Die globale Krise und ihre Folgen
€ 27.8
Lieferung in 2-5 Werktagen
-
+
Kurzbeschreibung des Verlags:


CORONA CUT - DIE PANDEMIE UND DIE ZUKUNFT DER GLOBALISIERTEN WELT

Adam Tooze erzählt in seinem atemberaubenden Buch die Geschichte der zwölf Monate vom Januar 2020 bis Januar 2021. Am Anfang gibt Xi Jinping der Weltöffentlichkeit bekannt, dass sich in China ein tödliches neues Virus ausbreitet. Am Ende zieht Joe Biden als Nachfolger von Donald Trump ins Weiße Haus ein. Dazwischen liegen die Schockwellen einer Pandemie, die keinen Kontinent, kein Land und keine Bevölkerung ungeschoren lässt.
Der brillante Wirtschaftshistoriker Tooze schildert nicht nur, wie und warum Staaten und nationale Ökonomien auf jeweils eigene Weise und mit sehr unterschiedlichen Resultaten auf das Geschehen reagiert haben. Er analysiert die Pandemie auch im Kontext der anderen großen Krisen unserer Zeit, von der Finanzkrise über die Klimakrise bis zur Flüchtlingskrise.
Welt im Lockdown ist eine tiefenscharfe Diagnose der Gegenwart und ein Buch, aus dem man lernen kann, wie die globalisierte Welt funktioniert, in der wir heute leben.



Spannend wie ein Thriller - Adam Tooze beschreibt unsere Welt im radikalen Wandel
Wie gehen die Regierungen weltweit mit der nie dagewesenen Krise um und welche Konsequenzen hat das?
Eine tiefgreifende Analyse unserer Gegenwart weit über die Corona-Krise hinaus
Tooze gilt als einer der besten Wirtschaftshistoriker seiner Generation

weiterlesen
FALTER-Rezension

„Solche Schocks werden wieder kommen!“

Adam Tooze öffnet pünktlich zur verabredeten Zeit sein Zoom-Fenster, sieht aber erschöpft aus. „Es ist so heiß in New York“, seufzt der Brite in perfektem Deutsch, „wer soll da schlafen können?“ Gerade hat der umtriebige Wirtschaftshistoriker sein Buch über die Welt im Lockdown veröffentlicht. 2020 war zwar eine Katastrophe und ein massiver, globaler Wirtschaftseinbruch, doch Tooze erkennt auch die Chancen. Was den deklarierten Proeuropäer, der in Deutschland aufgewachsen ist, besonders freut: dass die EU gezeigt hat, dass sie funktionieren kann, wenn sie will. Zeit für ein Gespräch.

Falter: Herr Tooze, seit eineinhalb Jahren befindet sich die Welt im Corona-Ausnahmezustand. Wie geht es der Weltwirtschaft?

Adam Tooze: Was wir im April 2020 erlebt haben, hat es in dieser großflächigen, globalen Gewalt noch nie gegeben: ein 20-prozentiger Einbruch des globalen Bruttosozialprodukts. Es wird nicht das letzte Mal gewesen sein. Solche Schocks werden wieder kommen und noch schlimmer sein als das, was wir jetzt erlebt haben. Covid ist nicht die ärgste Virenform. Wir müssen uns viel besser vorbereiten und die politische Fantasie haben, schnell und großflächig zu reagieren. Das ist das Einzige, was uns retten kann.

Was waren Maßnahmen, die gut funktionierten?

Tooze: Die Kurzarbeit hat sich als Modell absolut bewährt, es ist ein Weltexport. Sie stabilisiert, ist kostengünstig und nimmt den Menschen die Angst. Sogar Australien hat damit experimentiert.

Sie schreiben, es ginge heute nicht mehr um Klassenkampf, und hinterfragen eher den Sinn eines rücksichtslosen Wachstums. Ist die Fixierung auf das Wirtschaftswachstum schlecht?

Tooze: Wir sollten uns in den reichen Ländern bestimmt überlegen, ob wir unbedingt fliegen müssen und wie viel Wachstum wir brauchen. Doch das ist kein Argument für „Degrowth“, denn das ist meiner Meinung nach ein Luxus, den sich die Mehrheit der Menschen nicht leisten kann. Was China in den letzten Jahrzehnten gemacht hat, gab es in der Menschheitsgeschichte noch nie. Die Bereicherung von einigen hundert Millionen Menschen in so einem kurzen Zeitraum und die Abschaffung der absoluten Armut im bevölkerungsreichsten Land der Welt ist eine riesige Errungenschaft. Dadurch entstehen aber fast zwangsläufig Risiken, und wenn die kombiniert werden – wie wir es jetzt in Wuhan gesehen haben – mit einem unmittelbaren Anschluss einer riesigen Metropole an das Flugliniennetz der Welt, dann steckt darin ein Gefahrenpotenzial.

Tony Blair sagte 2005, wenn man die Globalisierung infrage stelle, könne man auch gleich die Jahreszeiten hinterfragen. Sie schreiben in Ihrem Buch, dass wir

2020 gesehen hätten, dass Globalisierung UND die Jahreszeiten infrage stehen. Können wir die Zeiger der Weltuhr noch zurückdrehen?

Tooze: Vielleicht nicht zurückdrehen, aber umlenken schon. Unser Zoom-Gespräch zeigt ja, dass es neue Formen der Vernetzung gibt, die nicht klassisch sind.

Was heißt das für uns als Konsumenten?

Tooze: Bei strategisch unwichtigen Konsumgütern werden wir keine Neuordnung der Lieferketten sehen. Doch in strategisch wichtigen Bereichen sehen wir schon heute ein Umdenken. Im Pentagon sitzen Skeptiker der Globalisierung.

Aus Sicherheitsbedenken den Chinesen gegenüber?

Tooze: Im 5G-Bereich zum Beispiel sehen wir schon heute eine strategische Umstellung. Huawei hat vor ein paar Wochen sein neues Telefon vorgestellt und es ist ein 4G-Telefon. Weil die Chinesen keinen Zugang mehr zu den besten Computerchips haben, die sie bisher importiert haben oder mit Maschinen produziert haben, die ihnen nicht mehr zugänglich sind.

Sie sagen, dass „das neue Zeitalter der Globalisierung eine zentrifugale Multipolarität erzeugt“. Müssen wir uns von der Vorherrschaft der USA nicht nur militärisch verabschieden, wie wir es mit dem Rückzug aus Afghanistan erlebten, sondern auch in wirtschaftlicher Hinsicht?

Tooze: Die Wirtschaft Brasiliens ist heute ein großer Faktor. Selbst die Türkei ist ein potenter Akteur. Präsident Recep Erdoğans Aktivismus in der Außenpolitik hat damit zu tun, dass er technologische Kapazitäten hat, die sich sehen lassen können. Erdoğan kann seine eigenen Drohnen herstellen, mit denen er dann in Aserbaidschan Machtpolitik betreiben kann. In der Golfregion kommt es zum Wettstreit zwischen Iran und Saudi-Arabien, der Konflikte im Jemen und Ostafrika anheizt. Die Mitspieler vervielfachen sich in der Welt.

Dennoch ist die Federal Reserve, die Zentralbank der USA, das Zentrum der Weltkrisenbewältigung geblieben.

Tooze: Eine der ganz großen Überraschungen des Jahres 2020 war, dass die EZB wie eine erwachsene Zentralbank funktionierte, indem sie kräftig Anleihen gekauft hat. Dass die Federal Reserve eingestiegen ist, war weniger überraschend. Sie hat extrem viele Anleihen gekauft, also Bargeld in das System geschleust. Das war ein Erfolg. Doch sie hatte keine Wahl. 2008 ging es um eine Krise der Hypotheken, des Immobilienmarktes und der privaten Banken. 2020 in der Pandemie aber ging es um etwas anderes: Der Markt, der nicht funktionierte, war jener, der normalerweise der wichtigste, größte und flüssigste ist – der Markt mit amerikanischen Staatsanleihen, der Treasury-Markt. Das sind rund 20 Billionen Dollar. Man kann diese Anleihen im Normalfall in Sekunden gegen Bargeld tauschen. Das gesamte globale Finanzsystem hängt vom Funktionieren dieses Marktes ab. Da die Fed einschritt und das System mit Ankäufen stabilisierte, verfestigte man aber auch den Status quo.

Und warum ist das schlecht?

Tooze: Der Status quo bedeutet, dass die vermögende Schicht auf Risiko Gewinn macht und dass ihr dann im Notfall unter die Arme gegriffen wird. Damit wird das System der ungeheuren Ungleichheit bestätigt. Wenn man das Glück hatte, ein Aktienpaket zu besitzen, dann ging es einem blendend im vorigen Jahr trotz Massenarbeitslosigkeit und sozialer Krise.

Wie wird man aber die Ungleichheit bekämpfen können, wenn man immer nur mit Krisenmanagement beschäftigt ist?

Tooze: Wir müssen 2020 als Warnschuss und als Weckruf verstehen. Es kam zu einem Wettlauf zwischen Fed und EZB und der japanischen Zentralbank, was das Aufdrehen der Geldpumpe betraf. Im Gegensatz dazu hat die People’s Bank of China, also die chinesische Zentralbank, das nicht getan. Der Effekt war, dass die chinesische Währung gegenüber dem Dollar gestiegen ist und internationale Anleger in chinesische Wertpapiere gegangen sind.

Wer hätte gedacht, dass es einmal so kommt: chinesische Staats­anleihen als Renner an der Wall Street?

Tooze: Ja, ein autoritäres Regime mit kommunistischem Einschlag gilt für die konservativen westlichen Finanzinvestoren als sichere Anlage. Ihr Albtraum ist nicht, dass die Chinesen zur Enteignung oder anderen maoistischen Mitteln greifen, sondern zu den gleichen wie wir im Westen. Es ist eine verkehrte Welt!

Wird dann das 21. Jahrhundert notgedrungen das chinesische
Jahrhundert?

Tooze: Auch die Chinesen unterliegen der Logik der Multipolarität. Es ist nicht wahrscheinlich, dass ein unipolares System, in dem Amerika dominiert, durch ein anderes mit China an der Spitze ersetzt wird. Das ist die Antwort auf Ihre größere historische Frage: Es wird zu einer Multipolarität im Großmachtswettbewerb zwischen einer von den Amerikanern geführten Koalition und den Chinesen kommen. Die globalen Krisen werden zunehmend von der ökologischen Seite kommen. Wie die Sache ausgeht, das hängt von unserer Fähigkeit ab, mit diesen Krisen umzugehen. China ist ganz gut durch die Krise gekommen, doch am Anfang war der Ausbruch in Wuhan und der Wirtschaftseinbruch für Präsident Xi Jinping ein Desaster. Es lag vor allem an unserem Scheitern und daran, dass wir im Westen so schlecht vorbereitet waren, dass Xi die Covid-Krise in einen PR-Erfolg verwandeln konnte.

Chen Yichin, engster Berater von Xi Jinping, vertritt die These von den konvergierenden Krisen, die sich global entfalten und gegenseitig anheizen. Die USA sind mit ihrem Populismus nicht alleine, die Europäer demnach mit ihrer Polykrise auch nicht. Sie stimmen ihm zu. Warum?

Tooze: Gehen wir von den drei großen Polen in der Welt aus: den Vereinigten Staaten, Europa und China. Schon vor 2020 waren sich alle in den jeweiligen politischen Eliten einig, dass, wie man in Peking sagt, „Veränderungen auf uns zukommen, die wir seit einem Jahrhundert nicht gesehen haben“. In den USA wird die Krise als nationale Problematik gelesen – schuld seien Populismus, finanzielle Instabilität und Ungleichheit in Amerika. Die Polykrise der EU – das Zusammenkommen der Krise um Griechenland, Euro, Ukraine, Flüchtlinge und Populismus – dagegen gefährdete aus der Sicht vieler den Fortbestand der EU überhaupt. In Peking kam unter den Stäben, die Xi beraten, ein ähnlicher Diskurs über die großen Veränderungen auf. Chen Yichin ist ein Sicherheitsberater, der in einer Rede die Effekte der Globalisierung aufgezählt hat: Verschiedene Krisen aus diversen historischen Dynamiken kommen in einem Moment wie 2020 aufeinander zu und produzieren Induktionseffekte.

Wie sollen wir das verstehen?

Tooze: „Black Lives Matter“ ist ein besonders gutes Bild dafür. In Minneapolis wird ein schwarzer Mann getötet, und plötzlich kommt es überall auf der Welt zu Demons-trationen. Das ist wie bei einem Induktionsherd. In Minneapolis passiert etwas, und plötzlich kocht Paris.

Weil in einer stark vernetzten Welt Krisen schneller übersetzen?

Tooze: Die Kausalketten sind nicht immer leicht zu entschlüsseln, doch dieser chinesische Stratege Chen Yichin hat eben versucht, es über den Induktionseffekt zu erklären. Er spricht auch über Überlappungseffekte: Die Unterschicht mit wenig kulturellem Kapital, schlechtem Internetanschluss und niedrigem Einkommen steht in der Pandemie akut geschädigt da. Die Krise der Ungleichheit kommt mit den Auswirkungen des Lockdowns zusammen.

Was heißt das für uns Europäer, wie weit kann die EU überhaupt einen eigenen Weg gehen?

Tooze: Ich bin zwar gebürtiger Brite, aber die prägende Zeit meiner Jugend war in Europa. Deshalb neige ich dazu zu sagen: „Wir Europäer“ … also: Wir müssen unser Spiel steigern, wir müssen das Potenzial für ein kollektives Handeln steigern. 2020 kam es in der EU zu so einem Schub mit dem großen Hilfspaket „Next Generation EU“. Man hat ein Scheitern vermieden und etwas Neuartiges geschaffen: Schulden können jetzt über Brüssel gemacht werden. Die Zielrichtung ist außerdem grün. Man hat längerfristige Transformation angepeilt und sich nicht ablenken lassen von der Pandemie. Und dann hat man die Hilfsgelder noch mit rechtsstaatlichen Prinzipien verbunden. Ja, klar, es wurde abgeschwächt. Aber es wurde gemacht. In der City of London und Wall Street gibt es ja wirklich viele Euroskeptiker, aber im Sommer 2020 kippte die Stimmung komplett hin zu Europa.

Tessa Szyszkowitz in Falter 37/2021 vom 17.09.2021 (S. 20)

weiterlesen
Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783406773464
Erscheinungsdatum 25.10.2021
Umfang 408 Seiten
Genre Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Wirtschaft
Format Hardcover
Verlag C.H.Beck
Übersetzung Andreas Wirthensohn
Diese Produkte könnten Sie auch interessieren:
Erica Stanford, Egbert Neumüller
€ 25,60
Forum Verlag Herkert GmbH
€ 99,80
Forum Verlag Herkert GmbH
€ 99,80
Aymo Brunetti, Adrian S. Müller, Vera Friedli, Renato C. Müller Vasquez ...
€ 56,60
Aymo Brunetti, Vera Friedli, Renato C. Müller Vasquez Callo, Adrian S. M...
€ 40,10
Aymo Brunetti, Vera Friedli, Adrian S. Müller, Renato C. Müller Vasquez ...
€ 36,00
Mikael Lind, Michalis Michaelides, Robert Ward, Richard T. Watson
€ 153,99
Niklas Tripolt
€ 24,90