
„Die durchzitterte Mitte aller Lebewesen“
Kirstin Breitenfellner in FALTER 12/2026 vom 18.03.2026 (S. 34)
Worüber ich denn gerade lese, will der Sohn im Vorbeigehen wissen. „Über Luft!“ Es folgt ein arroganter Schnaufer nach dem Motto: „Echt jetzt?“ Als ob Luft nichts wäre. Dabei ist Luft (fast) alles. Das neue Buch von Jens Soentgen weiß diese These jedenfalls überzeugend durchzudeklinieren und seine Leserschaft dabei durchgehend zu faszinieren. Nach „Staub. Alles über fast nichts“ und „Philosophie des Wassers“ legt der Chemiker und Philosoph, wissenschaftlicher Leiter des Wissenschaftszentrums Umwelt der Universität Augsburg, nun also eine Monografie über das Gasförmige unter dem Titel „Luft. Eine Entdeckungsreise zwischen Erde und Himmel“ vor.
Dabei referiert er chronologisch das Philosophieren über Luft von der Antike bis heute sowie die Wissenschaftsgeschichte des Gasförmigen. Und belegt damit nichts Geringeres als die These, dass Luft den Schlüssel für ein modernes Naturverständnis darstellt.
Luft ist nicht nur zumeist unsichtbar, sondern auch ansonsten unauffällig: „etwas, das durchsichtig ist, das man selten hört und kaum spürt, das niemandem gehört und von dem jeder nimmt, ohne es recht zu merken“. Luft hat keine Grenzen und lässt sich deswegen schwer zähmen. Man bleibt ihr ausgesetzt und auf sie angewiesen: zum Atmen, zum Riechen und nicht zuletzt zum Sprechen. Soentgen bescheinigt der Luft deswegen eine „Doppelnatur“: zur Materie sowie als „Beziehungs- und Kontaktraum“ zu den „Geistdingen“ gehörend.
Ohne das heutige Wissen über Luft gäbe es keine Luftfahrt, keinen Kunstdünger, keine Pheromon-Anwendungen und keine Wetter-Apps. Es sei kein Wunder, meint Soentgen zu Beginn seines Rundgangs, dass die Hauptgötter vieler Religionen Wettergötter waren und frühe Riten dazu dienten, sie zu befriedigen.
Der griechische Philosoph Anaximenes von Milet postulierte, „dass schlechthin alles aus der Luft entstanden sei“: eine der ersten naturphilosophischen Spekulationen auf der Basis logischer Überlegungen. Erst in der frühen Neuzeit begann mit Paracelsus, der bloßes Bücherwissen verspottete, das Experimentieren dem Philosophieren den Rang abzulaufen. Johan Baptista van Helmont (1580–1644) prägte den Begriff des Gasförmigen.
„Wenn wir heute unter Natur nicht einfach eine Ansammlung von natürlichen Dingen verstehen, sondern ein globales, unendlich komplexes Netzwerk, dann ist das Gaskonzept des Alchemisten von Helmont dafür der Schlüssel.“ Seit dem frühen 19. Jahrhundert zählt der Gasbegriff zu den Grundbegriffen der modernen Materietheorie, die lehrt, dass alle Stoffe in drei Aggregatzuständen vorkommen: fest, flüssig und gasförmig.
Im 17. Jahrhundert nahm die „Versuchskunst“ mit Otto Gericke oder Georg Christoph Lichtenberg an Fahrt auf, und Experimente mit Luftpumpen und Explosionen wurden zur Publikumsattraktion. Soentgen betont den Beitrag der deutschen Romantik zum heutigen Ökologiebegriff. Für Johann Gottfried Herder (1744–1803) ist der Mensch qua Sprachfähigkeit ein „Zögling der Luft, einer, der von der Luft nicht nur ernährt, sondern auch erzogen, gebildet wird“. Auch Romantiker wie Friedrich Schelling interessierten sich für die Natur als Prozess – und deswegen für die Chemie.
Chemisch gesehen besteht Luft aus Feinstaub, Wasserdampf und einem Gemisch von Gasen – Stickstoff, Sauerstoff, Argon, Kohlendioxid sowie Spurengasen –, das erst nach und nach entschlüsselt wurde. Erst in der „hohen Zeit der Luftforschung“ zwischen 1772 und 1803 wurde der Sauerstoff als Bestandteil der Luft entdeckt. Luft lässt sich verstehen als „Teil eines hochdynamischen, in sich aber ausgeglichenen Systems“, als „gemeinsames Atemwerk“ von Pflanzen- und Tierwelt.
„Luft ist die lebendige, durchzitterte Mitte aller Lebewesen.“ Denn Pflanzen produzieren Sauerstoff und Tiere Kohlendioxid. Auch Wasser ist eine Verbindung aus zwei Gasen – Wasserstoff und Sauerstoff – und steht daher „mit der Luft und den Luftarten in Zusammenhang“. Der schwedische Chemiker Svante Arrhenius (1859–1927) stellte zum ersten Mal einen Zusammenhang zwischen Kohlendioxid und der Erderwärmung fest.
Im 19. Jahrhundert driften Natur- und Geisteswissenschaften dann auseinander, und was zunächst eine methodische Beschränkung war, bedauert Soentgen, gilt nun als „Struktur der Wirklichkeit“. Dieser Entwicklung versucht er mit seinem klugen Buch entgegenzuwirken – und zu zeigen, wie „in der Natur alles mit allem zusammenhängt“. Es sorgt für eine erfrischende Erkenntnisbrise!


