
Kirstin Breitenfellner in FALTER 12/2026 vom 18.03.2026 (S. 33)
irk von Petersdorff wurde 1966 in Kiel geboren und gehört damit zu jenen, die ihre Kindheit in den 1970er-Jahren verlebt haben. Genau davon handelt das neue Buch des Germanisten und Autors, der an der Universität Jena unterrichtet. Es heißt „Wir Kinder der Leichtigkeit“ und entfaltet eine Mentalitätsgeschichte der BRD und damit Westeuropas der letzten 50 Jahre.
„Sie habe noch nie das Gefühl gehabt, die Gegenwart so wenig zu verstehen wie heute“, hatte eine Freundin bekannt. „Dieses Buch ist aus einer Unsicherheit hervorgegangen“, erläutert der Autor, „und es unternimmt den Versuch einer Klärung.“ Dazu durchschreitet er politische Ereignisse, Kulturgeschichte und vor allem das Lebensgefühl der Zeit seit den 1970ern. Für die Generation des Autors, der auch die Rezensentin angehört, ein geradezu nostalgisches Unterfangen, das aber glücklicherweise nicht im Anekdotischen hängenbleibt.
Seine Erinnerungen an Urlaube in denselben Orten, wo auch alle anderen sich erholten, oder den Fotostopp vor einem Atomkraftwerk untermauert der Autor mit Theorien der Zeit, beginnend mit Jean-François Lyotards Diktum vom „Zerfall der großen Erzählungen“ aus dem Jahr 1979. Es zieht sich in der Folge wie ein roter Faden durch das Buch, das durch ein „Zeitalter ohne Gewissheiten“ wandert.
Drei „große Erzählungen“ werden dabei dingfest gemacht: die sozialistische/kommunistische Ideologie, die Idee vom „Fortschritt durch immer perfektere Naturbeherrschung“ sowie jene einer „notwendigen und linearen Entwicklung der Künste“.
Vom Kalten Krieg und der Ölkrise gelangt von Petersdorff über die Terrorakte der Roten Armee Fraktion zur Gründung der Partei der Grünen und landet schließlich bei den vielen Verboten in der Kunstlehre. Offenbar litt er selbst stark unter dem letzten Aufbäumen der Avantgarde: ihrer Abwertung von Versöhnung, Realismus und Populärkultur sowie ihrer Anbetung des Neuen.
Die Forderung an die Kunst als permanente Innovation, „zuständig für die Ablehnung der Gegenwart“, wurde erst durch die Idee der Postmoderne und Niklas Luhmanns Begriff der Differenz außer Kraft gesetzt. „Wir mussten also mit Luhmann kein schlechtes Gewissen mehr haben, wenn wir ohne Utopien auskamen und die moderne Welt nicht von Grund auf verdorben fanden.“ Der Preis: „Wir mussten sehen, woher wir unseren Lebenssinn bekamen.“
Als Insignien der neuen Leichtigkeit macht der Autor etwa Salat als Hauptspeise, Turnschuhe auf Luftsohlen, Michael Jacksons „Moonwalk“ oder die Geldpolitik des „Floating“ geltend. Den 1980er-Jahren konzediert er eine gewisse Schwere (Stichworte Waldsterben, Aids, Tschernobyl), der erst mit dem Fall des Eisernen Vorhangs wieder ein allgemeines Aufatmen folgte. Schon vor der Jahrtausendwende war allerdings der Krieg auf den Balkan und damit nach Europa zurückgekehrt. Der Anschlag vom 11. September 2001 auf das World Trade Center führte zu einer grundlegenden Desillusionierung: „Die Auflösung alter zwanghafter Einheiten brachte also nicht wie von selbst Frieden mit sich.“ Seit der Finanzkrise 2008 jagt eine Krise die nächste: von der Flüchtlingskrise über die Covid-19-Pandemie bis zum Angriffskrieg auf die Ukraine.
Der kollektive Westen, den Putin bekämpfe, meint der Autor, „das sind tatsächlich wir nach dem Ende der großen Erzählungen“. Die „Freiheit nach dem Heraustreten aus den Weltanschauungen“ sei zwar bis jetzt geblieben, aber sie zeige ihre Schattenseite: die Unsicherheit. Der daraus folgenden Theoriemüdigkeit versucht von Petersdorff – zu seiner Kernkompetenz als Literaturwissenschaftler zurückkehrend – mit dem „Schutzraum“ der Literatur zu begegnen: mit klugen Interpretationen von Werken von Herta Müller bis Saša Stanišić.
Ein spannendes Buch, das sich süffig liest, auch wenn von der titelgebenden Leichtigkeit meist nicht viel zu spüren ist.


