
Barhocker mit Leder aus der Vorhaut von Walen
Tessa Szyszkowitz in FALTER 12/2026 vom 18.03.2026 (S. 28)
Der amerikanische Ökonom Thorstein Veblen hatte es bereits 1899 erkannt: Die Macht des „Geltungskonsums“ erwachse nicht aus kunstvoller Prachtentfaltung, sondern aus purer Überflüssigkeit. „Nur Verschwendung bringt Prestige“, schrieb er in seiner „Theorie der feinen Leute“.
Diese Beobachtung borgt sich der US-Autor und Journalist Evan Osnos, um uns in die Welt der Superyachten einzuführen. Das Wort selbst leitet sich vom niederländischen „Jagd“ ab. Im 17. Jahrhundert fingen die Amsterdamer mit schnellen Kleinbooten Frachtschiffe vor dem Einlaufen in den Hafen ab und kontrollierten die Ladung. Das fanden auch die Russen spannend: „Nach einem Besuch in Holland im Jahr 1697 kehrte Zar Peter der Große mit einer Leidenschaft für Sportboote nach Russland zurück und gründete später in St. Petersburg den ,Newski Flot‘, einen der ersten Yachtclubs der Welt.“
„Yacht oder nicht Yacht. Nachrichten aus der Welt der Ultrareichen“ ist nicht etwa ein ganzes Buch über Boote von Superreichen. Der erfahrene Reporter hat seine Essays aus dem Magazin The New Yorker über die schillernden Größen aus der Tech- und Businesselite Amerikas – darunter etliche Betrüger – in einem Band zusammengefasst. Manche haben mit Osnos nur anonym gesprochen, andere, wie Mark Zuckerberg, gaben ihm gleich mehrere Interviews.
Evan Osnos steht nicht auf ihrer Seite, so viel ist von Anfang an klar. Seit 1990 sei die Zahl der Milliardäre in den Vereinigten Staaten von 66 auf über 700 gestiegen, während der durchschnittliche Stundenlohn lediglich um 20 Prozent gestiegen sei, schreibt Osnos: „In dieser Zeit ist die Zahl der wirklich riesigen Yachten – also solcher mit einer Länge von mehr als 250 Fuß (76 Meter) – von weniger als zehn auf über einhundertsiebzig gestiegen.“
Wenn eine Besatzung an Bord arbeitet, ist es eine Yacht. Wenn sie länger als 30 Meter ist, handelt es sich um eine Superyacht. Alles, was länger als 70 Meter ist, gilt als Megayacht. Ab 90 Metern spricht man von Gigayacht. Weltweit gibt es etwa 5400 Superyachten und etwa 100 Gigayachten.
Ein Fünftel der Gigayachten sind heute im Besitz postsowjetischer Milliardäre. Einige von ihnen sind allerdings inzwischen unter Sanktionen gestellt worden und dürfen von ihren Besitzern nicht mehr betreten werden. Im Jahr 2012 warf der russische Oppositionelle Boris Nemzow auch dem russischen Präsidenten Wladimir Putin vor, vier Yachten zu besitzen. Dieser und andere Vorwürfe kamen Nemzow teuer zu stehen. Drei Jahre später wurde er beim Überqueren einer Brücke in der Nähe des Kremls erschossen.
Yachten erfreuen sich nicht nur bei Diktatoren und korrupten Geschäftsleuten großer Beliebtheit. Schon US-Präsident Franklin D. Roosevelt nutzte Yachten, um geheime Gespräche zu führen. Wobei er in einen falschen Schornstein einen Aufzug einbauen hatte lassen, um unbemerkt mit seinem Rollstuhl von Deck zu Deck zu kommen.
Ein Boot auf hoher See ist eines der letzten Refugien der Privatheit. Keine Paparazzi weit und breit. Sogar die Bodyguards, schreibt Osnos, seien auf hoher See entspannter. Neuerdings sind die schwimmenden Inseln auch für „Prepper“ interessant geworden – für jene, die den Untergang der Welt nicht einfach abwarten wollen, sondern sich darauf vorbereiten. Durchschnittsverdiener präparieren ihren Keller für die Apokalypse. Superreiche entwischen im Ernstfall auf ihre Yacht.
Eines der berühmtesten Protzboote von Rang und Namen war die Christina O. des griechischen Reeders Aristoteles Onassis. Auf die lud er dann auch Maria Callas, Greta Garbo und Jacqueline Kennedy ein. Es gab eine Bar mit Walzähnen, in die pornografische Szenen aus der Odyssee eingraviert waren. Und Hocker, die mit Leder aus der Vorhaut von Walen bezogen waren.
Osnos besucht eine Werft der Firma Benetti in Livorno, die seit über 100 Jahren Luxusyachten baut. Gleich hinter dem Eingangstor stehen Modelle der berühmtesten Yachten. Die Nabila wurde 1980 für den Waffenhändler Adnan Khashoggi gebaut. Kurz bevor dieser wegen Betrugs und Behinderung der Justiz angeklagt wurde – Osnos notiert: Das Verfahren endete mit einem Freispruch –, bekam ein Immobilienentwickler aus New York den Zuschlag für die Yacht. Ja, genau, Donald Trump. Er nannte sie „Trump Princess“. Der heutige US-Präsident mag zwar an sich keine Boote, aber was soll man tun? Wenn er jemanden beeindrucken kann, geht er sogar Boot fahren.
Neben den sehr unterhaltsamen Yacht-Storys bietet Evan Osnos Porträts von so irrwitzigen Betrügern wie dem chinesischen Geheimdienstmitarbeiter Miles Guo, dem Rapper Flo Rida, dem Reddit-Mitbegründer Steve Huffman und dem Anwalt Jeffrey D. Grant, der wegen Betrugs im Gefängnis landete und dann die „White Collar Support Group“ gründete: eine Gruppe für Wirtschaftskriminelle und deren Familien.
Bei den Interviews mit Mark Zuckerberg lernt er einen der aberwitzig reichsten und einflussreichsten Vertreter der amerikanischen Elite kennen, der ihm von seiner Faszination für römische Kaiser erzählt. „Gegen Ende des Römischen Reiches war die Ungleichheit so groß geworden“, schreibt Osnos, „dass ein römischer Senator 120.000 Goldstücke im Jahr verdienen konnte, während ein Bauer nur fünf verdiente.“ Zuckerberg, notiert der Autor trocken, hat seine Kinder nach römischen Kaisern benannt.
Dank der rasanten Geschwindigkeit der Weltgeschichte lesen sich diese Texte aus dem New Yorker zwar mitunter einen Hauch veraltet, am Ende der Kapitel gibt es kleine Updates. Das tut der Qualität der Essays kaum Abbruch. Dieses Sittenbild der Gier ist feinster Lesestoff.


