Katastrophenzeit

Die Gesellschaft im Klimawandel und die Fallstricke der Transformation
256 Seiten, Taschenbuch
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Reihe Beck Paperback
ISBN 9783406846274
Erscheinungsdatum 30.01.2026
Genre Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Politik
Verlag C.H.Beck
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Verlag C.H.Beck GmbH & Co. KG
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Kurzbeschreibung des Verlags


Wie der Klimawandel die Demokratie gefährdet






In seinem neuen Buch analysiert der Soziologe Sighard Neckel in nüchterner Klarheit das große Dilemma unserer Zeit: Während der Klimawandel auf eine ökologische Katastrophenzeit zuläuft, stellen Maßnahmen zu seiner Eindämmung eine beispiellose Herausforderung dar, an der moderne Gesellschaften zu scheitern drohen. Klimakonflikte vertiefen soziale Ungleichheiten und die Krise der Demokratie. Der Streit um die Lebensführung bringt soziale Gruppen gegeneinander auf. Reichtumsklassen profitieren weiterhin von der Klimaschädigung. Die Folge: Es passiert zu wenig bis nichts, und die Katastrophe rückt immer näher.





Um die drängenden Fragen des Klimawandels herum entstehen zahllose neue Konfliktherde, in die unterschiedliche Interessen, Wertvorstellungen und Sozialmilieus miteinander verstrickt sind. Klimapolitisch verhärten sich die Fronten, während bei Regierungen, in der Wirtschaft und bei der Bevölkerung der Klimawandel in den Hintergrund rückt. Dadurch bleibt die notwendige schnelle sozialökologische Transformation aus. Umso mehr plädiert Neckel für einen radikalen Umbau von Wirtschaft, Gesellschaft und Politik, für einen ökologischen "Infrastruktursozialismus" im Interesse des Gemeinwohls, um der drohenden Katastrophe doch noch Herr zu werden. Dabei nimmt er nicht nur eine Reihe von gegenwärtig zirkulierenden Scheindebatten auseinander, sondern zeigt auf, welche realistischen ökologischen und gesellschaftlichen Fortschritte trotz unserer bedrohlichen Lage möglich sind.

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FALTER-Rezension

Geld verbrennt die Welt

Gerlinde Pölsler in FALTER 12/2026 vom 18.03.2026 (S. 24)

limafragen taugen hervorragend dazu, sich darüber zu zerstreiten. Fliegen, Fleisch, „der peinliche Billigurlaub“ – die Menschen fetzen „von den Grillfesten in den Reihenhaussiedlungen bis zu den Küchentischen großstädtischer Wohngemeinschaften […], wer von ihnen die größte Klimaschuld auf sich lädt“, so der Soziologe Sighard Neckel. Dabei sei das so überflüssig wie kontraproduktiv.

Die erste große Konjunktur der Klimabücher ist vorbei; zwar kommen laufend neue heraus, doch finden sie derzeit nicht so viel Beachtung wie vor fünf, sechs Jahren. Kriege, Trump, Wirtschaftsflauten binden derzeit mehr Aufmerksamkeit als der Zustand der Natur, der sich derweil zuspitzt. Stellvertretend für dennoch wacker verfasste Neuerscheinungen seien hier zwei mit ganz unterschiedlichen Zugängen vorgestellt.

Der Bremer Soziologe Sighard Neckel stellt in „Katastrophenzeit“ fest, vor welchem Trilemma moderne Gesellschaften stehen: Wirtschaftlicher Erfolg, Demokratie und ökologisches Handeln in dem Ausmaß, wie es nötig wäre, stehen einander im Wege. Doch Neckel hat einen Vorschlag.

Der Journalismusprofessor, Gewässerschützer und Wildnispädagoge Torsten Schäfer umkreist die Thematik dagegen auf sehr persönliche Weise: Mit „Die Wildnis in uns“ sucht er nach einem neuen Eingebundensein des Menschen in die Natur.

„Katastrophenzeit“ – diesen Titel mögen manche zu alarmistisch finden. Dass wir aber nun einmal auf eine Katastrophe zusteuern, stellt Sighard Neckel gleich zu Beginn klar: Selbst der Bundesnachrichtendienst zählt die Folgen der Klimakrise zu den fünf größten Bedrohungen Deutschlands. Erwärmungsszenarien und Hitzetote, Überflutungen und Wassermangel – Neckel knallt Zahl um Zahl auf den Tisch und auch, was deren Eintreten bedeuten würde: „Die Welt wäre geteilt in ausgreifende Räume von Armut und existenzieller Bedrohung, denen die geschützten Enklaven der Wohlhabenden und leidlich Gesicherten gegenüberstehen.“ Fast zwangsläufig zu rechnen sei mit „Zivilisationseinbrüchen auf allen Kontinenten“.

Unter den Versuchen, der Krise beizukommen, ist dem Soziologen der Streit um die Lebensführung besonders unsympathisch. Der erzeuge bei vielen Menschen bloß eine Abwehr gegen Klimaschutz. Ausführlich erklärt er dies am Beispiel Fleischessen. Für Gruppen mit niedrigem Einkommen symbolisiere Fleischkonsum die Teilhabe am Wohlstand. Dies infrage zu stellen fühle sich für viele daher an, „als ob man aus dem Kreis der respektablen Leute ausgeschlossen werden solle“. Doppelbödig sieht er auch den Streit um Urlaubsflüge: Tatsächlich fliegen nur zirka fünf Prozent der Deutschen überdurchschnittlich oft, und das meist geschäftlich: „Die Business Class hat ein viel größeres Flugproblem als die Holzklasse im Ferienflieger.“

All diese Kämpfe würden vernebeln, was der wahre Elefant im Raum sei: das sich verschärfende Auseinanderklaffen zwischen Arm und Reich. Die Existenz von Milliardären sei nicht bloß ein Gerechtigkeitsproblem: Ohne hier aktiv zu werden, sei auch die Klimakrise nicht in den Griff kriegen.

Die Zahlen, die Neckel zusammengetragen hat, sind politisch höchst brisant, zeigen sie doch, wie unterschiedlich stark einzelne soziale Gruppen die Atmosphäre verdrecken. Am Beispiel Deutschlands erklärt haben die unteren zwei Drittel der Einkommensgruppen ihre Emissionen bereits um mehr als ein Drittel gesenkt (in den Jahren 1991 bis 2019). Das obere Drittel hingegen hat viel weniger eingespart – und jene an der Spitze sogar um bis zu ein Zehntel mehr Emissionen rausgeblasen. Dieser Trend schreibt sich fort: Während die untere deutsche Einkommenshälfte etwa sechs Tonnen CO₂ pro Kopf und Jahr emittiert, bringt das oberste Zehntel es auf fette 34 Tonnen pro Person. Ein Auseinanderdriften, das auch global zu beobachten ist. Ökologische Verzichtsforderungen machen also, wenn die Politik nicht zwischen sozialen Gruppen unterscheidet, „gerade jene Bevölkerungsgruppen haftbar, die deutlich weniger zu den Treibhausgasen beitragen“, mahnt Neckel.

Für die exorbitanten Emissionswerte der Superreichen ist nicht nur deren Überkonsum verantwortlich, sondern vor allem, dass sie „an der Klimaschädigung wirtschaftlich ausgezeichnet verdienen“: durch ihre Investments in fossile Energieträger und Industrien oder in Agrarkonzerne. Als Beispiel nennt der Autor Rex Tillerson, CEO von ExxonMobil. Der Ölkonzern hat im Jahr 2015 laut Eigenangaben etwa 122 Millionen Tonnen CO2 direkt emittiert. Geteilt durch den Marktwert seiner Aktienanteile ergebe sich für Tillerson ein Emissionsvolumen von über 52.000 Tonnen CO2.

Neckels Schlussfolgerung: Es brauche Reichensteuern, allein schon als Zuschlag für Klimaschädigung. Mit diesen solle man dann einen „grünen Infrastruktursozialismus“ finanzieren: günstige und dichte Verkehrsnetze, saubere Energie aus preiswerten Erneuerbaren, kommunaler Wohnungsbau, eine gute Gesundheitsversorgung, die mit der Klimakrise noch wichtiger werden wird, und die Entlastung emissionsarmer Haushalte. Auf diese Art könnten sich breite Bevölkerungsschichten, auch die weniger wohlhabenden, für Klimaschutz erwärmen: „Klimapolitik muss nicht nur etwas für morgen und übermorgen versprechen, sondern für Fortschritte im Heute sorgen.“

Auch gehörten gerade Energiekonzerne (wieder) stärker in staatliche Hände, da sich zeige, dass exklusiv privatwirtschaftlicher Besitz an Öl-, Kohle- und Gasvorräten die Zerstörung des Planeten vorantreibe. „Solange Eingriffe in das Eigentum als problematischer gelten als dessen desaströser Gebrauch, gibt es kein richtiges Leben im falschen Eigentum.“

Neckel bringt all das überzeugend vor. Er formuliert prägnant und untermauert jedes Argument mit mindestens drei Beispielen. Auch andere Konzepte wie den grünen Kapitalismus oder Degrowth-Modelle analysiert er ausführlich: Bei Ersterem würden die Emissionen viel zu langsam sinken. Bei Postwachstumsmodellen wiederum sei die Umsetzung unrealistisch und sie hätten zum Teil autoritäre Züge.

Durchaus konkreter darlegen könnte Neckel seine Vision der grünen Infrastruktur für alle. Was bedeutet das für den Wohnbau oder die ebenfalls angeführte Landwirtschaft? Etwas widersprüchlich argumentiert er, wenn er zwar die Kritik an umweltbewusst handelnden Menschen kritisiert („Ökobigotterie“), teils aber in dieselbe Kerbe schlägt. Dass man sich nachhaltiges Handeln erst leisten können muss, stimmt zum Teil, aber nicht immer: Ein Urlaub ohne Flug ist nicht zwingend teurer und kein Auto kommt (für die, wo das möglich ist) billiger als jedes Auto.

Neckels Fazit leuchtet jedenfalls ein, und auch wenn es ohnehin so offensichtlich scheint, weist der Trend in die gegenteilige Richtung. Regierungen vieler Länder triezen Alleinerziehende, Migranten, Arbeitslose und Menschen mit Beeinträchtigung noch wegen kleinster Zuschüsse, während sie sich die Vermögendsten nicht anzurühren trauen. Insgesamt lässt sich von „Katastrophenzeit“ viel lernen, und man wünscht sich, dass möglichst viele Politiker dessen Ideen aufgreifen.

Ganz anders gestrickt ist „Die Wildnis in uns“. Torsten Schäfer diskutiert keine Exitstrategien oder volkswirtschaftlichen Theorien. Der frühere GEO-Redakteur und nunmeh­rige Journalismusprofessor beforscht die Klimanarrative indigener Gruppen wie der Sami. Von seinen Reisen hat er ­Nature Writing und Grenzerfahrungen mitgebracht. Erderwärmung, Artensterben und Trauer über Verschwundenes scheinen bei ihm immer durch. Zu Recht kritisiert er, dass die Biodiversitätskrise vernachlässigt wird.

Schon als Bub folgte Schäfer Wildtieren, beobachtete Rehe, lernte angeln. Niemals verlor die Wildnis vor der Haustür für ihn das Geheimnisvolle, und wegen der Rehe von damals baut er „noch heute zu Landschaften den Kontakt vor allem über ihre Tiere auf“. An neuen Orten schaut er immer zuerst, welche Arten dort leben – und fragt sich: „Wo sind wir uns ähnlich? Was kann ich von euch lernen?“

Schäfer berichtet von seiner lebenslangen Sehnsucht nach der „Wildnis“, wobei er diesen Begriff kritisch umkreist. Wo naturentwöhnte Städter am schwedischen Akkajaure-See von unberührter Natur schwärmen, erkennen die Sami Futterplätze für die Rentiere, Pfade und Sommerlager. Dem Autor ist bewusst, dass er selbst zur Idealisierung der Natur neigt, will diese aber „zulassen, weil sie meinen Antrieb ausmachen“. Gleichzeitig ist er bereit, von Indigenen zu lernen, leben diese doch viel näher mit der Natur und passen sich an deren Veränderungen an. So wichen die Sami mit ihren Rentierherden immer wieder auf neue Gebiete aus, doch nun bleibt ihnen kaum noch Raum dafür.

Manch klimapolitisch Bewegtem ist Schäfers Zugang zu wenig konkret oder zu spirituell. Als er auf einer Tagung einmal indigene Sichtweisen einbrachte, sprang ein alternativer Wirtschaftsexperte auf und rief, mit Romantik und Esoterik komme man nicht weiter. Meistens, so der Autor, ernte er bloß Schweigen, wenn er „Traditional Ecological Knowledge“ anspricht. Dabei, hält er dagegen, gehe es natürlich auch dort um Wissen – das es erst ermögliche, sich mit anderen Lebewesen zu verbinden.

Oft lesen sich Schäfers Reportagen poetisch, wenn er etwa beschreibt, wie ihn einmal hunderte Rentiere umkreisten. „Aus dem Schauspiel wird ein Strudel, der meine Sinne bannt; die Tiere geben Wärme.“ Seither ruft er dieses Bild immer wieder für Meditationen auf. Er spart aber nicht aus, dass Natur auch feindselig und grausam sein kann. So etwa, wenn er erzählt, wie er sich in Norwegen in einer Eislandschaft verirrte und es mit der Angst zu tun bekam. Oder wie er einmal in den USA mit dem Wohnmobil anhielt, um auszutreten, und plötzlich auf dem von Kadavern gesäumten Fressplatz eines Grizzlys stand. Oder ihm einmal eine Giftspinne eine Stunde lang im Nacken saß.

Einen Fünf-Punkte-Plan für die Lösung der Multikrise der Natur hat Schäfer nicht anzubieten. Dafür erreicht er womöglich auch ein Publikum, das lieber über Selbsterfahrung oder Outdoor-Abenteuer liest. Denn seine Lektüre ist lustvoll: Naturbegegnungen, so Schäfer, „lassen Hoffnung aufkeimen, die der öffentliche Klimadiskurs und die viel zu kleine Artenschutzdebatte nicht mehr hervorzubringen vermögen.

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