
Zwischen den Zeilen Zerrissenheit
Ulrich Rüdenauer in FALTER 12/2026 vom 18.03.2026 (S. 33)
in Roman sei eine Prosaerzählung von einer gewissen Länge, an der etwas nicht stimme. Dieses Bonmot stammt vom Dichter Randall Jarrell, und Edwin Frank zitiert es in seinem Werk „Stranger than Fiction“ gleich zwei Mal. Nicht von ungefähr: Was am Roman nicht stimmt, ist zugleich das, was ihn so reizvoll macht.
Zwischen dem etablierten Roman des 19. und dem avancierten des 20. Jahrhunderts bestehe, so Frank, ein wesentlicher Unterschied: Gab es in den geölten Erzählstrukturen von Balzac oder Henry James ein „zuverlässiges Zusammenspiel von Dialog und Beschreibung“ unter Aufsicht der Erzählinstanz, die alles unter Kontrolle hält, den Figuren angemessenen Platz einräumt und um das Vertrauen der Leser wirbt, so wird all das nun fragwürdig. Nun wird der Roman durchlässig fürs Unbeschreibliche und Unausgegorene. Er wird zwar als offene, weithin nutzbare Form verstanden, die rasant sich verändernde Wirklichkeiten in künstlerische Sprache zu „übersetzen“ sucht. Aber die Problematik dieser Übersetzung wird im Roman nun mitreflektiert. Die Autoren „schreiben sowohl als Romancier wie auch als Kritiker, der dem Romancier über die Schulter schaut, und wie sollen sie ein Buch zustande bringen, das einem solchen gespaltenen Bewusstsein gerecht wird?“ Darum geht es: um Werke, die dem gespaltenen Bewusstsein durch neue Erzähltechniken gerecht zu werden versuchen.
30 Romane hat sich Frank, Herausgeber der New York Review Books Classics, ausgesucht. Anhand derer erzählt er die Geschichte dieser Form im 20. Jahrhundert – ja, er erzählt originell und mitreißend von Büchern, ihren Autorinnen und Autoren, vor allem aber vom Roman selbst. Er sieht in ihm eine Textsorte unter Dauerstress. Einige Autoren reagieren auf diesen Stress, indem sie die Form radikal umgestalten.
Erstaunlicherweise beginnt Frank nicht im Jahr 1900, sondern bereits 1864 mit Dostojewskis „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ – ein schmales Werk ohne Plot, ein Text über einen Krisenzustand. Nicht nur darin ist es ein Vorbild für das Neue, das kommen sollte: Die „Aufzeichnungen“ sind „auch deshalb ein Vorläufer, weil die politischen und sozialen Probleme, mit denen Russland im 19. Jahrhundert konfrontiert war […], im kommenden Jahrhundert allgemein, ja global werden.“
In langen Kapiteln mit teils pointierten Nacherzählungen beschäftigt sich Frank mit ausgewählten Romanen von H.G. Wells, André Gide, Alfred Kubin, Gertrude Stein, Thomas Mann, Marcel Proust, Virginia Woolf, Chinua Achebe oder V. S. Naipaul, um nur ein paar zu nennen. Ein Epilog handelt vom ersten Roman des digitalen 21. Jahrhunderts – W.G. Sebalds „Austerlitz“. Neben eindeutigen Höhenkammtexten gibt es also sehr überraschende Untersuchungsobjekte. Was allen gemein ist: Frank findet in ihnen die Brüche und Irritationen wieder, die er bei Dostojewski entdeckt hat. Die Romane des 20. Jahrhunderts reagieren auf die Katastrophe des Krieges, die Beschleunigung des Lebens, die Befreiung des Ich, auf Abenteuerlust und Verzweiflung angesichts transzendentaler Obdachlosigkeit.
Dass Frank eine Auswahl an Büchern treffen musste, kann man ihm nicht vorwerfen. Bei aller Genauigkeit und allem historischen Wissen bleiben doch gemischte Gefühle: Seine Grundthesen sind nicht so überraschend, dass man sie auf 600 Seiten belegen müsste. Zuweilen sind die Anmerkungen zu Autorinnen und Autoren in ihrer feuilletonistischen Extravaganz ein wenig vage – über Kafka heißt es etwa, sein Schreiben habe „die Gelassenheit eines Surfers auf einer Brandungswelle, die es zum perfekten Maßstab für ein Jahrhundert der Krise macht“. Ob „Stranger than Fiction“ die Lektüre dennoch lohnt? Absolut. Alleine schon deshalb, weil man mit ihm in verschiedenste Romanwelten eintauchen kann. Das ist so inspirierend, dass man am liebsten ein Jahr frei nehmen und alle erwähnten Bücher nochmal oder zum allerersten Mal lesen möchte.


