Was soll zurück?

Die Restitution von Kulturgütern im Zeitalter der Nostalgie
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Kurzbeschreibung des Verlags:


LÄSST SICH VERGANGENES UNRECHT WIEDERGUTMACHEN? RESTITUTION ZWISCHEN GESCHICHTE UND POLITIK

Die Restitution von Kulturgütern gehört zu den brisantesten und meistdiskutierten Themen der letzten Jahre. Lässt sich vergangenes Unrecht durch späte Rückgaben wiedergutmachen? Was muss, was soll, was kann zurückgegeben werden? Sophie Schönberger, Professorin für Öffentliches Recht, Kunst- und Kulturrecht, zeigt auf, welche Schwierigkeiten, aber auch Chancen die Auseinandersetzung mit einer Vergangenheit birgt, die aus der Gegenwart konstruiert wird.

In unserem Umgang mit einer historisch belasteten Vergangenheit scheint nicht nur der Geschichte als solcher, sondern auch ganz konkreten Objekten Unrecht anzuhaften. Wurden sie geraubt, den Opfern abgepresst oder von ihnen auf andere Weise verloren, so geht man heute, auch viele Jahrzehnte nach ihrem Verlust, zumeist davon aus, dass sie an ihre ursprünglichen Besitzer herauszugeben sind. Welche Parameter, Schwierigkeiten, aber auch Chancen diesen Prozess kennzeichnen, erläutert die Autorin anhand von drei Beispielen, die in Deutschland die aktuellen Debatten in unterschiedlicher Weise prägen: die Restitution von NS-Raubgut, der Umgang mit kolonialen Objekten und schließlich die Entschädigungsforderungen der Familie Hohenzollern.


Ein Beitrag zu den aktuellen Restitutionsdebatten
Sophia Schönberger ist juristische Expertin auf diesem Gebiet

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FALTER-Rezension

Restitutionen als Akte von modernem Exorzismus

Kunstraub: Sophie Schönberger analysiert die Restitution von Kulturgütern und hat einen überraschenden Befund

Die deutsche Bundesregierung bemüht sich um ein Aussöhnungsabkommen mit Namibia. Anfang des 20. Jahrhunderts hatten Kolonialtruppen in Deutsch-Südwestafrika einen Völkermord an den Herero begangen. 80 Prozent des 100.000 Menschen zählenden Volkes wurden im Zuge einer militärischen Aktion umgebracht. Dafür bittet die Berliner Regierung um Vergebung und stellt eine Unterstützung von 1,1 Milliarden Euro in Aussicht. Die Überraschung: Vertreter der Herero lehnen das Abkommen ab, da sie nicht in die Verhandlungen eingebunden sind. Sie streben keinen Gabentausch, sondern eine juristische Anerkennung der Verbrechen als Genozid an.

Sophie Schönberger beleuchtet das komplizierte Verhältnis ihres Landes zur eigenen Geschichte. In dem Essay „Was soll zurück?“ arbeitet sie drei sich überschneidende Felder auf: die Restitution nationalsozialistischer Raubkunst an die jüdischen Eigentümer, die Rückgabe von Kulturgütern an die ehemaligen Kolonialstaaten sowie die Ansprüche der 1918 abgesetzten Hohenzollern, der Herrscher im Deutschen Kaiserreich.

Schönberger ordnet die Debatte in einen vergangenheitsseligen Zeitgeist ein, der nicht nur in der Nostalgie gegenüber dem guten alten Gestern zum Ausdruck kommt. Dazu gehöre auch der politisch artikulierte Wunsch nach Restauration, der die Verbrechen der NS-Zeit ausblenden möchte, um ein heroisches Bild der Historie zu zeichnen. Ein dritter Aspekt, die „reparative Nostalgie“, ist am ehesten geeignet, die Forderung nach Restitution verständlich zu machen. In der reparativen Nostalgie gehe es eben nicht darum, Vergangenes zu verklären, sondern um die Wiedergutmachung von Unrecht: „Es wird eine hypothetische Gegenwart konstruiert, die entstanden wäre, hätte es das vergangene Unrecht nicht gegeben.“ Mit juristischen Argumenten habe die Kontroverse, so der schlüssige Befund, wenig zu tun.

Für die Autorin ist etwa unverständlich, dass Georg Friedrich Prinz von Preußen als Oberhaupt des Hauses Hohenzollern auftrete, obwohl der Titel keine rechtliche Bedeutung habe. Und während im Fall der NS-Raubkunst die Eigentumsverhältnisse rekonstruiert werden können, tappen Anwälte im Fall kolonialer Verbrechen im Dunkeln. Im Fall der Herero etwa sei meist unklar, wer denn die Nachfolger der Opfer bzw. die Erben entzogener Güter überhaupt sind.

Der Nostalgiebegriff trifft jedenfalls auf das Humboldt-Forum zu, um das derzeit gestritten wird. Um gigantische Geldsummen wurde das Stadtschloss der Hohenzollern rekonstruiert, eine restaurative Geste, die Berlin vom Schatten des Weltkriegs und der DDR-Diktatur befreien soll. Dadurch, dass hier außereuropäische Sammlungen präsentiert werden, soll die neue Funktion den „reparativen“ Forderungen gerecht werden. So will die Hauptstadt Rückbesinnung und Weltoffenheit gleichzeitig demonstrieren. Schönberger skizziert die Debatte und benennt die Unvereinbarkeit. Als Beispiel interessant, bleibt die Einschätzung insgesamt doch sehr spezifisch.

Anders als Österreich hat Deutschland bis heute kein Kunstrückgabegesetz, das den Umgang mit Objekten regelt. Es fehlt noch immer eine systematische Provenienzforschung. Auch war die Enteignung der Habsburger nach dem Ersten Weltkrieg so konsequent, dass keine Forderungen offenblieben. Insofern lässt sich Schönbergers Beobachtung nicht auf Österreich übertragen. Ihr Buch ist dennoch ein Gewinn, denn sie arbeitet den ethnografischen Kern des Problems heraus. In den meisten Fällen geht es nicht um abstrakte Reparationszahlungen, sondern um Objekte: um Gemälde oder – wie im Fall des geplünderten Königreichs Benin im heutigen Nigeria – um Bronzen. Die Gegenstände besitzen eine magische Aura, die sie zu „Überlebenden“ macht. Und zu Zeugen von Verbrechen.

Es mag ein Manko sein, dass es die Sicht der Opfer zu wenig einblendet. So geht es im Falle der NS- Verbrechen weniger um Vergangenheits- als um Traumabewältigung. Dennoch kommt Schönberger zu einer treffenden Conclusio: Wenn Museen heute Objekte aus ihren Vitrinen entfernen, an denen Blut klebt, dann betreiben sie für Schönberger auch eine Art von modernem Exorzismus. Die Rückgabe von Kulturgütern habe mit der Realität oft wenig zu tun, sondern befriedige lediglich ein Bedürfnis nach Erlösung. Oft gehe es gar nicht um die Wiedergutmachung von Unrecht, sondern um die Selbstdarstellung der Zurückgebenden, urteilt die Autorin: „Allzu schnell kann die erstrebte Gerechtigkeit zur Selbstgerechtigkeit werden.“

Matthias Dusini in Falter 42/2021 vom 22.10.2021 (S. 42)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783406776878
Erscheinungsdatum 26.08.2021
Umfang 158 Seiten
Genre Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Gesellschaft
Format Taschenbuch
Verlag C.H.Beck
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