Zeiten des Aufruhrs
Roman

von Richard Yates

€ 20,60
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Übersetzung: Hans Ulrich Wolf
Verlag: DVA
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 368 Seiten
Erscheinungsdatum: 20.08.2002

Rezension aus FALTER 7/2003

"Versuch dir immer vorzustellen, wie du dich fühlen wirst, nachdem du jemand gebumst hast, bevor du jemand bumst. Comprendes?" Mit diesem aufgesetzt kumpelhaften Ratschlag versucht Boatwright McKendall seinem Sohn Buck etwas mit auf den Lebensweg zu geben. An einem Morgen des Jahres 1961 gehen die beiden gemeinsam auf Entenjagd; es sollte das letzte Treffen bleiben, obwohl Boatwright danach noch dreißig Jahre leben wird. Nachdem sie alle gestorben sind - der Vater und der Mann, wegen dem er seine Familie verlassen hat; die Mutter und ihr neuer Geliebter, ein Schwarzer, der als Gärtner ausgegeben wird -, erinnert sich Buck an diesen Morgen, an die körperlich manifeste Nähe zu seinem Vater ("ich konnte sogar seine Haare wittern, die warm und schimmlig rochen"), an das Leben, das mittlerweile verstrichen ist.

Die insgesamt zehn sehr unterschiedlich langen Storys, die in Richard Fords Band "Eine Vielzahl von Sünden" versammelt sind, handeln allesamt von dem mitunter sehr verstörenden Kontrast zwischen Nähe und Distanz. Auf dem Weg zu einem Abendessen erzählt Stevens Frau Marjoire ihrem Mann, dass sie einst ein Verhältnis mit dem Gastgeber hatte, worauf ihr Steven die Nase blutig schlägt und erkennen muss, "dass er seine Frau eigentlich überhaupt nicht kannte" ("Unter dem Radar"); in der Grand Central Station trifft der Ich-Erzähler zufällig den Mann, mit dessen Frau er seinerzeit ein Verhältnis gehabt hatte, und legt einen nicht übermäßig souveränen Auftritt hin ("Wiedersehen"); der Ehebruch erweist sich als eine unkomplizierte, runde Sache ("Gute Zeiten"), als etwas, das auf unspektakuläre, aber dennoch nachhaltige Weise das Leben von "Eheleuten voll guten Willens" beeinflusst ("Revier") oder als wechselweise befriedigende Rammelei, die auf Dauer aber nicht darüber hinwegzutäuschen vermag, dass alles, was zwischen Frances und Howard über das Ficken hinausgeht, eine "saudumme" Wendung nimmt und schließlich (zufällig) in eine Katastrophe mündet. Mit einer solchen endet auch Richard Yates' bereits 1961 erstmals erschienener Roman "Zeiten des Aufruhrs", zu dessen Neuauflage Richard Ford jetzt ein Nachwort geschrieben hat. Das viel beachtete Buch, so Ford, sei damals als "eine überaus zersetzende Kritik an der ,Vorstadtlösung' der Nachkriegszeit" rezipiert worden. Wo Ford in seinen Storys die Niederlagen und Verwundungen des (ehelichen) Alltags beziehungsweise das Aufbegehren dagegen in einzelnen Episoden greifbar macht, da hat der 1992 im Alter von 66 Jahren verstorbene Yates 360 Seiten, um den Untergang von April und Franklin Wheeler aus verschiedenen Perspektiven zu schildern. Was mit einer missglückten Laientheateraufführung und einem just aus dem sentimental-herablassenden Lob Franks für die (dürftige) Darstellungskunst seiner Frau resultierenden Ehestreit beginnt, hat eine Reihe von Fluchtbewegungen zur Folge: Franklin beginnt eine Affäre mit einer Bürokollegin, April gibt sich einem gemeinsamen Bekannten ohne jeglichen Enthusiasmus auf dem Rücksitz des Wagens hin, die von ihr angestrebte Übersiedlung aus Europa wird abgeblasen, als April zum dritten Mal (und zum zweiten Mal ungewollt) schwanger wird.

Obwohl die Wheelers beide erst knapp dreißig sind, wirken sie ausgebrannt, verbraucht; obwohl sie sich über die faden Zusammenkünfte bei Cocktailabenden erhaben dünken, reichen ihre Ambitionen nicht aus, um ein Leben zu führen, das über martinidurchtränkte Lunchs mit Kollegen oder gelegentliche Tiraden gegen die Selbstzufriedenheit der Suburbs hinausginge: "Das Problem war, dass der Alltag sich nicht abstellen ließ." Aber allem Anschein nach wären die Wheelers jedem anderen Alltag ebenso wenig gewachsen: Die von Mozart-Klängen und Sherryduft umwehte Ehe, die sich Franklin erträumt - "unbeschwert, kameradschaftlich, von gegenseitiger Zärtlichkeit, mit einem Hauch von Romantik, geprägt" - ruht auf tönernen Füßen: April liebt ihn einfach nicht (mehr). Für den Kritiker David Kepesh ist die Ehe ein selbst erwähltes Gefängnis lächerlicher Männer, die auf ihre Freiheit verzichten. À la longue bleiben nur Verzicht und traurige Kompensationen, die vom Wesentlichen ablenken: vom blinden Trieb und der puren Lust, denen Kepesh auch im Alter von 62 noch mit großer Verve zu folgen bereit ist, sintemal seine um 38 Jahre jüngere Studentin Consuela, eine Exilkubanerin, mit großen, superben Brüsten, glattem, "asiatischem" Schamhaar und einer Vulva ausgestattet ist, die sich beim Orgasmus nach außen stülpt.

Wie schon Coleman Silk in "Der menschliche Makel", so ist auch Kepesh in Philip Roths schmalem Roman "Das sterbende Tier" ein Mann, der seiner sexuellen Obsession mit unbeirrbarer Entschiedenheit folgt und von den Anfechtungen der political correctness gefeit ist. Ein schwanzgesteuerter nietzscheanischer Wille zur Macht erblickt im Sex die einzige Möglichkeit, "eine reine, wenn auch nur momentane Vergeltung" an allem zu üben, was einen niederzieht - allen voran dem Tod.

Wie stets besteht die Stärke auch von Roths jüngstem Roman darin, dass er uns seinen Protagonisten ganz unverstellt präsentiert, ohne die körperliche Krudheit und den Furor des Fleisches durch Kommentare eines überlegenen Erzählers zu domestizieren. Man muss David Kepesh nicht sympathisch finden und seinen l'amour fou nicht goutieren (das Ablecken von Menstruationsblut rangiert gewiss nicht unter den Top Ten der vom Papst empfohlenen Sexualpraktiken), man kann seiner Entschiedenheit, mit der er gegen den körperlichen Verfall und den Tod rebelliert, den Respekt aber nicht versagen.

Bei Roth geht es immer ums Eingemachte: Leben, Leidenschaft, Tod. Und mit einer Unerbittlichkeit, die ihn als Verwandten seines Helden ausweist, lässt er - parallel zur kulturkritischen Suada, mit der Kepesh die Millenniumsfeiern als "den Triumph der Trivialisierung über die Tragödie" geißelt - die Extreme aufeinanderprallen: Die Wiederbegegnung der einander einst in sexueller Raserei verbundenen Liebenden steht unter einem tragischen Stern - Consuela hat Brustkrebs in fortgeschrittenem Stadium. Noch einmal wird sie für Kepesh ihre Brüste entblößen, aber die einst so befriedigende (körperliche) Nähe ist nun zum unleugbaren Indiz dafür geworden, dass am Ende immer der Tod Vergeltung am Leben übt.

Klaus Nüchtern in FALTER 7/2003 vom 14.02.2003 (S. 64)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Das sterbende Tier (Philip Roth, Dirk van Gunsteren)
Eine Vielzahl von Sünden (Richard Ford, Frank Heibert)

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