinen nicht zeitgemäß, denn sie sind nicht nützlich. Sammler und Dilettanten, Menschen mit seltsamen Hobbys widmen sich Tätigkeiten, die Zeit und Geld kosten und sich dem Primat von Effizienz und Profit widersetzen.

Aber mit der Hingabe verwandle sich der Mensch schlagartig in einen Liebhaber, denn er gestehe sich zu, für etwas schwach werden zu können. Der Hingegebene stellt sowohl Profit als auch Eigennutz hintan. Der „manischer Eigensinn“, mit der er sich teilweise skurrilen, immer aber zeitaufwendigen Beschäftigungen widmet, läuft jeder kollektiven Identität zuwider. Er bedeutet einen „Akt der Verschwendung von Aufmerksamkeit, Kraft und Zeit“. Philosophische Referenzen holt sich Scherer für seinen anregenden, gut lesbaren Text bei Seneca, Georges Bataille, Immanuel Kant, Franz Grillparzer oder Sigmund Freud, aber er bezieht sich auch auf Gedichte und Romane.

„Hingabe taugt nicht als Handlungsanweisung“, meint er, denn sie sei ein Prozess der „De-Optimierung“, des „Sein-Lassens“. „Das unterscheidet sie von den allenthalben angepriesenen Lebenseinstellungen wie Resilienz, Achtsamkeit oder auch Resonanz.“ Hingabe gleiche damit einer „Ausflucht in die Wildnis“.

Bedeutet Hingabe Weltflucht? Keineswegs, meint Jenny Odell. Sie nennt das Zentrum, um das sie kreist, nicht Hingabe, sondern „Nichtstun“, wobei sie freilich zugibt, dass nur „die größten Nihilisten und Kaltherzigsten“ gar nichts tun würden angesichts des Zustands der Welt. Odell geht es darum, bestimmte Dinge nicht mehr zu tun – und damit Raum zu schaffen für anderes, das differenzierter, weniger offensichtlich, aber dafür poetischer ist. Etwa sich der Überreizung durch die bewusst suchterzeugenden sozialen Medien zu entziehen und sich der Natur zuzuwenden. „Das Wesentliche am Nichtstun, so wie ich es definiere, ist nicht etwa, erfrischt und bereit zu gesteigerter Produktivität an die Arbeit zurückzukehren, sondern vielmehr zu hinterfragen, was wir derzeit als produktiv wahrnehmen.“

Leicht sei das nicht, sondern es erfordere Hingabe, Disziplin und Willensstärke, sich von der derzeitigen Aufmerksamkeits­ökonomie frei zu machen. Erst damit entstehe der Freiraum, sich auf etwas anderes einzulassen. Dieses andere sind Dinge, die schon da sind und immer schon da waren, aber in unserem derzeitigen Lebensstil außerhalb der Wahrnehmung liegen. Um von der „Ortlosigkeit eines optimierten Online-Lebens“ in eine neue „Ortsfülle“ einzutreten, von der Filterblase in die „mehr-als-menschliche“ Realität einzutreten, wendet sich Odell der Geschichte („was passierte hier, an dieser Stelle“) und der Ökologie („wer oder was lebt oder lebte hier“) zu.

Der dazugehörige Begriff lautet Bioregionalismus, und der Widerstand, den sie meint, hat durchaus politische Züge, auch wenn er auf der privaten Ebene stattfindet.

Odell lebt als Autorin, Künstlerin sowie Lehrende an der Stanford University in Oak­land an der San Francisco Bay und damit am Einfallstor zum Technologie-Eldorado Silicon Valley. In dieser Gegend, zwischen den sterilen Campussen der Hightech-Start-ups, ist die Tochter einer Philippinerin und eines US-Amerikaners auch aufgewachsen. Nach ihrer Graduierung 2008 arbeitete sie u.a. in einem Fulltimejob im Modebereich, wo „Markenpfeiler“ eingerammt und die Kollektionen unter Titeln wie Frühling 1, Frühling 2 und Frühling 3 in rasantem Tempo ausgeworfen wurden.

Am Beginn des Buches sitzt Odell in einem öffentlichen Park, dem sogenannten Rosengarten, und reflektiert über die Arbeiterbewegung, die 1886 die Forderung „Acht Stunden Arbeit, acht Stunden Ruhe, acht Stunden was wir wollen“ stellte – wobei unter Letzterem weder Bildung noch Optimierung verstanden wurden, sondern Ruhe, Nachdenken, Blumen und Sonnenschein. Odell selbst haben es Vögel angetan, sie freundet sich mit einer Rabenfamilie an und fährt in die Berge und an die Küste, um Vögel zu beobachten.

Das Nichtstun, das sie meint, erfordert höchste Aufmerksamkeit. „Ich möchte klarstellen, dass ich keineswegs irgendjemanden dazu anregen möchte, gar nichts mehr zu tun. Vielmehr denke ich, dass ,Nichtstun‘ […] einen aktiven Prozess des aufmerksamen Hinhörens anstößt, der die Auswirkungen von ethnischer, ökologischer und ökonomischer Ungerechtigkeit aufspürt und einen echten Wandel herbeiführt. Ich betrachte das ,Nichtstun‘ nicht nur als eine Art Mittel zur Entprogrammierung, sondern auch als Stärkung für diejenigen, die sich zu zerfahren fühlen, um sinnvoll zu handeln.“

Nichtstun bedeutet also ein Gegenmittel gegen die Rhetorik des Wachstums und eine Öffnung für die zu Unrecht als „unproduktiv“ angesehenen Tätigkeiten der Erhaltung, Instandhaltung und Pflege. Als Zeuginnen beruft sich Odell nicht nur auf Rebecca Solnit oder Donna J. Haraway, sondern auch auf Epikur und Diogenes, die durch ihre Philosophie und Handlungen überkommene Werte infrage gestellt haben. Hermann Melvilles „Bartleby“, der Schreibgehilfe, der seinen Dienstgeber mit seiner subversiven Verweigerungshaltung zum Wahnsinn treibt, indem er auf alle Aufträge „Ich möchte lieber nicht“ antwortet, hat es ihr besonders angetan.

Sie erzählt von Rückzugsprojekten wie Levi Felix’ Sommerlagern für Digital Detox oder Kunstperformances, die die Erwartungen unterlaufen, wie Pilvi Takalas „The Trainee“, in dem eine Praktikantin nichts tut, als in die Luft zu starren, aber auch von der Geschichte der Aussteigerkommunen der 1960er-Jahre. Und natürlich darf hier Henry David Thoreaus „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“ (1849) nicht fehlen. Weniger bekannt dürfte den meisten die „Nichts-tun-Landwirtschaft“ des japanischen Bauers Masanobu Fukuoka sein, die versucht, so wenig wie möglich in die Natur einzugreifen.

Odells ehrliche und wahrhaftige Suchbewegung regt an. Sie stellt sich damit in eine Reihe von US-amerikanischen Versuchen, die Umweltthematik auf eine neue Grundlage zu stellen, die (teilweise erst zehn Jahre nach Erscheinen) in den letzten beiden Jahren ins Deutsche übersetzt wurden: Jane Bennetts „Lebhafte Materie. Eine politische Ökologie der Dinge“, Marcia Bjorneruds „Zeitbewusstheit. Geologisches Denken und wie es helfen könnte, die Welt zu retten“, Timothy Mortons „Ökologisch sein“ oder Charles Eisensteins „Klima. Eine neue Perspektive“. Sie alle gehen von der Verbundenheit des Menschen mit dem Rest der Natur aus, nicht von seiner Pflicht zu deren Kontrolle. Mit Martin Scherer verbindet Odell die Kunst, Denkanstöße zu liefern, ohne zu Ratgeberliteratur zu werden. Und das ist gut so. Denn welchen Dingen oder Tätigkeiten man sich hingeben will, kann man sich nicht vorgeben lassen, das muss man selbst herausfinden. Oder sich von ihnen finden lassen. Oder, wie Scherer in seinem letzten Satz formuliert: „Hingabe bleibt immer das Andere der Berechnung, also das Unberechenbare.“

Kirstin Breitenfellner in Falter 11/2021 vom 19.03.2021 (S. 30)

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Produktdetails
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ISBN 9783406768316
Erscheinungsdatum 26.05.2021
Umfang 296 Seiten
Genre Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Gesellschaft
Format Hardcover
Verlag C.H.Beck
Übersetzung Annabel Zettel
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