
Kleinmütig und perfide
Alfred Pfoser in FALTER 12/2026 vom 18.03.2026 (S. 30)
s ist nicht so, dass es bisher keine Einzelstudien, Autobiografien oder Romane zu den Schwierigkeiten und Unmöglichkeiten der Flucht aus und vor dem nationalsozialistischen Horror gegeben hätte. Ganz im Gegenteil. Aber ein großes Überblickswerk hat bisher gefehlt. Die deutsche Politologin und Historikerin Susanne Heim versucht das in ihrer enzyklopädisch angelegten Studie zu leisten.
Als Deutschland für die Juden zunehmend zum Land ohne Zukunft wurde, existierte kein Staat, der für ihre Interessen eintrat und sie gesichert aufnahm. Die Nazis betrieben ein perfides Katz-Maus-Spiel, in das sie die ganze Welt einbezogen. Die Juden sollten aus der deutschen Gesellschaft verschwinden und ihre Vermögen gefälligst zurücklassen. Was andere Staaten mit den Vertriebenen machten, ging sie nichts mehr an, damit mussten diese fertigwerden. Wie waren die Reaktionen der freien Welt, als diese mit einer immer größeren werdenden Massenflucht aus dem Dritten Reich konfrontiert war?
Die anfängliche Hilfsbereitschaft, wenn überhaupt vorhanden, nahm schnell ab, die Willkommenskultur verwandelte sich zur Fremdenfeindlichkeit. Die bürokratischen Hürden wurden größer und größer. Ein Land nach dem anderen schloss die Grenzen, niemand wollte große jüdische Flüchtlingsströme im Land haben. Große Worte und Ankündigungen gab es zur Genüge, diese lenkten aber nur von Kleinmut und Nichtstun ab.
Die Autorin bezieht die vielen, vielen Aktivitäten jüdischer Organisationen und Einzelpersonen ein, die der bedrängten jüdischen Gemeinschaft beistehen wollten. Unendlich die Bemühungen, die Emigration zu organisieren. Unendlich die Initiativen, Länder zu finden, die Juden aufnahmen. Susanne Heim beschreibt, wie die Absperrmaßnahmen nach und nach Verzweiflung und Aktivismus der unterschiedlichen jüdischen Strömungen erhöhten. Zionistische Gruppen bereiteten ihre Anhänger durch Schulungen (etwa im Ackerbau) auf die Auswanderung nach Palästina vor, ein Ansinnen, gegen das sich Großbritannien mehr und mehr sperrte, weil es seine Interessen im Nahen Osten nicht gefährden wollte.
Die Jahre 1933 bis 1938 waren nur das Vorspiel zur großen Tragödie. Zwischen 21.000 und 25.000 Menschen verließen in dieser Zeit Deutschland. Im Jahr der Annexion Österreichs und des Sudetenlandes, wo hunderttausende Juden lebten, steigerte das Dritte Reich den Emigrationsdruck durch Terror, vor allem nach der Reichspogromnacht. Die NS-Regierung brauchte Devisen, und diese sollte die sogenannte Reichsfluchtsteuer hereinbringen. Gleichzeitig wurde die Auswanderung schwieriger und schwieriger.
Mit dem Überfall auf Polen und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs nahm die Ausnahmesituation der jüdischen Bevölkerung globale Dimensionen an. Es ging jetzt um die pure Existenz von vielen Millionen Juden. Das Naziregime stoppte nun jede Auswanderungsmöglichkeit, jetzt kam mit Deportation und Vernichtung die finale Stufe der Eskalation. Reguläre Flucht wurde unmöglich, jetzt konnte nur mehr die Einschaltung von windigen, geschäftstüchtigen Fluchthelfern Perspektiven eröffnen. Die dramatischen letzten zwei Kapitel des Buches schildern die verzweifelten und manchmal geglückten, meist aber missglückten Versuche, der Hölle zu entrinnen. Für die USA hatten die Kriegsanstrengungen Vorrang vor Maßnahmen zugunsten der Verfolgten. Um nicht die Wählerschaft zu vergraulen und deren Zustimmung zum Kriegseintritt zu gefährden, wurde die jüdische Tragödie verdrängt.
Zeitweise hat Susanne Heim auch daran gedacht – wohl wegen der Komplexität und der Materialfülle –, das Buchprojekt sein zu lassen. Auch wenn ein Kapitel über die unmittelbare Nachkriegszeit, wo sich die Abschottung partiell fortsetzte, fehlt: Bravo für das materialreiche Buch!


