Sachbuch-Bestenliste März 2026

Die Buchhandlung der Exilanten

Paris 1940 - Zuflucht und Widerstand
320 Seiten, Hardcover
€ 26,80
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ISBN 9783406844942
Erscheinungsdatum 03.03.2026
Genre Sachbücher/Kunst, Literatur/Literatur
Verlag C.H.Beck
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HerstellerangabenAnzeigen
Verlag C.H.Beck GmbH & Co. KG
Wilhelmstraße 9 | DE-80801 München
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Kurzbeschreibung des Verlags


Zwei Buchhändlerinnen im besetzten Paris: Eine Geschichte von Liebe und Literatur






Sie sind literarische Legenden. Adrienne Monnier und Sylvia Beach haben mit ihren benachbarten Buchhandlungen über Jahrzehnte das literarische Paris geprägt. Doch 1940, mit der deutschen Besatzung, ändert sich auch für sie alles. Aus der literarischen Oase im Herzen der Stadt wird ein Zufluchtsort für deutsch-jüdische Exilanten und ein Ort des Widerstands. Uwe Neumahr erzählt in seinem bewegenden Buch die Geschichte dieses großen Paares und ihrer Freunde.





In den wilden Zwanzigerjahren sind "Shakespeare and Company" und "Das Haus der Bücherfreunde", die Buchhandlungen von Sylvia Beach und Adrienne Monnier, Anlaufstellen für Schriftsteller, Intellektuelle und Künstler. Hier trifft sich die Avantgarde, von James Joyce und Ernest Hemingway über Pablo Picasso bis zu Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir. Mit dem Einfall der Deutschen in Frankreich im Mai 1940 aber gerät auch die Literatur in Gefahr. Zu den Besatzern gehört Ernst Jünger, während die amerikanisch-jüdische Schriftstellerin Gertrude Stein sich dem neuen Regime in Vichy anschmiegt. Adrienne Monnier und Sylvia Beach setzen alles daran, ihre Freunde Walter Benjamin, Gisèle Freund, Siegfried Kracauer und manche andere zu retten. Bis Sylvia Beach selbst von der Gestapo abgeholt und in ein Internierungslager gebracht wird. Auf der Grundlage von Archivstudien schildert Uwe Neumahr erstmals dieses dramatische Kapitel aus dem besetzten Paris.




Es ist eine Geschichte von großer Literatur und ihrer Entstehung, von Verfolgung, Gewalt und Menschlichkeit und von der Liebe zweier ganz und gar ungewöhnlicher Frauen.

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FALTER-Rezension

Als Hemingway Paris befreite

Klaus Nüchtern in FALTER 12/2026 vom 18.03.2026 (S. 4)

Da wäre man doch gerne Mäuschen gewesen, am 21. März 1919 in der Rue de l’Odéon Nr. 7. Während an diesem Freitag in Weimar das Bauhaus eingeweiht wurde, gelangte an besagter Pariser Adresse „Socrate“ zur Uraufführung, eine Vertonung platonischer Dialoge für Gesang und Klavier. An Letzterem saß mit Erik Satie der Komponist höchstpersönlich, für einführende Worte sorgte das künstlerische Multitalent Jean Cocteau, und auch das Publikum war mit Saties Kollegen Igor Strawinsky, den Malern Pablo Picasso und George Braque sowie den Schriftstellern André Gide und Paul Valéry äußerst prominent besetzt.

Weniger geläufig dürfte den meisten der Name der Gastgeberin sein, die zu dieser „séance“ geladen hatte. Adrienne Monnier, damals gerade einmal 26 Jahre alt, hatte La Maison des Amis des Livres, also das Haus der Bücherfreunde, bereits vier Jahre zuvor eröffnet und sollte die Buchhandlung, die zugleich Veranstaltungsort und Hotspot des literarischen Lebens an der Rive Gauche war, bis 1951 weiterführen – ehe sie sich genötigt sah zu verkaufen.

Bekannter als Monnier und La Maison sind Sylvia Beach und ihre Buchhandlung Shakespeare and Company – vor allem durch die Verbindung zu James Joyce, dessen „Ulysses“ die Pfarrerstocher aus Maryland 1922 als Neo-Verlegerin zur Veröffentlichung verhalf, nachdem der als pornografisch geltende Roman weder in Großbritannien noch in den USA publiziert werden durfte.

Die Läden der Französin auf Nummer 7 und der Amerikanerin auf Nummer 12 lagen tatsächlich vis-à-vis, sodass „die Leserinnen und Leser von der einen Straßenseite zur andern quasi den Atlantik überqueren und literarische Grenzen überschreiten“ konnten – wie Uwe Neumahr in seinem Buch „Die Buchhandlung der Exilanten“ bemerkt.

Monnier und die um fünf Jahre ältere Beach saßen nicht nur als femmes des lettres im gleichen Boot, sie waren auch privat ein Paar, das ab 1920 und über 17 Jahre gemeinsam in Monniers Wohnung auf Nr. 18 lebte. Im Unterschied zur Schriftstellerin Gertrude Stein und deren Lebensgefährtin/Sekretärin Alice B. Toklas, die zum Inner Circle der Pariser Avantgarde-Szene zählten, hatten sich die beiden aber nie geoutet.

Über ihre Liebesbeziehung ist praktisch nichts bekannt, und Monnier hätte sich, wie Neumahr mutmaßt, eher als non-binär denn als lesbisch definiert. Den Unterschied zwischen den beiden Partnerinnen aber beschreibt er wie folgt: „Während Sylvia asketisch und agnostisch war, war Adrienne sinnlich und spirituell. Konnte Adrienne aus der Haut fahren und konfrontativ werden, war Sylvia auf Harmonie bedacht. […] Bei der Französin standen Bücher und Wörter im Mittelpunkt, bei der Amerikanerin eher die Menschen, mit denen sie zu tun hatte: Leser und Schriftsteller.“

Neumahr, promovierter Romanist und Germanist, hat 2023 mit „Das Schloss der Schriftsteller“ ein spannendes Buch über die Nürnberger Prozesse von 1945/46 vorgelegt. Im titelgebenden Schloss, das sich im Besitz der bekannten Bleistiftfabrikantenfamilie Faber-Castell befand, waren die Reporter und Schriftsteller untergebracht, die von dem internationalen Gerichtsverfahren gegen die NS-Hauptkriegsverbrecher berichteten.

Einige wenige illustre Personen tauchen sogar in beiden von Neumahrs historischen Recherchen auf: die Journalistin und Schriftstellerin Martha Gellhorn etwa, Geliebte und ab 1940 dritte Ehefrau von Ernest Hemingway, oder die gebürtige Russin Elsa Triolet, Gattin des surrealistischen Dichters Louis Aragon und unverbesserliche Stalinistin.

Letztgenanntes Ehepaar zählte am 5. März 1939 – so wie etwa auch Jean Paul Sartre und Simone de Beauvoir – zu den Gästen, die in Monniers Haus der Bücherfreunde geladen waren, um die Porträts der aus Berlin stammenden studierten Soziologin und aufstrebenden Fotografin Gisèle Freund zu bewundern.

Freund war, um die französische Staatsbürgerschaft zu erlangen, eine Scheinehe mit einem Cousin Monniers, aber auch eine amouröse Beziehung mit dieser selbst eingegangen. Das Zusammenleben von Adrienne und Sylvia war damit beendet, nicht aber deren Freundschaft, die bis ins Jahr 1955 hielt, als sich Monnier, von schwerer Krankheit gezeichnet, mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben nahm. Zu diesem Zeitpunkt war Gisèle Freund längst eine gefeierte Fotografin, berühmt vor allem für Porträts von Kulturheroen à la Cocteau, Joyce oder Virginia Woolf, von denen sie die meisten durch die Vermittlung von Monnier kennengelernt hatte.

Ja, es ist eine ganze Menge mehr oder weniger prominenter Zeitgenossinnen und -genossen, die hier auftritt, das Personenregister umfasst über 400 Namen. Das mag ein bisschen zu viel des Guten sein, gleichwohl geht das Buch übers das schiere Celebrity-Namedropping doch weit hinaus.

Neumahr zeichnet nach, wie sich über Jahre und Jahrzehnte nicht nur ein reger Kulturaustausch, sondern auch ein Netzwerk von Bekannt- und Freundschaften entspann. Wobei Beach und Monnier ihren Kunden und Gästen nicht nur als Buchhändlerinnen, sondern auch in ökonomischen, organisatorischen und verlegerischen Belangen selbstlos zur Seite standen und während der Okkupation von Paris alles in ihrer Macht Stehende unternahmen, um Menschen vor Verfolgung und Abschiebung ins Konzentrationslager zu schützen.

Eine besonders strapaziöse Odyssee zu durchleiden hatte Arthur Koestler. Der gebürtige Ungar und Sohn eines jüdischen Industriellen war Anfang der 1930er der KPD beigetreten und hatte die Sowjetunion bereist. 1937 war er als Kriegsberichterstatter im Spanischen Bürgerkrieg von den Falangisten gefangengenommen und als vermeintlicher Spion zum Tode verurteil worden. Nach monatelanger Haft gegen einen Franco-Diplomaten ausgetauscht, wurde er in Frankreich als Kommunist verhaftet und in diversen Lagern interniert. Da hatte er freilich bereits mit dem Stalinismus gebrochen, mit dem er in seinem Roman „Sonnenfinsternis“ (1940) abrechnen sollte.

Tatsächlich war es Monnier, mit deren Hilfe es Koestler schließlich gelang, sich nach England abzusetzen. Wobei einer ihrer wichtigsten Verbündeten, der Dichter-Diplomat Henri Hoppenot, der seit den Anfangstagen von La Maison zu dessen Kunden zählte, als Strippenzieher im Hintergrund agierte – wie auch im Falle des nach Paris geflohenen Soziologen und Filmtheoretikers Siegfried Kracauer, dem dank der Unterstützung Monniers und Hoppenots die Flucht in die USA glücken sollte. Nicht in allen Fällen aber waren deren Bemühungen von Erfolg gekrönt.

Hoppenot hatte Walter Benjamin bereits 1917 kennengelernt. Monnier wiederum war dem Philosophen, Kulturkritiker und Übersetzer 1930 erstmals begegnet, nachdem dieser einige ihrer unter Pseudonym veröffentlichten Gedichte gelesen und sich für die Autorin interessiert hatte. Als er sie über Vermittlung eines Germanisten persönlich kennenlernte und keine junge hübsche Dame, sondern eine eher matronenhafte, in einen groben grauen Umhang „von nonnenhaftem Zuschnitt“ (Monniers Standardoutfit) gehüllte Frau antraf, war er einerseits enttäuscht, von der Ausstrahlung der Buchhändlerin andererseits stark beeindruckt. 1933 war Benjamin dauerhaft ins Pariser Exil gegangen. Als dem schwer Herzkranken nach Zwangsinternierungen und Lageraufenthalten der Grenzübertritt ins spanische Portbou gelungen war, nahm er sich dort am 26. September 1940 aus Angst, doch noch an die Deutschen ausgeliefert zu werden, mit 48 Jahren das Leben.

Ernest „Dicke Hose“ Hemingway blieben zu diesem Zeitpunkt noch über 20 Jahre, um Romane zu verfassen, Großwild abzuknallen und Bräute flachzulegen. Nachdem er diesbezüglich bei Sylvia Beach keine Ambitionen hatte und diese, die vom unleidlichen James Joyce Kummer gewohnt war, sich auch dem notorisch großspurigen Amerikaner gegenüber als unendlich nachsichtig erwies, stand einer unbeschwerten Freundschaft aber nichts im Wege. Als Paris Viertel für Viertel von den Alliierten befreit wurde, hielt ein Jeep in der Rue de l’Odéon, dem ein verdreckter Typ in Uniform entstieg und ein sonores „Sylvia!“ vernehmen ließ – worauf die Angerufene die Treppe herabstürmte und ihrem Befreier in die Arme fiel. Tatsächlich war Hemingway, wie er nicht müde wurde zu erzählen, gekommen, „um den Keller des Ritz zu befreien“ – in dem sich freilich schon längst keine Deutschen mehr befanden.

Die Anekdote, wie Beach sie erinnert, ist wohl etwas geschönt. Sie sorgt in dem akribisch recherchierten, mitunter etwas gar fakten- und detailreichen sowie etwas umständlich erzählten Buch aber immerhin für ein heiteres Glanzlicht. Beach, die ihre Buchhandlung nach dem Krieg nicht wieder eröffnete, schenkte ihre Buchbestände der American Library und gelangte durch den Verkauf ihres Joyce-Archivs 1958 noch an ein Vermögen. Sie starb am 5. Oktober 1962 im Alter von 75 Jahren in ihrer Wahlheimat Paris.

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