
Aktiengesellschaft mit Armee
Oliver Hochadel in FALTER 12/2026 vom 18.03.2026 (S. 32)
BigTech hat uns im Würgegriff, die Demokratie ist gefährdet. Gegen die großen multinationalen Konzerne weiß die Politik sich kaum mehr zu wehren. So eine Machtfülle von privaten Unternehmen gab es noch nie. Oder?
Nun ja. Verglichen mit der Dominanz der East India Company (EIC) um 1800 wirken Google, Amazon und Co fast putzig. Die britische Aktiengesellschaft war nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch und militärisch ein Global Player, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hatte. Mit einer riesigen Armee, geschicktem Lobbyismus sowie einem eigenen Steuersystem wurde Indien systematisch ausgeplündert, schreibt William Dalrymple, ein profunder Kenner der indischen Geschichte, in „Anarchie. Der verhängnisvolle Aufstieg der East India Company“.
Die EIC existierte von 1600 bis 1874, aber der schottische Historiker konzentriert sich in seiner Darstellung auf die Zeit zwischen 1757 (in der Schlacht von Plassy unterwarf die EIC das reiche Bengalen) und 1803 (Einnahme der alten Hauptstadt Delhi).
In diesem halben Jahrhundert gelang es der EIC in einer Vielzahl gewaltsamer Konflikte, die militärische Kontrolle über große Teile des Subkontinents zu erlangen und dabei auch die koloniale Konkurrenz, die Franzosen, auszubooten. Noch um 1700 war das islamische Mogulreich (so etwas wie das indische Kaiserreich) in puncto Bevölkerung und Wirtschaftskraft eine absolute Weltmacht. Da aber der Mogul und kleinere indische Potentaten einander zunehmend bekriegten, bot sich für die EIC die Chance, diese Spannungen auszunutzen und „Anarchie“ zu kreieren – daher der Titel des Buches.
„Anarchie“ will beides sein, ein packendes Geschichtspanorama und historisch-warnendes Lehrstück. Über weite Strecken bietet der rund 600 Seiten dicke Wälzer traditionelle Ereignisgeschichte. Gerade die nicht enden wollenden Feldzüge und Schlachten werden in aller Farbenpracht und Dramatik beschrieben. Der Monsunregen peitscht, die Geschütze bleiben im Schlamm stecken, die Belagerer schlagen eine Bresche in die Stadtmauer, am Boden wälzen sich die Verwundeten.
Dalrymple fokussiert stark auf die Pläne und Taten der Heerführer und Gouverneure, der Prinzen und Bankiers. Am eindrücklichsten gelingt ihm das Porträt des kultivierten, aber politisch zunehmend machtlosen Moguls Shah Alam (1728–1806), dem sein riesiges Reich durch die Finger rinnt. All diese „großen Männer“ werden auch etwas altbacken charakterisiert. Sie sind mutig, beherrscht und weise – oder eben verschlagen, rachsüchtig und sadistisch. Das Fußvolk, die Söldner und Bauern, die „Frauen und Kinder“ kommen nur als Zahlen und als Opfer vor.
Gleichzeitig ist „Anarchie“ in seiner Ausrichtung dezidiert postkolonial. Die ausführliche Darstellung der Kampfhandlungen soll illustrieren, dass es bis heute „in der Geschichte dieser Welt kein zweites Unternehmen gegeben hat, das in einem vergleichbaren Maßstab Gewalt ausgeübt hat“.
Das erbarmungslose Raubrittertum des Unternehmens wird eingehend geschildert. Die EIC verwandelte Indien in eine Quelle unermesslichen Reichtums – für ihre Aktionäre und Spitzenbeamten wohlgemerkt. Tee, Textilien, Opium und Zucker wurden auf dem Weltmarkt stark nachgefragt. Die EIC gilt als Hauptverantwortliche der verheerenden Hungersnot in Bengalen von 1770 mit mehr als einer Million Opfer. Profit war ihr wichtiger als Reisanbau.
In ihrem Londoner Kontor, dem East India House, erfand das Direktorium auch den Konzernlobbyismus, indem sie die britische Politik unterwanderte. Mit ihrem Vermögen konnten sich viele Aktionäre Sitze im britischen Parlament kaufen. Die EIC war „too big to fail“ und erhielt 1773, zwischenzeitlich vom Bankrott bedroht, das erste staatliche Rettungspaket der Geschichte.
In Indien sprach die Aktiengesellschaft Recht, baute eine Verwaltung auf (um Steuern einzutreiben), hatte phasenweise die größte Armee der Welt (überwiegend indische Söldner), kontrollierte fast die Hälfte des Welthandels, verfolgte eine eigenständige Außenpolitik und gründete selbst Kolonien.
Der lange Arm der EIC beunruhigte auch die nordamerikanischen Siedler: Diese fürchteten, so wie die Inder unter ihr Joch zu fallen. Die Teeballen, die 1773 im Hafenwasser Bostons landeten, waren von der EIC verschifft worden. Diese „Boston Tea Party“, ein Protest gegen die britische Besteuerung, führte schließlich zum amerikanischen Unabhängigkeitskrieg (1776–1783).
Die East India Company agierte ohne jegliche staatliche Kontrolle und war allein auf Profitmaximierung aus. Ein „Staat im Gewand eines Händlers“ nannte sie Edmund Burke. Der berühmte Politiker und Schriftsteller war einer der Chefankläger im epochemachenden Prozess gegen Warren Hastings, der als Generalgouverneur die Geschicke der EIC in Indien geleitet hatte und dem Machtmissbrauch und Korruption vorgeworfen wurden.
Hastings wurde zwar nach sieben Jahren Prozess (1788–1795) freigesprochen. Aber der britischen Öffentlichkeit dämmerte nun, dass den unkontrollierten Umtrieben der EIC endlich Einhalt geboten werden musste. So entwickelte sich eine Art Private-Public-Partnership zwischen Staat und Unternehmen.
Aber erst nach dem großen indischen Aufstand von 1857, der blutig niedergeschlagen wurde, übernahm die britische Regierung selbst die vollständige administrative Kontrolle des „Kronjuwels“: Die systematische Ausbeutung Indiens wurde nun verstaatlicht.


